Lernen als Machtspiel 7 Klammergriff des Erfolgs 1

von Kusanowsky

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Gesellschaft ist eine sich selbst organisierende Macht; eine Macht, die zugleich mit dem Anwachsen ihrer möglichen Möglichkeiten, mit der Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit und der Vermehrung der Voraussetzungen ihres Gelingens ziemlich viel zustande bringen kann, aber niemals eine Allmacht gewinnt. Aber wenn ihr etwas gelingt, dann mit aller Macht.

Wir lernen und schreiben auf: will und kann eine Gesellschaft etwas Bestimmtes erlernen – sei sie entsprechend ordnungsfähig – so wird sie alles verdrängen, vertuschen, verräumen, verlieren, verbieten, verharmlosen, verstellen, verschämen, aber auch alles maskieren, verstecken, vergessen, verschummeln, kurz: sie wird alles vermeiden, was diesem, ihrem bestimmten Lernerfolg im Wege steht. So gut sie kann.
Und wenn wie nicht kann, so wird sie ihr Unvermögen wiederum nach ihren eigenen Möglichkeiten behandeln. Sie wird also das Zuversteckende nicht verstecken, wenn es nicht geht, sondern vorzeigen, z.B. durch Massenmedien; sie wird das Zuvergessende nicht vergessen, wenn es nicht geht, sondern in Archiven oder Bibliotheken einlagern; sie wird das Zuverschämende nicht verschämen, sondern aussprechbar machen, z.B. durch Sexualaufklärung; sie wird die Staatsgewalt nicht unterdrücken, sondern jede nur möglich Gewalt zulässig machen, nämlich Atombomben und Demokratie; sie wird Betrug und Konkurrenz nicht verbieten, sondern beides unter das Risiko des wirtschaftlichen Gelingens stellen, beides also der Gefahr des Scheiterns aussetzen; sie wird Parteien nicht verbieten, sondern Parteilichkeit unter den Verdacht setzen, bescheuert zu sein; sie wird Popmusik und Werbung zulassen und extensiv verbreiten, aber sie wird beides zugleich als peinlich und lästig empfinden lassen dürfen; sie wird das irdische Dasein als die einzige Möglichkeit auffassen, aber zugleich den Glauben akzeptieren, dass es im irdischen Dasein irgendeine Unbedingtheit als Ursache des Dasseins gäbe, z.B. Urknall oder Urheber; sie wird die Freiheit jedes einzelnen zulassen, aber jeden Gebrauch dieser Freiheit gnadenlos sanktionieren; sie will die Menschenliebe befördern, aber unvorstellbare Massenmorde organisieren usw.
In einem Satz: Die Gesellschaft wird alles zulassen, was den Eindruck ihrer Modernität befördert. Und alles vermeiden, was diesen Eindruck trüben könnte.

Eine Gesellschaft wird also, sollte es genügendes soziale Voraussetzungen geben, alles daran setzen, ihren Lernerfolg – in diesem Fall: modern zu erscheinen – durchzusetzen. Sie wird aber nichts unterdrücken, sondern nur den Fraglichkeiten mit ihren eigenen Antworten begegnen. Die moderne Gesellschaft findet die Lösung für dieses Problem darin, dass sie allen ihr Recht gibt: Sonderpädagogik, Langzeitschläfern, Banken, Staaten, Säufern, Sportlern, Künstlern, Journalisten, Softeisverkäufern, Philosophen im Fernsehen, Arbeitslosen, Pornographie, Hundeliebhaber, Gewerkschaft, Märchenerzähler, Nachbarn, Arbeitskollegen, Feministinnen, Hinz und Kunz – jeder darf was wollen, aber kaum einer kann was tun, wenn die Gesellschaft nicht mitmacht. Aber sie tut es gern. Sie will eben das gelernt haben wissen: Irre, aber es funktioniert.

Alles, was von diesem Sinn abweicht, kann von der Gesellschaft schwer verkraftet werden. Weshalb sie besonders gern das Leichtverkraftbare zur Kommunikation und damit zur Ordnung anbietet, und sei es auch noch so abwegig, weltfremd, bescheuert oder hirnrissig. Denn immer gilt: Es kommt nicht drauf an, was es wirklich, wirklich, wirklich ist oder sein sollte, sondern es reicht völlig, dass es sichtbar, aussprechbar, verstehbar, kontrollierbar und anschlussfähig ist. Alles andere ist für die Gesellschaft kaum relevant.

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