Differentia

Monat: Januar, 2019

Internet: nicht gesucht, aber gefunden #JaronLanier @mundauf

„Schluss mit der Umsonst-Kultur im Netz!“ Internetkritiker Jaron Lanier im Gespräch über mögliche Modelle für den Umgang mit dem Internet; zu finden beim Deutschlandfunk

Das Internet sei durch die Internetkonzerne runiert worden, sagt einer, der es wissen muss, der Experte, der Mann vom Fach. Und selbstverständlich weiß er, was zu tun ist: „Die Lösung ist, das Netz in ein altmodischeres Business zu transformieren. Ein Geschäftsfeld, bei dem jeder, der etwas nutzt, ein Käufer, ein Kunde ist und jeder, der im Netz Informationen bereitstellt, ein Verkäufer. Jeder kauft und verkauft, wie in jedem anderen Markt.“

Wenn man diese Idee ernst nehmen wollte, was kaum einer tut, dann hieße das, die Nutzung des Internets zu verbieten, es sei denn, jemand verlangt eine Gebühr oder bezahlt eine. Soll der Meister aller Klassen doch einfach damit anfangen. Also: erst verbieten, dann verkaufen. Alle anderen sitzen in der Ecke und denken etwas gründlicher nach. Das kostet etwas. Aber wer soll das bezahlen?

Lernen, Forschen, Erfahrung von Neuem, geht nicht ohne Kosten, geht nicht ohne Investition, geht nicht, ohne einen Aufwand zu erbringen, um die Voraussetzungen des Gelingens von Erfahrung in Erfahrung zu bringen. Aber diese Kosten können nicht auf andere abgewälzt werden, weil alle sie erbringen müssen, die einen wie die anderen.

Tatsächlich ist nicht das Internet ruiniert. Eine Ruine sind die Routinen der Lehrbuchmeister, die in den alten Schriften der Propheten nachlesen, was die Zukunft bringen wird. Und wenn die Zukunft etwas bringt, das nicht erwartet wurde, dann bleibt den Leuten vom Fach nur übrig, so zu tun, als wenn das nicht so wäre.

Die Serendipität des Internets ist eine Dämonie der Medieninnovation: nicht gesucht, aber gefunden und überfällt die Gesellschaft nun mit ihrem eigenen Nichtwissen.

Werbeanzeigen

Warum gibt es Verschwörungstheorien? 2

zurück / Fortsetzung

Woraus beziehen Verschwörungs- und Aufklärungstheorien ihre Empirizität? Diese Frage bedeutet: wie kann es sein, dass es Verschwörungs- und Aufklärungstheorien gibt, wenn man ihre Antworten nicht einfach mit wahr oder falsch annehmen oder ablehnen kann?
Die Empirizität solcher Spekulationsroutinen, die wahre Hintergründe aufdecken wollen, ergibt sich nicht dadurch, dass es wahre Hintergründe gibt, die als zutreffend oder unzutreffend festgestellt werden, und zwar deshalb, weil irgendein Hintergrund, weil irgendetwas, das dahinter stecken möge, keine letzte Antwort liefert, sondern allenfalls weiter fragen lässt, was denn dahinter stecke, wenn man meint, dieses oder jenes stecke dahinter.
Wenn also Verschwörungstheoretiker meinen, hinter den Flüchtlingsbewegungen stecke die Regierung, die bestimmte Absichten habe, etwa die, einen Bevölkerungsaustausch zu organisieren, dann kann man das glauben oder nicht. Aber in beiden Fällen bleibt die Frage übrig, wer oder was denn hinter dieser Regierungspolitik stecke, die für diese Flüchtlingsbewegungen entweder verantwortlich sei oder nicht. Wenn man also im Zweifelsfall nicht genau heraus finden kann, was genau dahinter stecke, steckt eben etwas weiteres dahinter. Verschwörungs- und Aufklärungstheorien fungieren deshalb für einander als Referenzierungsressource: Kommt eine Aufklärungstheorie nicht weiter, beendet sie ihre Ausführungen damit, dass die Verschwörungstheorie falsch ist. Kommt eine Verschwörungstheorie nicht weiter, behauptet sie, die Aufklärungstheorie sei eine Irrführung der Verschwörer. Und so weiter. Verschwörungstheorien sind genauso aufklärerisch tätig.

Die Empirizität solcher Erklärungsversuche liegt also einmal in den unendlichen Sinnverweisungshorizonten, die durch die Grenzen eröffnet werden, die von diesem Wechselspiel selbst gezogen sind, weil auf diese Weise gleichsam eine dritte Option ausgeklammert wird und nur in der Selbsteinklammerung dieser spekulativen Routinen der Ausweg darin gefunden wird, mit dieser Routine einfach weiter zu machen.
Ich hatte vor vielen Jahren auf einer Veranstaltung bei der republica 2013 in Berlin folgendes erlebt: eine junge Studentin hatte einen Aufklärungsvortrag darüber gehalten, was von dieser Chemtrail-Verschwörungstheorie zu halten sei; und sie lieferte einen scheinbar einleuchtenden Beweis nach dem anderen, dass diese Verschwörungstheorie gar nicht stimmen kann. Im Publikum regte sich mit der Zeit aber etwas Unruhe, nicht, weil man ihr nicht glaubte, sondern weil man doch, wenn das alles so offensichtlich einsichtig sei, wie sie meinte, fragen kann, warum immer mehr Menschen, auch in Berlin und anderswo, immer wieder dieser Verschwörungstheorie verfallen. Plötzlich wurde während der Veranstaltung ganz offen gefragt: Was denn wohl dahinter stecke, wenn diese Verschwörungstheorie offensichtlich so bliebt ist? Das Publikum hatte kurz aufgelacht. Aber es wurde nur der Ausweg gefunden, dass die Verschwörungstheoretiker im Irrtum sind. Was hinter diesen Irrtümern stecke, konnte nicht geklärt werden, aber immerhin: etwas müsse dahinter stecken. Das war dann die letzte aller Antworten, womit zugleich nur eine Pause eingeschaltet wurde, um mit dem gleichen Spiel an anderer Stelle weiter machen zu können.

Niemand weiß so genau, was hinter Verschwörungstheorien steckt. Denn: wenn es nur Irrtümer, Lügen, Halbwahrheiten, Desinformation wäre, dann kann man immer noch fragen, was denn dahinter steckt.

Man sieht: dieses Spiel findet kein Ende, sondern nur eine Grenze innerhalb der sich so einkreisenden Spekulationsroutine. Aber warum wird es nicht langweilig, wenn das Schema durchschaubar ist?
Die Antwort könnte lauten, dass das Schema keineswegs so leicht durchschaubar ist, wie man glauben könnte.

Fortsetzung kommt.

 

%d Bloggern gefällt das: