Sprechstunde 6: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Robert Pfaller

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Der „Standard“ aus Wien hat wieder einmal versucht, mich mit belanglosen Fragen zu quälen, aber ich hatte eine gute Ausrede: ich war mit meiner Langeweile wegen der Ausgangsbeschränkungen beschäftigt und hatte alle Hände voll zu tun, sie auszuhalten. Deshalb musste man sich an Robert Pfaller wenden, dessen Antworten man unter diesem Link nachlesen kann, hier aber kann man die wahren Antworten nachlesen, die ich gegeben hätte, wäre alles nicht so schlimm gekommen:


Der streitbare Klaus Kusanowsky über die Sinnhaftigkeit der aktuellen Notmaßnahmen und ihre Gefahren

Ein Satz von Ihnen lautet: „Entscheidend ist, dass wir uns nicht ständig vor dem Tod fürchten, sondern vielmehr vor schlechtem Leben.“ Können wir in der jetzigen Situation ein gutes Leben führen?

Nein, in der jetztigen Situation geht das auf keinen Fall. Wir sitzen alle zuhause und können uns nicht über die Chefin aufregen oder über die bescheuerten Kollegen, wir laufen auch nicht Gefahr, auf der Straße von einem Auto überfahren zu werden, wir müsssen nicht auf verspätete Züge warten und außerdem bekommen wir aufgrund des Kontaktverbots keinen Streit mit dem Nachbarn, weil sein Efeu an unserer Garagenrückwand hochgewachsen ist. Auch können wir uns jetzt um unsere Kinder selbst kümmern und haben viel Zeit für Dinge, die sonst liegen bleiben würden. Ein solches Reglement ist für den modernen Menschen kaum auszuhalten. Wir werden alle sterben, soviel ist sicher.

Was macht ein solch strenges Reglement mit uns? Können wir auf ureigenste Bedürfnisse wie die Nähe zu anderen einfach verzichten?

Nein, das meinte ich. Wenn wir durch die Regierung dazu gezwungen werden, nicht mit dem beknackten Nachbarn zu streiten, weil sonst in irgendeinem Krankenhaus ein Menschen sterben könnte, dann läuft etwas falsch. Wie soll man da gesund bleiben, frage ich mich.

Ausgangsbeschränkungen, keine geselligen Zusammenkünfte und die zunehmende Überwachung des Einzelnen: Erleben wir derzeit das, was Foucault eine „Disziplinargesellschaft“ genannt hat?

Ich habe eher den Eindruck, dass wir es mit einer gut laufenden Informationsanarchie zu tun haben. Weltweit sind alle Lampen an, genau genommen sieht man aber nicht viel. Eigentlich sieht man nur eines genau: Es ist alles ganz hell, schrill und hell, aber das heißt, dass man kaum etwas sieht. Es ist hell, oder wie man im Angelsächsischen sagen würde: hell. In der Hölle ist es nicht dunkel, sondern hell.

Verbote und Kontrollen rufen sehr schnell Gegenreaktionen hervor. Rechnen Sie auch im jetzigen Fall damit?

Ja, aber in einer ungewöhnlichen Zeit passieren nun einmal ungewöhnliche Sachen: Leute fahren ohne Fahrschein mit der U-Bahn, andere überfallen Passanten auf der Straße oder brechen Autos auf oder Wohungen und stehlen irgendwas. Andere sitzen in Automobilkonzernen an geeigneter Stelle und manipulieren Software, wieder andere machen ihre Steuerklärung. Parteien umgehen Bestimmungen der Parteifinanzierung, Schüler verspotten ihre Lehrer und Journalisten stellen dumme Fragen. Alles sehr ungewöhnlich. Seit der Coronakrise ist das alles ein bißchen schwieriger geworden. Diese Krise macht aber eigentlich nur auf die Tatsache der Gesellschaft aufmerksam, eine Tatsache von der Ralf Dahrendorf mal gesagt hatte, dass sie eine ärgerliche Tatsache sei, nämlich darauf, wie ungewöhnlich Gesellschaft ist, aber auf diese Weise eben normal. Der Soziologe ist überrascht, dass mit einem Schlag die ganze Weltbevölkerung etwas in Erfahrung bringt, das der Soziologe schon lange kennt: Gesellschaft ist unwahrscheinlich, aber normal.

Sie haben in der Vergangenheit davon gesprochen, dass unsere Gesellschaft eine „Maßlosigkeit im Mäßigen“ auszeichnet. Würden Sie sagen, dass die Gesellschaft, zynisch gesprochen, in der jetzigen Situation bei sich ist?

Das weiß ich nicht, ich habe in der Vergangenheit nämlich auch noch von anderen Dingen gesprochen, nämlich von Tomatensaft, Handlungstheorie und Ostereiern zum Beispiel. Außerdem hatte ich am 5. September 1997 um 16 Uhr nachmittags davon gesprochen, dass es regnet. Die Weisheit meiner Worte findet selten ein aufmerksames Ohr, aber manchmal bin auch ich erstaunt, wie sehr auf meine Worte geachtet wird. Man sollte viel häufiger auf meine Worte achten. Vor 3 Monaten hatte ich zu einem Freund gesagt: „Eines Tages werden wir uns wundern, was alles passieren kann.“ Diese Worte hatten bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen, der bis heute anhält.

Es ist erstaunlich, wie schnell die Einschränkung von Freiheitsrechten vonstatten ging. Hat Sie die Einstimmigkeit der Maßnahmen überrascht?

Ja.

„Die Corona-Krise ist ein großer Test, wie wir mit unseren Bürgerrechten umgehen“, hat der Historiker Noah Harari kürzlich in der „Financial Times“ geschrieben. Sind wir für diesen Test gut gerüstet?

Nein.

In Ungarn versucht nun Premierminister Viktor Orbán die Krise dazu zu benutzen, das dortige Parlament auszuhebeln. Sehen Sie auch bei uns demokratiepolitische Gefahren, die mit dem jetzigen Ausnahmezustand einhergehen?

Weiß nicht.

Worauf müssen wir in der jetzigen Situation besonders achtgeben?

Auf Schnürsenkel. Die reißen nämlich ständig. Achtgeben sollte man auch auf Hundekot, der unerlaubter Weise auf der Straße liegt. Wenn man da rein tritt ohne es rechtzeitig zu bemerken, dann kann man sich sehr ärgern. Wichtig ist auch, dass man nicht zuviel Salz in die Suppe tut. Außerdem sollte man auf Rechtschreibregeln achten. Andernfalls führt das zu vielen Missverständnissen, die alles noch viel schlimmer machen. Und natürlich auf den Straßenverkehr, auf das Wetter, auf das dumme Zeug, das Politiker sprechen, auf das Klingeln des Telefons und man sollte vor allem darauf achten, dass man genügend Toilettenpapier vorrätig hat.

Wie werden wir nach der momentanen Krise wieder in einen Normalzustand zurückfinden können?

Das ist eine gute Frage. Da müssten wir erst mal definieren, was man unter einem Normalzustand versteht.