Politische Erfahrung 8

von Kusanowsky

 

zurück /Fortsetzung: (11) Handlungskontingenz

Es gibt einen hübschen Cartoon, der zeigt, wie sich zwei Gesprächspartner gegenüber stehen und die auf eine auf dem Boden liegende 6 bzw. 9 zeigen. Der sieht eine 6 und beharrt darauf, dass es eine 6 sei, der andere, ihm gegenüber, sieht eine 9 und beharrt darauf, dass es eine 9 sei. Der Cartoon will die naive Geschichte erzählen, dass die beiden erstens die gleiche objektive Realität wahrnehmen, dass sie also beide objektiv Recht haben; und zweitens, dass sie subjektiv unfähig wären, die Beobachtungsposition des anderen einzunehmen und sich darum vergeblich um etwas streiten würden.
So naiv wie die Geschichte dieses Cartoons auch sein mag, sie entspricht, wenn auch in der Verkürzung und Übertreibung einer Karikatur, der Naivität des modernen Wissenskonzepts, welches sich infolge seiner Vermachtung durch organisationale Kontrollzwänge des Staates (als Bürokratie) selbst als Hindernis, als Blockade, als Hemmung für Lernerfahrung  darstellt. Dieses Wissenskonzept kann inzwischen nur noch seine durch sich selbst hervorgebrachten Formulare verobjektivieren, also vorhersehbare Routinen ihrer Behandlung innerhalb einer intransparenten Bürokratie durchlaufen. Nur das Formular, bzw. die Routine seiner Behandlung, die man selbst als Handlungsformular auffassen könnte, ist objektiv und ist dazu geeignet, alle Handlung als das festzustellen, was sie den Vorgaben des Formulars gemäß zu sein habe, nämlich subjektiv: alle Handlung, hier vor allem Sprechen, Schreiben, Verwalten, Publizieren, sei lediglich als subjektiver Sinn feststellbar. Und sobald diese Feststellung durch Handlung in der Routine getroffen wird, wird immer nur die Formularvorgabe bestätigt: Alles ist subjektiv.

Die beiden Gesprächspartner haben es nicht mit einer objektiven Realität zu tun, sondern mit der Objektivität eines Handlungsformulars, das ein sozialer Algorithmus ist, der stets nur auf sich selbst zurück verweist. Dieser Subjektivismus begrenzt die Handlungskontingenz, denn an dieser Stelle ist das Gespräch immer zuende. Wenn man nicht mehr weiter weiß, erweist sich alles als subjektiv gemeinter Sinn, damit man auf diese Weise weiter machen kann. Es wird dann Zeit in Anspruch genommen, um die Voraussetzungen für das Handlungsformular erneut zu erfüllen, z.B. wird die nächste Lehrveranstaltung organisiert, eine Tagung, eine Konferenz, ein Kongress oder eine Publikation, um dann die Ergebnisse als subjektiv zu qualifizieren, und um sie, wenn sie bereichernd wirken, als eine Bereicherung des subjektiven Urteilsvermögens zu nutzen. Dann wird gelernt und gehandelt. Und die Ergebnisse sind dann wieder subjektiv. Das führt zur Selbstdeprimierung und zu einem pessimistischen Lernbegriff.

Das Wissenskonzept kann also nur subjektive Meinung ordnen, kann allen Handlungsinn, einschließlich seiner Kontingenz, nur nach Vorschrift behandeln. Mehr kann es nicht. Gestützt wird das ganze durch raffinierte Strategien der Rechtfertigung, deren Differenzen sich ausfächern und irgendwann einen Rechtfertigungszirkel bilden: Zuerst sei die Realität objektiv, aber das Urteil subjektiv. Dann kann wird die Urteilsfähigkeit selbst verobjektiviert, wodurch die Wissbarkeit des Gemeinten fraglich wird, was zur Hypothesenbildung führt. Deshalb werden dann Daten erhoben, ausgewertet, präsentiert und der Prüfung überlassen: Man findet Widersprüche, unklare Begriffe und Definitionen, Ungereimtheiten aller Art, aber auch Klarheiten und Plausibilitäten. Es wird gleichsam durch das soziale Geschehen die Kontingenz aufgedeckt und durch Verweis auf die Objektivität der Tatsachen wieder zugedeckt, weil man dann wieder anderer Meinung sein kann. Und solange die Materialien, die auf diese Weise produziert und der Kenntnisnahme überlassen werden, einigermaßen überschaubar sind, führt das zu unvorstellbaren Wissenszugewinnen, bekannt als Fortschritt der Wissenschaft.

Aber was ist, wenn die Überschaubarkeit perdu geht? Es werden dann die Anstrengungen vermehrt, um die Wiedererkennbarkeit des Handlungsformulars zu retten, was, wenn es gelingt, zu noch mehr Unüberschaubarkeit führt. Es geht also um das Wechselspiel von Komplexität und Reduktion von Komplexität. Spätestens seit der Ausbildung der Massenuniversität ist das Handlungsformular des akademischen Subjektivismus komplett durch sich selbst korrumpiert. Es wird immer nur bekannte, also geordnete Erfahrung nach dem Schema geordnet, durch das sie in Erfahrung gebracht wurde. Es wird immer nur Bekanntes bekannt gemacht. Und es gibt keinen Ausweg, weil nämlich auch die ordnende Erfahrung, also das soziale Lernen, der Objektivierung unterzogen wird und damit selbst wieder nur als geordnete Erfahrung in Erscheinung tritt. Das Ergebnis ist die Realität des Systems einer Wissenproduktion, die alle nur erdenklichen Ressourcen ausschöpft um sich fortzusetzen. Und da Ressourcen nicht beliebig vermehrbar sind, richtet sich irgendwann ein pessimistisches Lernverhalten ein.

Was meine ich mit Lernpessimismus?

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