Lernen als Machtspiel 1 Leistungskonkurrenz und Konsumskonformismus
von Kusanowsky
zurück / weiter: In Einschließungsmilieus wie Familie und Schule wird Erziehung immer noch als Gehorsamsübung betrieben, obgleich Gehorsam selbst kein Erziehungsziel mehr ist, weder in Schulen noch in Familien. Die Gehorsamsübung in Schulen richtet sich dabei auf etwas, das einerseits explizit als Erziehungsziel vorgegeben wird, nämlich die Einübung von Leistungskonkurrenz, und etwas, das andererseits nicht explizit vorgegeben, aber dennoch vorhersehbar sozialisiert wird, nämlich Konsumkonformismus. Das eine hängt mit dem anderen zusammen, weil die Erziehung zur Leistungskonkurrenz den Konsumskonformismus nach sich zieht. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?
Die Erziehung zur Leistungskonkurrenz in der Schule, die Anfeuerung zum Selbstvergleich mit anderen, das beständige Kontrollieren eines Bewertungsverhältnisses zu anderen hat außer der Durchführung dieses Tuns keinen anderen Zweck auf das hin die Erziehung geleistet wird als die Leistungskonkurrenz selbst. Man wird von Lehrern also nicht in Hinsicht auf ein außerhalb der Leistungskonkurrenz liegendes Ziel erzogen, sondern nur dazu, sich ihr auszusetzen und mit ihr zurecht zu kommen. Das ist der Grund, weshalb es diese nichtssagenden Schulnoten gibt. Sie besagen nur den Unterschied zwischen 1 und 2 und 3 usw. Die Erziehung kontrolliert nur die Beobachtung des Unterschieds, was da aber genau unterschieden wird (z.B. Sport 2, Englisch 4, Durschnitt: 3) bleibt völlig im Unklaren und soll auch im Unklaren bleiben. Das ist die normative Vorgabe, damit die Erziehungsinstitution sich als eine gegen ideologische Parteilichkeiten neutrale Institution rechtfertigen kann, indem sie eben diese ideologische Vorgabe wählt, die sonst keine andere Institution wählt: wertfreie Erziehung zur inhaltslosen Leistungskonkurrenz. Eine Gehorsamsübung ist das deshalb, weil weder Schüler noch Eltern ablehnen dürfen, ideologisch ist das deshalb, weil die Rechtfertigung dafür ausschließlich von der Erziehungsinstitution selbst durchgeführt wird, das aber bedeutet auch, dass sich die Schule aus allem raushalten muss, das Gehorsam zu einem explizitem Ziel des Konkurrenzverhaltens machen könnte.
Gehorsam darf kein Erziehungsziel sein, denn nur dann kann die Gehorsamsübung gerechtfertigt werden.
Darum bilden sich innerhalb des Erziehungsmilieus ohne Zutun von Lehrern und Eltern eigene Konkurrenzziele heraus, welches die Zöglinge mit ihren eigenen Mitteln erreichen oder verfehlen, nämlich hauptsächlich solche, die nicht der Organisation bedürfen, die also damit dem ordnenden Eingreifen von Kontrolleuren entzogen werden können. Schon das einfache Spielen mit dem Ball auf dem Schulhof während der Pause wurde uns Kindern in der Schule verboten, weil ja irgendwas kaputt gehen oder irgendwer verletzt werden könnte. Dabei werden Wettspiele nicht prinzipiell verboten, sondern nur solche, die der Organisation bedürfen, oder, wenn doch, wie beim Fußballspiel zwischen verschiedenen Klassen, dann geht es nur mit Organisationstätigkeit von Lehrern. Und wenn die keine Zeit haben, geht es nicht.
Das beste Konkurrenzziel, also Konkurrenz ohne Organisation, ist in dieser Hinsicht ein Konsumkonformismus. Warum konkurrieren die Zöglinge um die Verfügung über Kleidung, Unterhaltungselektronik, Spielzeug, Schmuck? Warum nicht darum, wer besser lesen, laufen oder musizieren kann? Das liegt daran, dass eben all dies der Organisation bedarf, damit der Kontrolle und dem ordnenden Eingreifen der Lehrer, das aber, wenn es geschieht, nur Unklarheiten herstellt: Kind A: Religion 4, Kind B: Religion 2. Das heißt nicht, dass Kind B frömmer ist oder religiöser oder, dass es die Heilsbotschaft besser verstanden hat, sondern es geht nur um den Unterschied zwischen zwei Zahlenwerten, die außer, dass sie verteilt werden, nichts bewerten. Auf diese Weise werden die Ansprüche der Erziehungssinstitution selbst geordnet, aka fachgerechter Unterricht, also das Formularausfüllen. Den Ansprüchen der Lehrer ist damit Genüge getan, aber denen der Zöglinge nicht. Also suchen sie sich eigene Konkurrenzspiele mit eigenen Konkurrenzzielen, deren Bewertungsergebnisse sich dem nichtssagenden Notengeben entziehen. So entsteht der Konsumkonformismus im Erziehungsmilieu auf der Basis reiner Selbstorganisation, zuzüglich aller Schwierigkeiten: Eifersucht, Diebstahl, Mobbing, Prügeleien usw.
„Gehorsam darf kein Erziehungsziel sein, denn nur dann kann die Gehorsamsübung gerechtfertigt werden.“
Den Satz verstehe ich nicht. Eine Gehorsamsübung dient dazu, das Verhältnis zwischen Befehlsgeber und Empfänger zu stärken bzw. zu fixieren. D.h. das Erziehungsziel „Gehorsam“, würde doch eine Gehorsamsübung rechtfertigen. Wenn Gehorsam, also die unbedingte Gefolgschaft, kein Erziehungsziel sein darf, dann erzeugt doch die Gehorsamsübung ebenjenen Gehorsam quasi „nebenbei“. D.h. egal, ob es Ziel ist oder nicht, am Ende steht der Gehorsam des Schülers gegenüber seinem Lehrer (oder besser seiner Autorität).
Mglw. ist es auch anders zu deuten: Wenn Gehorsam Erziehungsziel wäre, dann könnte sich der Schüler ebenjenem Ziel verweigern. Nur: Wie passt das mit der Rechtfertigung zusammen?
„D.h. das Erziehungsziel „Gehorsam“, würde doch eine Gehorsamsübung rechtfertigen.“
Genau dafür ist die Schule auch erfunden worden. Die verbürgerlichte Gelehrsamkeit hatte ab dem 17. Jahrhundert die Schule als Stätte der Erziehung von Loyalitäten genutzt. Zunächst als Loyalität gegenüber der wahren Religion, dem Bekenntnis. Und dann später, während der Industrialisierung als Loyalität gegenüber der Nation und dem Staat. Diese beiden Weltkriege wären z.B. niemals möglich gewesen, wenn in Schulen nicht die Grundausbildung zum Soldaten stattgefunden hätte: Herumkommandieren, anschnauzen, demütigen und prügeln sind gute Methoden, um Menschen die Bereitschaft zum Sterbenwollen beizubringen.
Nun funktioniert die soziale Welt aber nicht wie eine arithmetische Rechnung, die lauten könnte: Ein Problem (-1) plus eine Lösung (+1) gleich Null. Die soziale Welt verschwindet nicht, wenn sie ihre Probleme gelöst hat. Vielmehr sucht sie neue Aufgaben. Tatsächlich gilt, dass die Struktur, die als Gehorsamsübung entstanden war, dazu nicht mehr genutzt wird. Sie wird nunmehr genutzt, um eine Loyalität gegenüber den illusionären Versprechungen einer Wohlstandsgesellschaft zu erwirtschaften, z.B. als demokratische Erziehung. Deshalb gibt es immer noch Schulpflicht, aber zugleich gibt es nun auch Rechte für die Schüler, die zu fördern und zu erfüllen die Aufgabe der Erziehungsinstitution sei. Dabei handelt es sich aber um eine Selbstbeauftragung, was eben heißt, dass die Erziehungsinstituion selbst darüber entscheidet, ob sie diese Aufgabe erfüllt. Die werksmäßige Voreinstellung einer Antwort lautet: Ja. Und wo sich zeigt, dass das so nicht stimmt, beeilt sich die Institution, diesen Missstand zu beheben und gibt entsprechende Versprechungen heraus, deren Erfüllung sie dann wieder selbst kontrolliert.
Darüber mehr im Folgeartikel: Lernen als Machtspiel 3 Verhältnis von Schüler und Lehrer 2.