Differentia

Monat: März, 2020

Sprechstunde 5: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Carsten Reinemann

Sprechstunde 1 // Sprechstunde 2 // Sprechstunde 3 // Sprechstunde 4: Rutger Bregman

Die ZEIT hat bei mir angerufen. Wahrscheinlich wollte sie nur fragen wie es mir geht und mir bei dieser Gelegenheit ein Interview zur Corona-Krisenkommunikation aufzwingen. Wie gut, dass ich meinerseits gerade eine Nachbarin interviewte, die gerade ihre Corona-Quarantäne genoß. Endlich habe sie mal Zeit für die schönen Dinge des Lebens, sagte sie. Deshalb musste sich die ZEIT von einem anderen Kommunikationsexperten Belanglosigkeiten erzählen lassen, die man hier nachlesen kann. Meine Antworten wären folgendermaßen ausgefallen:


Herr Kusanowsky, Angela Merkel hat am Mittwochabend eine Fernsehansprache zur Corona-Krise gehalten. Was hat Sie daran als Kommunikationswissenschaftler am meisten überrascht?

Das Datenmaterial bestand nur aus wenigen Stichproben, deren Menge zu klein war, um eine repräsentative Aussage hinsichtlich des Überraschungswerts zu tätigen. Dennoch kann man aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive sagen, dass die Fernsehansprache ganz nett war.

Angela Merkel hat eine Ausgangssperre als letztes Mittel nur angedeutet, als sie sagte, sie werde „stets neu prüfen (…), was womöglich noch nötig ist“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder droht nun für Bayern offen damit. Kommuniziert er besser, weil klarer, in dieser Situation?

Drohungen sind immer gut. Drohungen machen Angst und steigern die Aufmerksamkeit für Dinge, die sonst unbeachtet blieben. Sowas ist die ideale Unterstützung für die Presse. Das beste, was ihr passieren kann, ist, dass alle Angst haben. Das ist gut für das Geschäft und sorgt für Umsatz. Also ja: Angstmachen ist gut kommuniziert. Das ermöglicht auch, dass man sich über diejenigen, die darüber dumme Witze machen, noch besser empören kann. Angst, Empörung und Verschwörungstheorien, aber auch Hass und Hetze – der beste Rettungsschirm für Massenmedien, den man sich vorstellen kann.

Wie würden Sie insgesamt die Krisenkommunikation der Bundesregierung bewerten?

Das lässt sich kommunikationswissenschaftlich leicht und eindeutig bewerten: Angela Merkel bekommt eine 2, ganz klar. Olaf Scholz und Peter Altmaier haben ihre Texte brav aufgesagt und bekommen eine 1. Julia Klöckner wird das Klassenziel voraussichtlich nicht erreichen. Die Leistungen von Jens Spahn liegen im Labor und werden untersucht. Wir haben in seinen Äußerungen Spuren von kommunikativer Stupidität gefunden, die aber wohl nicht ansteckend sind. Wir kümmern uns darum.

Über die richtige Krisenkommunikation wurden viele Bücher geschrieben. Die bekannten Mechanismen lassen sich hier nicht anwenden?

Doch, aber nur, wenn man sie richtig kommuniziert. Da kann die Kommunikationswissenschaft weiter helfen, weil niemand so gut kommunizieren kann wie ein Kommunikationswissenschaftler. Ich z.b.: Wenn ich anfange zu kommunzieren, sind alle anderen immer sehr von der Richtigkeit meiner Kommunikation beeindruckt.

Am vergangenen Wochenende gab es das Gerücht, dass die Bundesregierung bald eine „massive weitere Einschränkung des öffentlichen Lebens“ verkünden würde. Das wurde vom Bundesgesundheitsministerium auf Twitter als Fake-News bezeichnet – einen Tag später war es mit den Schließungen der meisten Geschäfte aber so weit. Erschüttert so ein Vorgang nicht das Vertrauen in die Kommunikation der öffentlichen Stellen?

Was meinen Sie mit „Vertrauen in die Kommunikation der öffentlichen Stellen“? Wenn Sie richtig kommunizieren wollen, müssen Sie erst mal definieren, was Sie mit „Erschütterung“ meinen. Auch der Begriff „Vorgang“ ist in ihrer Frage nicht eindeutig definiert. Wir müssen immer die Tatsache berücksichtigen, dass die Bundesregierung nicht aus ausgebildeten Kommunikationswissenschaftlern besteht. Da kann es schon mal passieren, dass die eine oder andere Aussage unklar ist.

Die Bundesregierung soll also nicht absolut transparent informieren?

Doch, aber nur, wenn sie sich von Experten für das richtige Kommunizieren beräten lässt. Es gibt in der Kommunikationswissenschaft eine Vielzahl von Studien, die zeigen, wie man richtig kommuniziert, aber leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit, das zu akzeptieren. Sie funktioniert allzu oft ganz falsch. Das gibt es noch viel Aufklärungsbedarf.

Das erinnert mich an einen Satz des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“. Als er das in den Hochzeiten der Terrorgefahr sagte, wurde er viel kritisiert. Sie denken, er hatte recht?

Ein Teil meiner Antwort könnte Sie überraschen. Belassen wir es dabei. Ok? Haben Sie noch eine Frage?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach in seiner Fernsehansprache mehrfach von einem „Krieg gegen das Virus“. In Großbritannien hat Premier Boris Johnson die Bevölkerung darauf eingeschworen, dass sie enge Angehörige verlieren könnten. Und Angela Merkel beteuert in nüchternem Ton ihr Vertrauen in die Wissenschaft. Typisch deutsch?

Nein.

Zum Coronavirus existieren schon jetzt jede Menge Fake-News und Verschwörungstheorien – wie kann man diese in unsicheren Zeiten wie diesen, wo vieles unklar ist, kenntlich machen?

Da muss man ganz eindeutig den informationellen Notstand ausrufen. Einr Art Informationsverbot für alle. Das geht nur, indem man sofort die ganze Presse stilllegt und nur noch die dem Robert-Koch-Institut als obersten Wächterrat ein Publikationsrecht einräumt.

Wenn die Bundesregierung gewisse Dinge als Fake-News abtut, sie sich auf längere Sicht aber als richtig erweisen, dann läuft doch auch etwas schief?

Ja.

Was bedeutet das für die politische Kommunikation?

Nichts.

Sprechstunde 4: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Rutger Bregman

Sprechstunde 1 // Sprechstunde 2 // Sprechstunde 3: Stephan Lessenich

Beim Deutschlandfunk musste man offensichtlich Langeweile gehabt haben. Wie anders wäre zu erklären, warum man mich von dort anruft und mich fragt, ob ich ein Interview geben würde? Es ginge um den Menschen, um die Welt und um die ganze große Wahrheit des irdischen Daseins, hieß es – da wäre ausgerechnet ich der richtige Gesprächspartner. Diesen Witz fand ich sehr charmant, aber ich musste absagen. Ich hatte beim Lachen Kaffee verschüttet und konnte nicht darauf verzichten, sofort alles sauber machen. Der Deutschlandfunk hatte stattdessen mit Rutger Bregman gesprochen, der offensichtlich nicht ganz so amüsiert und darum auch besser geeignet war als ich. Hätte ich mich aber etwas zusammengerissen, wäre das Gespräch folgendermaßen verlaufen:


Der Mensch ist von Natur aus freundlich, hilfsbereit und gutmütig. Nichts weniger als das behauptet der deutsche Soziologe Klaus Kusanwosky in seinem neuen Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“, das heute in Deutschland erscheint. Ich habe mich mit ihm unterhalten und ihn gefragt, warum denn, wenn das wahr ist, wir nicht in einer freundlichen, hilfsbereiten und friedlichen Welt leben?

Für die Wahrheit interessiere ich mich selten. Wahrheit ist entweder das Langweiligste, das wir kennen, oder sie ist so groß und unerreichbar, dass sie kein Gegenstand des Interesses mehr ist. Wahrheit ist entweder banal – mein Hund hat vier Beine, Wasser ist naß, die Chefin ist doof und Angela Merkel ist eine Frau – oder so schwer zu vermitteln, dass man eigentlich damit rechnen müsste, dass sie kaum einer versteht. Nein. Über die Natur des Menschen kann man keine Wahrheit sagen, weil sie entweder bekannt und darum uninteressant, oder aber interessant ist, dann jedoch immer unbekannt bleibt. Wenn ich sage, dass die Natur des Menschen von freundlicher Art ist, dann meine ich damit eigentlich nur, dass jeder Mensch ein Soziologe ist, also irgendein harmloser Spinner, der durch die Gegend latscht und bei jedem Scheiß, der in der Welt passiert, mitmacht. Warum aber versteht die Menschheit das nicht?

Interessanterweise geben Sie aber auf genau diese Frage in Ihrem Buch ja eine Antwort. Sie erklären nämlich, dass im Grunde genommen seit Jahrhunderten fast schon Wissenschaftler, Journalisten, Historiker – Sie haben es gesagt –, Schriftsteller und Lehrer manchmal in der Schule uns etwas ganz anderes erzählen über unsere Instinkte und die Menschheit. Ist das eine Art Gehirnwäsche gewesen?

Ja nee. Die Menschheit selbst ist eine Art von Soziologie. Also ja: Soziologie jeder Provinienz macht schnell den Eindruck, dass es ohne Gehirnwäsche nicht geht, aber nee: der Soziologe an sich ist klug genug, sich dieser Art von Hygiene zu entziehen. Eine jede Soziologie ist schmutzig, so auch die Geschichte der Menschheit. Ihre Schmutzigkeit garantiert ihre Harmlosigkeit. Die Auffassung, man könnte das mit einer Fassade verblenden, wurde vom Menschen immer schon häufig behauptet und genauso oft durchschaut. Genau das ist Soziologie: Menschheitswissen, von welchem nie begriffen wird, was genau da gewusst wird, weil sich die Dinge ständig ändern. Soziologie ist Quatsch, die Menschheit auch. Der Mensch ist blöde, aber lieb.

Aber gerade, wenn wir über die Fassadentheorie reden, die Sie gerade erwähnt haben, die ja vereinfacht immer sagt, es gibt diesen Anschein von Zivilisation, und der ist ganz schnell weg, wenn wir Probleme bekommen. Können wir ganz kurz mal aktuell werden: Wenn ich beobachte, was gerade mit dem Coronavirus passiert: Da gibt es Leute, die kaufen Dosensuppen, Gesichtsmasken, sogar Toilettenpapier, damit sie es dann später für ganz viel Geld weiterverkaufen können, sollte die Krise schlimmer werden. Ist das nicht ein Beweis für die Fassadentheorie?

Nein.

Sie gehen ja sehr weit zurück in Ihrem Buch, und im Grunde genommen lernen wir aus diesem Buch, dass das Überleben der Stärkeren bei Darwin in Wirklichkeit, die Evolution also in Wirklichkeit, das Überleben der Freundlicheren gewesen ist. Aber wann hat das offenbar in der Geschichte der Menschheit plötzlich nicht mehr funktioniert?

Mit der Erfindung von Hauspantoffeln hat das alles angefangen. Die Quellen, die über diese Erfindung Auskunft geben, liegen zwar noch im Verborgenen, aber trotzdem man kann sehr gut die Veränderungen nachvollziehen, die stattgefunden haben, seitdem Hauspantoffeln in Gebrauch kamen. Hauspantoffeln sind nur scheinbar eine harmlose Erfindung. Tatsächlich kann man zeigen, dass mit Hauspantoffeln erst der ganze Verdruss über die Menschheit gekommen ist. Denn mit Hauspantoffeln sind Häuslichkeit, Pflege, Sorgfalt und Bekümmerungen um die kleinen und niederen Dinge des Lebens verbunden. All das hält die Menschen davon ab, sich mit den ganz großen Fragen das Daseins und der Existenz zu beschäftigen. Die Erfindung von Hauspantoffeln ist die welthistorische Ursache für Kleinkriege, die sich jederzeit aufschauklen können, für Niedertracht und Egosismus, für Expansionsdrang, der durch die Enge entsteht, für Imperialismus und Umweltverschmutzung. Kein Wunder, dass der Kampf von jedem gegen jeden von einer häuslich gewordenenen Zivilisation ausgeht.

Wäre vielleicht der erste Schritt zu einer Veränderung, überhaupt bereit zu sein, über all das nachzudenken? Sie sagen ja auch ganz ehrlich schon in Ihrem Buch, dass es nicht einfach war, überhaupt einen Verlag zu finden, der ein Buch zu diesem Thema mit diesen Thesen veröffentlichen wollte.

Ja, ich halte ein allgemeines Verbot von Hauspantoffeln für dringend erforderlich. Aber es scheint, die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Es fehlt noch immer an dem richtigen Bewusstsein und an einem tiefen Nachdenken über die wirkliche Natur des wahren Menschen.