Protest und Macht @SimonsKehrwoche

zurück: Der Protest-Strich

„Also Kinder: Schwänzt die Schule, geht auf die Barrikaden!“, schreibt Simons Kehrwoche, wissend, dass diejenigen, die damit angesprochen sind, sich nicht für die psycho-soziale Konfusionsproduktion eines weltfremden Akademikertums interessieren und zugleich bemerkend, dass diejenigen, die sich davon verwirren lassen, nicht zur Schule gehen müssen. Es ist also niemand gemeint. Niemanden geht das etwas an.

Nicht anders verhält es sich mit jeder Protestkundgebung. Protest, wird er im öffentlichen Straßenverkehr inszeniert, richtet sich an niemanden, denn diejenigen, die sich davon angesprochen fühlen, sind der gleichen Meinung und diejenigen, die sich trotzdem angesprochen fühlten sollten, lassen den Protest geschehen, weil sie ohnehin anderweitig beschäftigt sind.
Protest ist adressenlose Kommunikation, Protest ist ein Ruf in die weite Leere der Gesellschaft, Protest ist eine Inszenierung symbolischer Machtkommunikation: Man will etwas durchsetzen, es ist aber niemand erreichbar, der dem Durchsetzungswillen im Wege stünde. Die einen nicht, weil sie gern Platz machen, die anderen nicht, weil sie schon woanders sind. Symbolisch heißt hier: obwohl nichts durchgesetzt wird und auf diese Weise nichts durchgesetzt werden kann, geschieht es trotzdem. Die Verabredung, die nirgendwo eingegangen wurde, lautet: Besser das als gar nichts tun. Denn, so die Zwangsjacke einer Gesellschaft, die sich auf der Freiheit des politischen Subjekts sehr viel einbildet: Irgendwas muss man ja tun. Und wenn sonst nichts anderes übrig bleibt, tut man etwas nutzloses, wirkungsloses, weil man ja, sollte eben dies bemerkt werden, einfach anderer Meinung sein kann. Auf diese Weise wird wirksam sicher gestellt, dass sich nichts ändern kann, was logisch ist: Wie sollte sich etwas ändern können, wenn niemand etwas anderes tut? Die einen verabschieden Resolutionen, obwohl das nichts bringt, und die anderen protestieren, weil sie bemerken, dass so etwas nichts bringt.

Die politische Freiheit wird so in einer Zwangsgemeinschaft der Hilflosen in Erfahrung gebracht. Freiheit heißt dann hier, das Recht zu genießen, sich die Welt, für deren Erhaltung man sich vorhin noch empörend ins Zeug gelegt hat, am Ende des Geschreis egal sein zu lassen. Man protestiert und eilt nach Hause um im Fernsehen oder bei Facebook die Bilder zu sehen.

Es handelt sich um ein Uhrwerk, das sich vorhersehbar mit seinem Ablauf neu aufzieht. Und das alles nur, um die Hoffnung nicht zu verlieren, weil auf Angst auch niemand verzichten möchte.

 

 

Werbeanzeigen