Sokiologie – Liste ungeeigneter Unterscheidungen
von Kusanowsky
Hier eine Liste ungeeigneter Unterscheidungen. Diese Unterscheidungen verhindern, dass social media für eine Sokiologie produktiv genutzt werden können:
- Privatheit/Öffentlichkeit: Wodurch wurde Öffentlichkeit zu einem Problem? Öffentlichkeit wurde zu einem Problem, weil ihr Zustandekommen infolge des Buchdrucks, des Straßenverkehrs, der Uhrbenutzung, des Maschinenwesen und der Gründung von Einschließungsmilieus zuerst erschwert, aber dann mit diesen Mitteln wieder hergestellt werden konnte (Link) Das selbe gilt für Privatheit. Auch Privat wurde erst mit der Herstellung von Öffentlichkeit ein Problem, sobald sie immer leichter möglich wurde: the right to be alone, ein Recht als Forderung verstanden, das durchgesetzungsbedürftig, aber gerade darum schwierig herzustellen ist. In beiden Fällen ging es um Zeugenschaft, ihre Herstellung und ihre Vermeidung. Und in beiden Fällen knüpften sich an das Gelingen große Hoffnungen und Ängste; Hoffnung darauf, dass das Licht der Öffentlichkeit Klarheit schaffen würde (was niemals geschehen ist) und Angst deswegen, weil die Heimlichkeit des Privaten verraten werden könnte.
Diese Unterscheidung hat Probleme bekannt gemacht, die vielleicht mit social media erst erkennbar werden, wenn die damit gegebundenen Hoffnungen und Ängste den Weg der Versachlichung gehen. - Experte/Laie // Experte/Scharlatan: Zuverlässiges Wissen wird in Organisationen gefunden, aber wird durch Massenmedien wieder zerrüttet. Organisationen absorbieren Unsicherheit, Massenmedien geben Unsicherheit ab und verschlechtern die Informationssituation. Daraus entsteht ein Wechselspiel von Sicherheit und Unsicherheit, zu dessen Behandlung die Gesellschaft Experten geschaffen hat. Experten wurden gebraucht, um die Unübersichtlichkeit der Gesellschaft zu ordnen und haben dazu beigetragen, die Unübersichtlichkeit weiter zu steigern, weil immer mehr Experten gebraucht wurden. (Link) Seitdem gibt es unüberschaubar viele Experten, unüberschaubar viele Meinungen und Kompetenzen.
Experten wollen sich von Laien unterscheidbar machen und laufen Gefahr, mit Scharlatanen verwechselt zu werden. Expertenwissen ist Rivalisierungswissen: Das bessere Argument solle bevorzugt werden, aber keiner kann mehr eines vortragen. Ein Ausweg kann nicht gefunden werden, wenn überlegene Meinung, übergeordnete Vernunft und höhere Moral in Anspruch genommen wird, denn damit wird nur die Rivalisierungskonkurrenz nur fortgesetzt. Auch aus diesem Grund gibt es keinen Ausweg aus der ökologischen Krise: Rivalisierungswissen ist Gegenlichtverstärkung.
- Autor/Publikum: Diese Unterscheidung wird durch ein one-to-many-Verbreitungsverfahren hergestellt, das Dokumente aller Art eines bekannten Autors an unbekannte Empfänger verteilt. So etwas kann sehr gut funktionieren, wenn sehr wenige Autoren für sehr viele Empfänger Dokumente anfertigen, weil nur dieses Spreizungsverhältnis die Tatsache des sozialen Gelingens gut verdecken kann. Schrumpft dieses Verhältnis, wird immer deutlicher, dass weder Schreiben noch Lesen eine solche Kommunikation herstellt, denn: wer hat was geschrieben? Wer hat was gelesen? Weder der geschriebene noch der gelesene Text stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Besonders deutlich wird diese Fraglichkeit, wenn man darauf achtet, warum ausgerechnet der Autor eines Textes von dem Leser ein Honrar verlangen darf. Gibt es nur wenige Autoren, ist die Beziehungsasymmetrie der ausreichende Grund. Aber die unüberschaubare Vermehrung von Druckwerken lässt erkennen, dass es diese Vermehrung ist, die dafür sorgt, dass trotzdem Kommunikation zustande kommt. Dass die Autoren ihren Beziehungsvorteil verlieren und trotzdem unbeirrt geschrieben, gedruckt und verbreitet wird, zeigt dies mehr als deutlich.
Die Erfindung von social media macht nun alle Nutzer zu Publizisten. Diese Unterscheidung erzeugt, wenn sie beibehalten wird, hauptsächlich Obszönitäten, also Schreckgespinste, die sich dagegen wehren, diese Unterscheidung fallen zu lassen. Link - Staat/Markt // Liberalismus/Etatismus (Sozialismus): Alle gesellschaftliche Produktivität wird, so die politisch-ökonomische Selbstbeschreibung der Gesellschaft, entweder durch den Staat oder durch den Markt geordnet. So lautet jedenfalls die Vorgabe der Lehrbücher, die zugleich als Anweisung für die Beobachtung von Ordnungen fungiert: Entweder wurde es durch den Staat oder durch den Markt geordnet. Eine dritte Ordnungsinstanz sei nicht auffindbar, kann also nicht beobachtet werden.
Durch diese Unterscheidung wird jedoch Tatsache verdeckt, dass Gesellschaft die entscheidende Ordnungsinstanz ist, womit auch ihre besondere Leistungsfähigkeit auf Selbstorganisation beruht, was aufgrund der Verdeckung zu der Annahme führt, alles sei organisiert, weil man empirisch Orgsanisiertheiten überall antreffen kann. So wird mit jeder aufkommenden Innovation die Erwartung erneuert, dass entweder Staat oder Markt, meistens aber beide im Zusammenspiel ihre Ordnungsfähigkeit unter Beweis stellen sollten. Entsprechend werden Innovationen eigentlich nur als Renovationen behandelt, als Erneuerung von bekannten Routinen der Ordnungsfindung, weshalb sich alles Ordnungsbegehren wiederum an diese beiden Ordnungsinstanzen ausrichten. - rechts/links (parlamentarische Sitzordnung)// konservativ/progressiv: Dabei handelt es sich um eine Unterscheidung, die schon seit längerer Zeit ihre Verlässlichkeit eingebüßt hat, die aber in den Praktiken der politischen Folklore und der niederen säkularen Volksfrömmigkeit immer noch benutzt wird. Diese Unterscheidung hat gleichsam den Charakter eines Jokers, der die Unfähigkeit kompensiert, über Politik zu sprechen. Will man demgegenüber dennoch wieder zu einer Politik kommen, müsste man in eine solche Kommunikation etwas einführen können, das im trivialen Politikverständnis kaum vorkommt, nämlich der Gedanke, dass eine Politik erst dann zuverlässig und glaubwürdig ist, wenn sie über ihre eigenen Irrtümer sprechen kann. Ich komme an anderer Stelle darauf zurück.
- Satzungshandeln/Vertragshandeln // Gemeinnutz/Eigennutz
- Haushalt/ Unternehmung
- Kapital/Arbeit
- Angebot/Nachfrage
- Natur/Kultur // Geisteswissenschaft/Naturwissenschaft
- Wissenschaft/Kunst // Kunst/Technik
- Subjektivität/Objektivität
Zur Unterscheidung Experte/Laie, die vielleicht in der Erläuterung von KK eher eine Unterscheidung von Experte/Journalist – also ausgebildeter wissenschaftlicher Experte für ein Fachgebiet – bzw. zum Schreiben ausgebildeter Experte für ein Fachgebiet ist. Der ‘Experten’experte arbeitet in seinem Fachgebiet, erweitert möglicherweise dessen Grenzen oder hält es auch nur am Leben, der Schreibexperte beobachtet das Fachgebiet für ein Publikum und versorgt es mit öffentlichem Legitimationsnachschub, eine knappe Ressource in der Rivalität der Funktionssysteme – in jedem Fall eine seltsame Unterscheidung und beiden steht das Publikum der Laien gegenüber. Eine Ausnahme bilden Politiker, die zwar Experten sind, aber dafür nicht wissenschaftlich ausgebildet. Hier lässt sich eine weitere Variante der „Verschlechterung der Informationssituation“ durch Medien (und das ist keine Medienschelte, nicht bei KK und auch nicht bei mir) beobachten und zwar am Politikerinterview, in dem der Politiker (außer in Ausnahmefällen, wie sie z.B. Willy Brandt, Helmut Schmidt oder auch Heiner Geissler verkörpern konnten) nicht mehr als Menschen, sondern als Sprechmaschinen auftreten, die sich von einer Belanglosigkeit, von einem Gemeinplatz, von einem Technizismus zum nächsten hangeln und dabei das einzige Ziel haben, Fehler zu vermeiden. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa dieses Interview mit Annalena Baerbock: https://podcasts.apple.com/de/podcast/interview-der-woche-deutschlandfunk/id473194195?i=1000531945148
Hier verschlechtern die Massenmedien die Informationssituation nicht durch zu viel Information, die doch nie ausreicht, weil mehr Information immer zu mehr Nichtwissen führt, sondern dadurch, dass Sie die Politikerschnecken oder -schildkröten dazu bringen, sich in ihr Haus oder unter Ihren Phrasenpanzer zurückzuziehen.
Ich würde dagegen den Politiker sofort wählen, der mir – bevor er mich anzuwerben sucht – erst einmal überzeugend seine eigenen Irrtümer erklären könnte. Wir haben ja auch gelernt, Machtbesitz nicht mehr auf Dauer zu stellen und mit Zufallsfaktoren zu begrenzen, warum sollte es uns nicht ebenfalls gelingen vor die Überzeugungen nicht nur die Einsicht, sondern die Erläuterung der Irrtümer zu stellen, die sowieso immer den größten Raum einnehmen.
Das Politiker-Blabla ist der Tatsache geschuldet, dass Politiker überfordert sind. Kein Politiker kann mehr etwas sagen, das irgendwen von irgendwas über einen Zeitraum von ein bis zwei Tagen überzeugen könnte, schon deshalb nicht, weil das für Politiker ebenfalls gilt. Was sollte ein Politiker noch sagen können, das er nicht schon tausendemal gesagt hat?
Wir haben es mit einer Bumerang-Politik zu tun. Das Geschäft von Politikern besteht darin, ähnlich wie in einem Zirkel-Training eine Sation nach der anderen aufzusuchen, um an jeder Station eine bestimmte Übung durchzuführen (Gremium, Beratung, Verhandlung, Interview, Visite, Rede) und nach Beeindigung jeder Übung einen Bumerang wegzuwerfen. Kommt ein Politiker an die nächste Station, fängt er dort den Bumerang vom letzten Mal wieder auf, führt eine entsprechende Übung durch und wirft den Bumerang wieder weg und sucht die nächte Station auf: es handelt sich um eine sich selbst organisierende Kopf- und Konzeptlosigkeit. Politiker haben keine Pläne, keine Vorhaben, keine Gewissheiten oder Überzeugungen, sondern immer nur einen nächsten Termin. Das ist alles, kann also automatisiert werden.
Lieber Klaus,
Eine der Grundfragen, wenn es um eine Oikologie (im Unterschied zu Ökologie) geht, scheint mir: wie können wir uns über unsere Irrtümer informieren und nicht, wie können wir eine nächste Kulturform, eine nächste Gesellschaft, das nächste Paradies auf Erden, die Zukunft der Cyborgs oder irgend etwas dieser Art erkennen. Diese Neugier scheint mir eher eine Form von Sünde oder weniger streng ein Wunsch nach Glaube (der ja für die besseren religiösen Führer schon der erste und wichtigste Schritt zu Gott ist), aber mir scheint, wir oder wenigstens ich kann das nicht (mehr) …
Eine Sache, die wir aber vielleicht tun können, ist Katastrophen studieren, also zum Beispiel die Französische Revolution oder den Nationalsozialismus. Nur dürfte dieses Studium nicht wieder auf das gouvernantenhaft fade Erziehungsziel hinauslaufen, die Geschichte zu kennen, um sie nicht zu wiederholen, sondern vielleicht eher darauf, sich zu fragen, was war eigentlich faszinierend und interessant am Kolonialismus, an der Sklaverei, an Robespierre, an Hitler und Konsorten, was waren die ‚guten’ Nationalsozialisten (hilfreich ist da etwa das Buch „Wer waren die Nationalsozialisten“ von Ulrich Herbert) usw. usf., kurz: wir müssten uns in eine Art von Affirmation der Katastrophe verstricken und nicht nochmals im Nachhinein verhindern, was schon einmal geschehen ist. Das ist gefahrloses Heldentum, also Maulheldentum. Möglicherweise ist aber auch das Studium von Katastrophen noch zu sehr dem apokalyptischen Dispositiv verfallen. Ich halte die Apokalyptik in unserem Kulturkreis, die ständig in unzähligen Zeitungsartikel und Meinungsäußerungen zum Ausdruck kommt, für eine beklagenswerte Tradition und zwar aus mehreren Gründen. Wer mit dem Weltuntergang argumentiert
– verliert andere möchlicherweise genauso wichtige oder im Augenblick sogar wichtigere Dinge aus dem Blick, er verliert also gewissermaßen Umweltaufmerksamkeit (Irritationskompetenz) und Geistesgegenwart. Es zählt nur noch das eine Thema.
– neigt dazu, die Unterscheidung zwischen einem Reich des Vorletzten, in dem wir leben und einem Reich letzter Dinge, wo es nur noch um Rettung oder Untergang geht und folglich alle anderen Unterscheidungen belanglos werden, einzuebnen. Dann wird es leicht totalitär und man ist ganz schnell bei der Auffassung, die Lauterbach schon seit einiger Zeit vertritt, dass man die Menschen freiwillig nicht mehr zum Wandel des Verhaltens bewegen kann:
Lauterbach sprach ja in Bezug auf seine eigene Disziplin unlängst in einem Radiointerview wahrhaftig von den Konsenswissenschaftlern und den „zwei oder drei Nichtkonsenswissenschaftlern“ Deutschlands, die „Tausende von Toten auf dem Gewissen“ hätten. Neben der unnötigen Entmündigung von Menschen, die letztlich für ihre Gesundheit selbst verantwortlich sind, ist man dann schon gefährlich nah an Phantasien der Gleichschaltung.
– außerdem ist der Weltuntergang schon oft vorhergesagt worden und bisher noch immer ausgeblieben, so wie auch der Messias. Merkwürdigerweise sind Menschen gleichwohl für das Untergangsschema extrem anfällig, es muss da irgendetwas geben, was uns so anfällig dafür macht? Ich versuche in dieser Hinsicht hoffnungslos optimistisch zu bleiben (was mir nicht immer leicht fällt) und vermute bei denen, die mir mit Apokalypserzählungen kommen entweder uneingestandene politische Hintergedanken oder eine kulturell-psychologische Schädigung, die bedauerlich, aber schwer zu beheben ist. Gleichwohl denke ich: Gott bewahre uns vor apokalyptischen Nationen und Personen. Hinzu kommt, dass es in einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit natürlich ungeheuer attraktiv ist, vor ein großes Entweder-Oder gestellt zu werden und zur Rettung der Welt beitragen zu dürfen, darauf weist Norbert Bolz zu Recht immer wieder hin. Ich fürchte allerdings, dass viele der bürgerlichen und antibürgerlichen Weltenretter – und das ist dasselbe – sich eher in der Position der Girondisten befinden, bevor Robespierre mit dem Wohlfahrtsausschuss die Macht übernimmt und dann Gnade Ihnen Gott. Danton war ein enger Freund von Robespierre und Desmoulins sogar ein Schulkamerad, beide haben ihn geradezu schwärmerisch verehrt und das hat sie gleichwohl nicht vor der Guillotine bewahrt.
Ansonsten glaube ich, dass es nur einen komplexen und bescheidenen Umgang mit dem Klimawandel geben kann, der nicht auf Planungs- und Kontrollillusionen aufbaut, die alle scheitern werden. Deswegen finde ich auch Auseinandersetzungen mit dem Klimawandel wie die von Björn Lomborg im Anhang interessanter, als die gewöhnlichen journalistischen Mahnwachen. Es geht eben nicht darum wieder und wieder die bestehende Gesellschaft aufgrund ihres Problemüberhangs schuldig zu sprechen, sondern Maulwurf zu werden, Made, Parasit, also wahrscheinlich nicht nur keine Ahnung, sondern auch kein Widerstand, keine Verzweiflung und stattdessen die Suche oder vielleicht sogar das Warten auf – wie sagst Du – verwertbaren Überfluss.