Differentia

Monat: Juli, 2020

Tweet ausgedruckt, abfotografiert, gepostet

Gerade mit Erschrecken festgestellt dass Twitter schon vor langer Zeit diese tweets zensiert hat.
CC @testa_alfred

Originally tweeted by k9ert (@k9ert) on 28. Juli 2020.

Sokiologie – Liste ungeeigneter Unterscheidungen

Hier eine Liste ungeeigneter Unterscheidungen. Diese Unterscheidungen verhindern, dass social media für eine Sokiologie produktiv genutzt werden können:

  • Privatheit/Öffentlichkeit: Wodurch wurde Öffentlichkeit zu einem Problem? Öffentlichkeit wurde zu einem Problem, weil ihr Zustandekommen infolge des Buchdrucks, des Straßenverkehrs, der Uhrbenutzung, des Maschinenwesen und der Gründung von Einschließungsmilieus zuerst erschwert, aber dann mit diesen Mitteln wieder hergestellt werden konnte (Link) Das selbe gilt für Privatheit. Auch Privat wurde erst mit der Herstellung von Öffentlichkeit ein Problem, sobald sie immer leichter möglich wurde: the right to be alone, ein Recht als Forderung verstanden, das durchgesetzungsbedürftig, aber gerade darum schwierig herzustellen ist. In beiden Fällen ging es um Zeugenschaft, ihre Herstellung und ihre Vermeidung. Und in beiden Fällen knüpften sich an das Gelingen große Hoffnungen und Ängste; Hoffnung darauf, dass das Licht der Öffentlichkeit Klarheit schaffen würde (was niemals geschehen ist) und Angst deswegen, weil die Heimlichkeit des Privaten verraten werden könnte.
    Diese Unterscheidung hat Probleme bekannt gemacht, die vielleicht mit social media erst erkennbar werden, wenn die damit gegebundenen Hoffnungen und Ängste den Weg der Versachlichung gehen.

  • Experte/Laie // Experte/Scharlatan: Zuverlässiges Wissen wird in Organisationen gefunden, aber wird durch Massenmedien wieder zerrüttet. Organisationen absorbieren Unsicherheit, Massenmedien geben Unsicherheit ab und verschlechtern die Informationssituation. Daraus entsteht ein Wechselspiel von Sicherheit und Unsicherheit, zu dessen Behandlung die Gesellschaft Experten geschaffen hat. Experten wurden gebraucht, um die Unübersichtlichkeit der Gesellschaft zu ordnen und haben dazu beigetragen, die Unübersichtlichkeit weiter zu steigern, weil immer mehr Experten gebraucht wurden. (Link) Seitdem gibt es unüberschaubar viele Experten, unüberschaubar viele Meinungen und Kompetenzen.
    Experten wollen sich von Laien unterscheidbar machen und laufen Gefahr, mit Scharlatanen verwechselt zu werden. Expertenwissen ist Rivalisierungswissen: Das bessere Argument solle bevorzugt werden, aber keiner kann mehr eines vortragen. Ein Ausweg kann nicht gefunden werden, wenn überlegene Meinung, übergeordnete Vernunft und höhere Moral in Anspruch genommen wird, denn damit wird nur die Rivalisierungskonkurrenz nur fortgesetzt. Auch aus diesem Grund gibt es keinen Ausweg aus der ökologischen Krise: Rivalisierungswissen ist Gegenlichtverstärkung.
  • Autor/Publikum: Diese Unterscheidung wird durch ein one-to-many-Verbreitungsverfahren hergestellt, das Dokumente aller Art eines bekannten Autors an unbekannte Empfänger verteilt. So etwas kann sehr gut funktionieren, wenn sehr wenige Autoren für sehr viele Empfänger Dokumente anfertigen, weil nur dieses Spreizungsverhältnis die Tatsache des sozialen Gelingens gut verdecken kann. Schrumpft dieses Verhältnis, wird immer deutlicher, dass weder Schreiben noch Lesen eine solche Kommunikation herstellt, denn: wer hat was geschrieben? Wer hat was gelesen? Weder der geschriebene noch der gelesene Text stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Besonders deutlich wird diese Fraglichkeit, wenn man darauf achtet, warum ausgerechnet der Autor eines Textes von dem Leser ein Honrar verlangen darf. Gibt es nur wenige Autoren, ist die Beziehungsasymmetrie der ausreichende Grund. Aber die unüberschaubare Vermehrung von Druckwerken lässt erkennen, dass es diese Vermehrung ist, die dafür sorgt, dass trotzdem Kommunikation zustande kommt. Dass die Autoren ihren Beziehungsvorteil verlieren und trotzdem unbeirrt geschrieben, gedruckt und verbreitet wird, zeigt dies mehr als deutlich.
    Die Erfindung von social media macht nun alle Nutzer zu Publizisten. Diese Unterscheidung erzeugt, wenn sie beibehalten wird, hauptsächlich Obszönitäten, also Schreckgespinste, die sich dagegen wehren, diese Unterscheidung fallen zu lassen. Link
  • Staat/Markt // Liberalismus/Etatismus (Sozialismus): Alle gesellschaftliche Produktivität wird, so die politisch-ökonomische Selbstbeschreibung der Gesellschaft, entweder durch den Staat oder durch den Markt geordnet. So lautet jedenfalls die Vorgabe der Lehrbücher, die zugleich als Anweisung für die Beobachtung von Ordnungen fungiert: Entweder wurde es durch den Staat oder durch den Markt geordnet. Eine dritte Ordnungsinstanz sei nicht auffindbar, kann also nicht beobachtet werden.
    Durch diese Unterscheidung wird jedoch Tatsache verdeckt, dass Gesellschaft die entscheidende Ordnungsinstanz ist, womit auch ihre besondere Leistungsfähigkeit auf Selbstorganisation beruht, was aufgrund der Verdeckung zu der Annahme führt, alles sei organisiert, weil man empirisch Orgsanisiertheiten überall antreffen kann. So wird mit jeder aufkommenden Innovation die Erwartung erneuert, dass entweder Staat oder Markt, meistens aber beide im Zusammenspiel ihre Ordnungsfähigkeit unter Beweis stellen sollten. Entsprechend werden Innovationen eigentlich nur als Renovationen behandelt, als Erneuerung von bekannten Routinen der Ordnungsfindung, weshalb sich alles Ordnungsbegehren wiederum an diese beiden Ordnungsinstanzen ausrichten.
  • rechts/links (parlamentarische Sitzordnung)// konservativ/progressiv: Dabei handelt es sich um eine Unterscheidung, die schon seit längerer Zeit ihre Verlässlichkeit eingebüßt hat, die aber in den Praktiken der politischen Folklore und der niederen säkularen Volksfrömmigkeit immer noch benutzt wird. Diese Unterscheidung hat gleichsam den Charakter eines Jokers, der die Unfähigkeit kompensiert, über Politik zu sprechen. Will man demgegenüber dennoch wieder zu einer Politik kommen, müsste man in eine solche Kommunikation etwas einführen können, das im trivialen Politikverständnis kaum vorkommt, nämlich der Gedanke, dass eine Politik erst dann zuverlässig und glaubwürdig ist, wenn sie über ihre eigenen Irrtümer sprechen kann. Ich komme an anderer Stelle darauf zurück.
  • Satzungshandeln/Vertragshandeln // Gemeinnutz/Eigennutz
  • Haushalt/ Unternehmung
  • Kapital/Arbeit
  • Angebot/Nachfrage
  • Natur/Kultur // Geisteswissenschaft/Naturwissenschaft
  • Wissenschaft/Kunst // Kunst/Technik
  • Subjektivität/Objektivität

 

 

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