Sprechstunde 3: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Stephan Lessenich

von Kusanowsky

Sprechstunde 1 // Sprechstunde 2: Heinz Bude

Der „Standard“ in Wien hatte mich spontan gefragt, ob ich für ein kurzes Interview zur Verfügung stünde, worauf ich genauso spontan zugesagt hatte. Dann aber musste ich nießen und mir die Nasen putzen. Deshalb hatte ich etwas Wichtigeres zu tun als mich mit den Fragen zu befassen. Da es für den Standard aber schnell gehen musste, hatte man Stephan Lessenich um ein Interview gebeten, das man hier nachlesen kann. Mir bleibt daher nur die Möglichkeit, den ursprünglich geplanten Verlauf der Weltgeschichte als Nachtrag bekannt zu geben, was hiermit geschehen soll:


Herr Kusanowsky, inwiefern sind unsere Demokratien undemokratisch? Wir leben ja schließlich in einer.

Da muss man erst mal definieren, was wir unter Demokratie verstehen. Für die politische Soziologie in Deutschland ist Demokratie eine säkulare Form der Theokratie, in der es darum geht, die heiligen Grundsätze der menschlichen Gerechtigkeit und Glückseligkeit zur vollen Entfaltung zu bringen, so dass alle Menschen gleichberechtigt und frei sind. Da nun aber die empirische Realität dieser Vorgabe nicht entspricht, hat sich im soziologischen Diskurs eine Zwei-Welten-Theorie etabliert, die besagt, dass wir es in Sachen Demokratie auf der einen Seite mit Mächten des Lichts, die die wahre Demokratie bringen, zu tun haben und auf der anderen Seite mit Mächten der Finsternis, die vom Satan gesteuert werden und die ein Trugbild der Demokratie abliefern. Gegenwärtig leiden wir unter den Mächten der Finsternis, deren Blendwerk darin besteht, mit der Durchführung von Parlamentswahlen die Illusion von Mitbestimmung  zu inszenieren, die dabei aber gleichzeitig eine Ausschließungswirkung haben.

Abgesehen von dem Ausschluss über das Wahlrecht: Wer kann nicht mitbestimmen?

Eigentlich fast alle, fast überall und fast immer. Ein Beispiel: Wenn wir zuhause am Küchentisch sitzen, dürfen die Nachbarn nicht mitbestimmen, was wir zum Mittag essen. Und wenn unsere Nachbarn uns im Sommer zum Grillen einladen, dürfen die Nachbarn unserer Nachbarn nicht mitbestimmen, welcher Ketchup gekauft wird. Und wenn doch, ist nicht ausgeschlossen, dass die Nachbarn mehrheitlich bestimmen, dass Senf gekauft wird, obwohl sie gar nicht mit essen. Dieses Schema setzt sich fort: an allen Orten, wo Menschen im Namen des Guten versammelt sind, sind andere Menschen von der Mitbestimmung an anderen Orten ausgeschlossen. So kommt es, dass die Menschen nicht zueinander finden und sich über ihre wahren Bedürfnisse verständigen können. Aber es kommt noch schlimmer: sogar an Orten, an denen sie sich aufhalten, sind sie von Mitbestimmung ausgeschlossen. Wenn ich zum Beispiel Vorlesungen über politische Soziologie halte, sind nicht nur alle Biologen, Mediziner, alle Tischler, fast alle Christdemokraten und beinahe alle Chinesen und Katzenliebhaber durch Abwesenheit ausgeschlossen. Vielmehr dürfen auch alle Anwesenden nicht einfach darüber mitbestimmen, was in der Vorlesung behandelt wird. In der wahren Demokratie wäre aber niemand mehr von der Teilhabe ausgeschlossen.

Wer verhindert diese Teilhabe?

Das machen die Knechte des Satans, die Macht über die Seelen der Menschen gewonnen haben und die sie gewiss nicht so einfach wieder freigeben werden. Ihre Machenschaften tarnen sie als Marktwirtschaft, Wohlstandsleben und Wachstumsgesellschaft, also als das, was man Kapitalismus nennt. Und wenn man aus dem Fenster guckt und die Schäden sieht, merkt man: es ist die Hölle.

Demnach kann es im Kapitalismus keine Demokratie geben?

Da muss man erst mal definieren, was wir unter Kapitalismus verstehen. In der politischen Soziologie verstehen wir unter Kapitalismus eine Wirtschaftsweise, die die Herrschaftsweise bestimmt. So kommt es, dass diese Wirtschaftsweise falsche Götzen installiert, die fast wie eine Religion wirkt. Das aber verstößt gegen die Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis. Eigentlich müsste es so sein, dass wir eine Herrschaftsweise haben, die über die Wirtschaftsweise bestimmt. Und eine solche Herrschaftsweise geht nur, wenn alle die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben, sich in Gesellschaft einzubringen; die wahre Demokratie ist eine Herrschaft, die keine Herrschaft zulässt und die allein vom Gottesurteil der Menschlichkeit bestimmt wird.

Die Menschen wählen selbst Parteien, die den Wohlfahrtsstaat zurückfahren. Warum arbeiten wir an der Beschneidung der Mitbestimmung mit?

Da muss man erst mal definieren, was wir unter Mitbestimmung verstehen. Wir unterscheiden in der politischen Soziologie zwischen zwei Formen der Mitbestimmung: eine aktive und eine passive Mitbestimmung. Die Mächte der Finsternis sind bislang die einzigen, die eine aktive Mitbestimmung betreiben und die alles so einrichten, dass der Mehrheit nur eine passive Mitbestimmung bleibt. Dagegen müssen die Mächte des Lichts aufbegehren, indem sie politische Debatten anstoßen.

Die letzte größere demokratiepolitische Debatte drehte sich um die Einschränkung durch Internetkonzerne wie Facebook. Haben Sie das auch so erlebt?

Da muss man erst mal definieren, was wir unter einer Debatte verstehen. In dieser Hinsicht werden viele Irrtümer diskutiert, weil nur ein geringer Teil der Bevölkerung etwas von politischer Soziologie versteht.

Was können wir dagegen tun?

Da müssen wir erst mal definieren, was ich unter einer politischen Soziologie verstehe, denn sonst kann man darüber nicht vernünftig reden.