Der Lernpessimismus der Wissenschaft 2

 

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Der Lernpessimismus der Wissenschaft resultiert hauptsächlich aus dem Erfolg der Wissenschaft, der ja unbestreitbar ist. Gegen den wissenschaftlichen Fortschritt gibt es keine Einwände, auch dann nicht, wenn man die schädigende Wirkung von wissenschaftlichen Leistungen betrachtet. Denn auch die Kenntnis von schädigenden Wirkungen, wie z.B. die Freisetzung von Radioaktivität durch Kernspaltung, die mit keinem bislang bekannten Mittel rückgängig gemacht werden kann, ist ein Forschungsergebnis der Wissenschaft; und auch die Schäden werden untersucht, analysiert, also verobjektiviert und mit den Mitteln der Wissenschaft behandelt. Und es kommt hinzu, dass auch die kritische Fortschrittsskepsis, die sich in den 80er Jahren bemerkbar gemacht hatte, gegen die Struktur der Wissenschaft selbst nicht skeptisch war, weil ja auch alle Fortschrittsskepsis keine Einwände gegen die aufklärerische Leistung der Wissenschaft zustande brachte. Im Gegenteil. Man könnte sogar sagen, dass auch die Fortschrittsskepsis noch ihren eigenen Teil zum Erfolg der Wissenschaft beigetragen hat.
Und seitdem es einen Überfluss von Akademikern gibt, haben sich sogar Milieus gebildet, die einen Antiakademismus habitualisieren und dabei keine anderen Routinen durchlaufen als solche, die den akademischen Betrieb unterhalten. Alles, was König Midas anfasste, fiel der Vollnarkose anheim, in der Kunst, in der Politik und der Wirtschaft genauso wie in der Wissenschaft.

Warum konnte aber der Lernpessimismus nicht schon vor 50 oder 100 Jahren beobachtet werden? Das hängt mit mit der sozialen Genetik des Wissenskonzepts zusammen. Das Wissenskonzept ist nämlich aus autoritären Verhältnissen der späten Feudalgesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts erwachsen und ist nunmehr, nach Abstreifung des autoritären Staates, anderen Bedingungen des Weitermachens ausgesetzt, ohne seine genetische Struktur ändern zu können. Autoritäre Verhältnisse heißt, dass Gehorsam und Untertänigkeit erwartet wurde, eine Struktur, die von der Wissenschaft nicht abgelehnt, sondern in die Kontingenz ihrer Selbstbehauptung integriert wurde. Der Ausdruck dafür ist Emanzipation. Wenn aber die Erwartung auf Untertänigkeit und Gehorsam weg fällt, bleiben immer noch die Resultate, die sich jetzt als Ruinen erweisen, übrig und bilden ein neues Hindernis, aber eines, für das die Wissenschaft  kein Erfahrungskonzept hat.

Das Wissenskonzept hatte sich selbst ein anderes Hindernis auferlegt, dessen Bewältigung einen unglaublichen Wissensreichtum zustande bringen konnte, nämlich: alle Erklärungsdefizite, die sich aus der Forschung ergaben, wurden in die Zukunft geschoben und mit dem Versprechen versehen, diese Defizite durch Wissensfortschritt beseitigen zu können. Da nun viele solcher Versprechen sogar ausreichend oft erfüllt wurden, gab es keinen Grund, damit aufzuhören, was bis heute dazu führte, dass diese Routine, also die Verschiebung aller Unklarheiten und Ungereimtheiten selbst bürokratisiert wurde. Das bedeutet: immer dann, wenn die Wissensproduktion Risse in ihrer Matrix feststellt, also Hinweise darauf findet, dass irgendwas nicht stimmt, wird einfach eben dieses Gespräch wissenschaftlich verobjektiviert. Man nennt das „Diskursanalyse“ und dann greift König Midas wieder ins Volle.
Mögen manche Naturwissenschaftler auch noch so viele Einwände gegen den postmodernen Quatsch der Geisteswissenschaften (aka „Sokalisierung“) vorbringen, so profitieren sie eben auch von diesem Quatsch, weil damit für die Wissenschaft eine systeminterne Referenzierungsressource eröffnet wird, die dazu genutzt werden kann, den Erklärungsdefiziten der Wissenschaft aus dem Weg zu gehen, indem man auf die Defizite der anderen verweist. Das hilft beim Weitermachen, ohne die Erklärungsdefizite beseitigen zu müssen, ja, auf diese Weise können sie enorm vermehrt werden. Wer von König Midas betreut wird, hat einen sicheren Schlaf.

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