Differentia

Monat: November, 2018

Lernen als Machtspiel 9 Klammergriff des Erfolgs 3

zurück / nicht zurück:

Gesellschaft ist kein Gottersatz, aber die moderne Gesellschaft hat wenig dagegen, sich als Götzenbildersatz zu empfehlen.

Eine Gesellschaft handelt sich mit dem Zugewinn der Empirizität ihrer sozialen Produktionen zugleich ein Handicap ein; eine Lücke ihres Versagens, die sie nur mit den durch sie selbst geschaffenen Erfahrungen, mit ihren erfahrenen Erfahrungen ordnen, organisieren und weiterführen kann. Ist eine Gesellschaft leistungsfähig geworden, so kann sie irgendwann nur das ordnen, was sie schon geordnet hat; kann irgendwann nur das zeigen, was sie schon gezeigt hat; kann irgendwann nur verständlich machen, was sie schon verständlich gemacht hat. Irgendwann muss eine Gesellschaft nur noch mit dem zurecht kommen, was sie selbst hervorgebracht hat, indem sie allein ihre Erfahrungen auf ihre Erfahrungen anwendet. Und die Gefahr wird immer größer, dass bald Hängen im Schacht ist.
Gesellschaftliche Selbsterfahrung heißt: Irgendwann weiß eine Gesellschaft über sich alles, kommt damit aber immer schlechter zurecht. Irgendwann wird eine Gesellschaft nämlich aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten unfähig, die Nebenwirkungen ihres Geschäfts mit den Hausmitteln ihrer Apotheke zu behandeln. Irgendwann wir die unübersehbare Vielzahl der Nebenwirkungen so grundsätzlich bedeutungsvoll, dass es noch etwas dauert, bis sie feststellt, dass die Nebenwirkungen kein Schaden, sondern Heilungsversuche sind, die zunächst als heteroclitisch auffallen, weil sie sich nur mit Mühe in das Ordnungsschema ihrer verfügbaren Erfahrungen einsortieren lassen, ich meine damit z.B. Quantenphysik, Dunkle Materie, soziologische Systemtheorie, Horrorclowns, Blockchain oder diese Art von neuem Terrorismus. Alle diese Phänomene sind mit bekannten Mitteln nur schwer zu behandeln, aber müssen allein mit bekannten Mitteln behandelt werden, weil keine anderen als nur solche Ressourcen herangezogen werden können, die sich innerhalb des Differenzierungsprozesses als tauglich erwiesen haben.

Damit ist der Klammergriff des Erfolgs angesprochen.

Gesellschaft kann sehr viel leisten, wenn sie sich aus ihren traumatischen Zwängen befreit. Aber diese Befreiung ist darauf angewiesen, dass sie ein spezifisches Wissenskonzept ausbildet, das eigens dafür entsteht, die zurück liegenden traumatische Situation für die Zukunft zu bewältigen.

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Geschlechtergerechte Sprache, eine Beschäftigung für Hamsterradbenutzer 4

früher / weiter

Der Zugewinn an Lebenschancen für Frauen ist nicht gegen Männer durchgesetzt worden und nicht trotz männlicher Widerstände. Vielmehr hat die gesellschaftliche Entwicklung der letzten ca. 200 Jahre für alle Menschen sehr viel mehr und sehr viele verschiedene Lebenschancen eröffnet, wodurch nicht verhindert werden konnte, dass auch Frauen neue und weitere Lebenschancen nutzten.
Man sieht an dieser Stelle, wovon Feministinnen nicht so gerne etwas wissen wollen: Die Erweiterung von Lebenschancen hat stattgefunden, aber mit Männern und Frauen hat das ganze nur am Rande zu tun. Und Feministinnen spielten darin die unwichtigste Nebenrolle. Hauptsächlich handelt es sich um eine gesellschaftliche Selbstorganisation der Ermittlung und Nutzung von Lebenschancen für Menschen.
Eine wirksame Ressource zur Kenntlichmachung von Erweiterungsbedarf war immer das Anmelden von Ansprüchen an Gerechtigkeit, eine Ressource, deren Nutzung bis heute so gut gelingt, dass neuerdings auch Männer davon Gebrauch machen, indem manche beispielsweise behaupten, als Männer ungerecht behandelt zu werden. Maskulinismus, man kann sowas Quatsch nennen (was ich gerne tun würde), aber es wirkt. Ungerechtigkeit festzustellen und Abänderung zu fordern ist, wie bescheuert die Begründungen auch immer erscheinen, eine wirksame soziale Strategie, um Motive für Handlung, Verhalten und Entscheidung sozial zu produzieren. Wer etwas will, aber nicht durchsetzen kann, erklärt sich zum Opfer unheilvoller Umstände oder wählt den Weg des selbsternannten Ungerechtigkeitsopfers und sucht mitleidende Betroffene, um dagegen etwas zu machen. Das geht, aber es geht nur dann, wenn Diskrimnierung, also die Einteilung in ein Entweder-oder-Schema gelingt.

Beispiele: ich bin nicht sehr schön, aber das heißt nicht, dass ich deswegen häßlich bin. Ich bin nicht sehr intelligent, aber das heißt nicht, dass ich dumm bin. Ich bin nicht sehr faul, das heißt aber nicht, dass ich sehr fleißig bin. In all diesen Fällen gelingt keine Entweder-oder-Einteilung. Aber in Fragen der Zuordnung von Geschlechtlichkeit gelingt die Diskriminierung sehr gut: ich bin männlich, aber weder bin ich besonders männlich, noch etwas weiblicher oder männlicher als ein anderer Mann. Die Einteilung ist: entweder männlich oder weiblich, nicht ein bißchen mehr oder weniger, sondern nur so und nicht anders. Da nun diese Zuordnung von Ausnahmen abgesehen, sehr gut und vorhersehbar gelingt, kommen Biologen auf die Behauptung, dass diese Ordnung natürlich sei und sie finden leicht ganz viele Beweise dafür, dass dies so sei. Das geht, weil die soziale Ordnung, die solche biologischen Beweise ermöglicht, selbst nicht natürlich ist – wie man aus Erfahrung weiß. Und eine soziale Ordnung, sofern sie als solche nicht natürlich ist, ist kein Gegenstand der Biologie. Also stellt eine jede Biologie immer nur das Natürliche fest, egal wie seltsam, bizarr und überraschend die Forschungsergebnisse auch immer sein mögen: alles ganz natürlich.

Jede Biologie der Geschlechterordnung, aber auch jeder Feminismus ist auf eine Diskriminierung der Geschlechter angewiesen. Die Biologie braucht diese Diskriminierung, um sie zu bestätigen, der Feminismus, um sie zu bestreiten. Dieses Wechselspiel von Bestätigung und Bestreitung durchläuft bis heute gut geregelte, weil oft erprobte und vorhersehbare Routinen des Diskurses, dessen Funktion es ist, die unerschöpfliche Ressource eines sozialen Gerechtigkeitsempfinden gegen alle widerlautende Erfahrung präsent zu halten. Deshalb kann ein Bestehen auf eine geschlechtergerechte Sprache so unbeirrbar gut durchgehalten werden, eben weil Ansprüche an eine geschlechtergerechte Sprache gar nicht erfüllt werden können. Denn: auch diese Geschlechterdiskriminierung, ob sie nun sprachlich expliziert wird oder nicht, kann das Gerechtigkeitsempfinden durchaus belasten und dafür sorgen, solche Ansprüche zu wiederholen, indem etwa der sogenannte „Genderwahn“ skandalisiert wird. Wie ungerecht muss eine Welt sein, die ausgerechnet meine besondere Verstandesfähigkeit mit diesem Blödsinn beliefert.

Die Bewegung (des Hamsterrades) muss also weiter gehen.

früher weiter

 

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