Theorie der digitalen Gesellschaft
von Kusanowsky
Für welches Problem ist die Digitalisierung eine Lösung?
Die Digitalisierung ist eine Lösung für solche Probleme, die sich ergeben, wenn eine Gesellschaft grundlos, nutzlos und zwecklos anfängt, sich mit Digitalisierung zu befassen. Die größten Probleme sind nämlich die Beschaffung von Gründen, die Rechtfertigung von Nutzen und die Erforschung von Zwecken. All das ist ziemlich überflüssig und entspricht genau dem, was Gesellschaft im Ganzen ist: überflüssig, aber unwahrscheinlich und darum unwiderstehlich und nicht mehr abzuschaffen.
Die Industrialisierung war ein gesellschaftlicher Schöpfungsvorgang zur Verteilung von Intelligenz, war „Challenge“ (Toynbee); die Digitalisierung dagegen ist die Einsammlung dieser Intelligenz, ist „Response“. Aber dafür fehlt es noch an an einer geeigneten Intelligenz; es fehlt an einer Art von Intelligenz, die Verteilungsprobleme nicht herstellt, sondern ignoriert und welche nur darum Verteilungsprobleme lösen kann.
(Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft)

Die Frage ist so nicht zu beantworten.
Eine kleine Umformulierung ist hier hilfreich:
Für wessen Problem ist die Digitalisierung eine Lösung?
Noch ein Wort austauschen, dann wird’s warm:
Für wessen Bedürfnisse ist die Digitalisierung eine Lösung?
Jetzt nur noch eine kleine Prise Etymologie.
Be·dürf·nis: [meist im Plural] [materielle] Lebensnotwendigkeit; etwas, was jemand [unbedingt] zum Leben braucht
Nun kurz nachdenken.
Die Antwort lautet also:
Für digitale Systeme ist Digitalisierung eine Lebensnotwendigkeit.
Es lohnt sich, von diesem Blickwinkel aus Facebook, Insagram und WhatsApp zu betrachten.
@Neu ro Sophie
>Für digitale Systeme ist Digitalisierung eine Lebensnotwendigkeit<
Aber, aber, ja soetwas aber auch: Für Dings ist Dings eine Lebensnotwendigkeit … -?
Digitalisierung ist eine -ung, also ein Vorgang und keine Massnahme, ist etwas, das sich vollzieht (Menschen vollziehen), ja: VOLL zieht, bis es satt ist, dann kommt etwas anderes.
Im Grunde macht Mensch seit seiner eigenen Bewusstwerdung nie anderes, als nach und nach sich und seine Welt zu mathematisieren, inzwischen halt auch mit einem neuen Zahlensystem, dem Dualen – und das verlangt Masse und Tempo, weil kein anderes Zahlensystem schneller funktioniert.
Nur:
Das ist wie seinerzeit in der Landwirtschaft: Grossraumbewirtschaftung und Massenviehhaltung (samt Rinderoffenstall) waren "angesagt".
Nachdem diese Sau durch das letzte Dorf getrieben war, haben sich die Viehtreiber verändert, jetzt suchen sie nach den Chancen, der Grossraumbewirtschaftung und Massenviehhaltung aus bekannten (?) Gründen zu entrinnen, haben also offensichtlich reichlich verunsichert und hilflos den Weg "return" eingeschlagen, weil wohl alles doch nicht "die Lösung" war.
Und die Digitalisierung?
Der wird es nicht anders ergehen, erste Anzeichen dafür sind die wissenschaftlichen Forschungs-Aufträge zur Frage, wie man denn nun die Menschheit vor facebook, twitter und Google (also vor globaler Digitalisierung) bewahren könne …
Also nix da mit "Digitalisierung eine Lebensnotwendigkeit", es sei denn nur für diese, für die Digitalisierung – alles andere würde auch ohne weiterleben, bzw. trotz dieser …
Die Lebensnotwendigkeit besteht also vielmehr darin, dies mit grosser Gelassenheit zur Klarheit so werden zu lassen – Digitalisierung ist ein vorübergehender Prozess, der sehr viele menschliche Ressourcen vereinnahmt und fasst nichts davon von Dauer zurückgibt, denke nur an Dampfmaschine und Verbrennungsmotor usw.
Die eigentliche Frage muss sein: Was kommt danach?
Wer das erfasst, kann auch gelassen und erfolgreich digitalisieren, nachhaltig und aufwandsbegrenzt, mit Lächeln statt mit Hecheln
Nicht die "Theorie der digitalen Gesellschaft" ist gefragt, sondern DIE Theorie DER Gesellschaft, will man davon etwas digitalisieren.
Digitalisierung ist nur "lebensnotwendig" als Mittel, niemals als Ziel – schon wieder vergessen?
Wenn wir so wollen, wäre genau das allerdings sehr wohl "die Theorie der digitalen Gesellschaft"
Ach ja, noch dies:
Gesellschaft lässt sich nicht digitalisieren, sie ist Leben, ist Fähigkeit und als Daseinsweise Ergebnis nur sich selbst verstoffwechselnder dynamischer Systeme.
Bisher hat noch niemand versucht, Leben, als komplexeste systemische Entität im Universum, derart zu erkennen, dass es sich digitalisieren liesse – es existiert so, weil es sich bereits längst selber hochgradig komplex digitalisiert hat ….
Wer also die höchst organisierte Entität Leben und Gesellschaft nun „digitalisieren“ möchte, dem steht es frei, diese komplexe ORGANisation zu erfassen, sie zu erkennen, ihre TEKTOLOGIE (s. Bogdanov, A.), auch ORGANOLOGIE, nun auch mit digitalen Zahlen zu beschreiben – viel Glück dabei …
Alle, die das bisher auch ohne Digitalien versuchten, lagen wohl noch weit daneben, sonst würden wir dieses Thema hier nicht erörtern
„… wenn eine Gesellschaft grundlos, nutzlos und zwecklos anfängt, sich mit Digitalisierung zu befassen“. Nice. Wenn Du so denkst, dann gefällt Dir sicher mein Ansatz zur digitalen Sozialtheorie as Supervacuus*: https://derroth.com/2019/05/24/preview-digital-transformation-of-social-theory-a-research-update/ …
* From Latin supervacuus (“more than needed”), from super (“above”) + vacuus (“vacant”). Adjective: supervacuous (comparative more supervacuous, superlative most supervacuous) superfluous, more than needed quotations.
Sehr interessant. Das werde ich lesen