Sprechstunde 4: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Rutger Bregman

von Kusanowsky

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Beim Deutschlandfunk musste man offensichtlich Langeweile gehabt haben. Wie anders wäre zu erklären, warum man mich von dort anruft und mich fragt, ob ich ein Interview geben würde? Es ginge um den Menschen, um die Welt und um die ganze große Wahrheit des irdischen Daseins, hieß es – da wäre ausgerechnet ich der richtige Gesprächspartner. Diesen Witz fand ich sehr charmant, aber ich musste absagen. Ich hatte beim Lachen Kaffee verschüttet und konnte nicht darauf verzichten, sofort alles sauber machen. Der Deutschlandfunk hatte stattdessen mit Rutger Bregman gesprochen, der offensichtlich nicht ganz so amüsiert und darum auch besser geeignet war als ich. Hätte ich mich aber etwas zusammengerissen, wäre das Gespräch folgendermaßen verlaufen:


Der Mensch ist von Natur aus freundlich, hilfsbereit und gutmütig. Nichts weniger als das behauptet der deutsche Soziologe Klaus Kusanwosky in seinem neuen Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“, das heute in Deutschland erscheint. Ich habe mich mit ihm unterhalten und ihn gefragt, warum denn, wenn das wahr ist, wir nicht in einer freundlichen, hilfsbereiten und friedlichen Welt leben?

Für die Wahrheit interessiere ich mich selten. Wahrheit ist entweder das Langweiligste, das wir kennen, oder sie ist so groß und unerreichbar, dass sie kein Gegenstand des Interesses mehr ist. Wahrheit ist entweder banal – mein Hund hat vier Beine, Wasser ist naß, die Chefin ist doof und Angela Merkel ist eine Frau – oder so schwer zu vermitteln, dass man eigentlich damit rechnen müsste, dass sie kaum einer versteht. Nein. Über die Natur des Menschen kann man keine Wahrheit sagen, weil sie entweder bekannt und darum uninteressant, oder aber interessant ist, dann jedoch immer unbekannt bleibt. Wenn ich sage, dass die Natur des Menschen von freundlicher Art ist, dann meine ich damit eigentlich nur, dass jeder Mensch ein Soziologe ist, also irgendein harmloser Spinner, der durch die Gegend latscht und bei jedem Scheiß, der in der Welt passiert, mitmacht. Warum aber versteht die Menschheit das nicht?

Interessanterweise geben Sie aber auf genau diese Frage in Ihrem Buch ja eine Antwort. Sie erklären nämlich, dass im Grunde genommen seit Jahrhunderten fast schon Wissenschaftler, Journalisten, Historiker – Sie haben es gesagt –, Schriftsteller und Lehrer manchmal in der Schule uns etwas ganz anderes erzählen über unsere Instinkte und die Menschheit. Ist das eine Art Gehirnwäsche gewesen?

Ja nee. Die Menschheit selbst ist eine Art von Soziologie. Also ja: Soziologie jeder Provinienz macht schnell den Eindruck, dass es ohne Gehirnwäsche nicht geht, aber nee: der Soziologe an sich ist klug genug, sich dieser Art von Hygiene zu entziehen. Eine jede Soziologie ist schmutzig, so auch die Geschichte der Menschheit. Ihre Schmutzigkeit garantiert ihre Harmlosigkeit. Die Auffassung, man könnte das mit einer Fassade verblenden, wurde vom Menschen immer schon häufig behauptet und genauso oft durchschaut. Genau das ist Soziologie: Menschheitswissen, von welchem nie begriffen wird, was genau da gewusst wird, weil sich die Dinge ständig ändern. Soziologie ist Quatsch, die Menschheit auch. Der Mensch ist blöde, aber lieb.

Aber gerade, wenn wir über die Fassadentheorie reden, die Sie gerade erwähnt haben, die ja vereinfacht immer sagt, es gibt diesen Anschein von Zivilisation, und der ist ganz schnell weg, wenn wir Probleme bekommen. Können wir ganz kurz mal aktuell werden: Wenn ich beobachte, was gerade mit dem Coronavirus passiert: Da gibt es Leute, die kaufen Dosensuppen, Gesichtsmasken, sogar Toilettenpapier, damit sie es dann später für ganz viel Geld weiterverkaufen können, sollte die Krise schlimmer werden. Ist das nicht ein Beweis für die Fassadentheorie?

Nein.

Sie gehen ja sehr weit zurück in Ihrem Buch, und im Grunde genommen lernen wir aus diesem Buch, dass das Überleben der Stärkeren bei Darwin in Wirklichkeit, die Evolution also in Wirklichkeit, das Überleben der Freundlicheren gewesen ist. Aber wann hat das offenbar in der Geschichte der Menschheit plötzlich nicht mehr funktioniert?

Mit der Erfindung von Hauspantoffeln hat das alles angefangen. Die Quellen, die über diese Erfindung Auskunft geben, liegen zwar noch im Verborgenen, aber trotzdem man kann sehr gut die Veränderungen nachvollziehen, die stattgefunden haben, seitdem Hauspantoffeln in Gebrauch kamen. Hauspantoffeln sind nur scheinbar eine harmlose Erfindung. Tatsächlich kann man zeigen, dass mit Hauspantoffeln erst der ganze Verdruss über die Menschheit gekommen ist. Denn mit Hauspantoffeln sind Häuslichkeit, Pflege, Sorgfalt und Bekümmerungen um die kleinen und niederen Dinge des Lebens verbunden. All das hält die Menschen davon ab, sich mit den ganz großen Fragen das Daseins und der Existenz zu beschäftigen. Die Erfindung von Hauspantoffeln ist die welthistorische Ursache für Kleinkriege, die sich jederzeit aufschauklen können, für Niedertracht und Egosismus, für Expansionsdrang, der durch die Enge entsteht, für Imperialismus und Umweltverschmutzung. Kein Wunder, dass der Kampf von jedem gegen jeden von einer häuslich gewordenenen Zivilisation ausgeht.

Wäre vielleicht der erste Schritt zu einer Veränderung, überhaupt bereit zu sein, über all das nachzudenken? Sie sagen ja auch ganz ehrlich schon in Ihrem Buch, dass es nicht einfach war, überhaupt einen Verlag zu finden, der ein Buch zu diesem Thema mit diesen Thesen veröffentlichen wollte.

Ja, ich halte ein allgemeines Verbot von Hauspantoffeln für dringend erforderlich. Aber es scheint, die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Es fehlt noch immer an dem richtigen Bewusstsein und an einem tiefen Nachdenken über die wirkliche Natur des wahren Menschen.