Politische Erfahrung 1

zurück / Fortsetzung: Bei Karl Marx ist irgendwo sinngemäß zu lesen – ich glaube, in der Deutschen Ideologie, dass eine Gesellschaft es entweder schafft aus ihren Widersprüchen klug zu werden; oder, wenn nicht, geht sie an ihren selbst gemachten Widersprüchen zugrunde.
Das eine wie das andere ist eine realistische Perspektive. Und niemand wird mir einen überzeugenden Grund dafür nennen können, das eine oder das andere eher zu hoffen oder eher zu befürchten. Hoffnung macht depressiv; und Angst schüchtert ein und macht mutlos. Angst und Hoffnung sind keine Quelle für die Gewinnung einer realistischen Perspektive.
Bleibt allein Erfahrung als Möglichkeit, aber auch damit sieht es schlecht aus. Denn Erfahrung hat man ja immer schon. Rein erfahrungslose Zustände kennt niemand, der sprechen kann, und man ist leicht geneigt, sich auf Erfahrung viel einzubilden. Das passiert in der Regel dann, wenn Erfahrung als geordnete Erfahrung reflektiert wird. Man weiß dann immer schon, was als nächstes zu tun wäre und ist dann von der Schwierigkeit befreit, die es macht, die Zufälligkeit des Gelingens zu betrachten. Denn werden Erwartungen erfüllt, gelingt der Erfolg, könnte man von einer zuverlässigen Methode sprechen; werden sie enttäuscht, gelingt der Misserfolg, dann wird man die Methode variieren. In beiden Fällen gibt es keinen Grund, sich über das Gelingen unverhältnismäßig zu wundern. Das ist der Sinn von Methode: die Gründe für Verwunderung abzuschaffen und Verwunderung allein durch Methodengebrauch wieder zuzulassen. So gelingt Selbstbeeindruckung. Und werden Routinen der Selbstbeeindruckung unaufhörlich bedient, wird es erst deutlich, dann klar, dann klarer, dann erkennbar, dann hell, dann grell, dann immer greller und dann dunkel. Jeder Handwerker weiß: nach fest kommt ab. Man sieht irgendwann kaum noch etwas, wenn man viel sehen kann.

In diesem Zustand befinden sich gegenwärtig die Routinen des politischen Handelns. Ich meine damit die beobachtbare Vollnarkose derjenigen, die sich davon beeindrucken wollen, dass sie Absichten, Interessen, Vorhaben und Pläne durchsetzen könnten. Der Unterschied zur Satire wird immer schwerer erkennbar, weshalb es nicht weiter wundert, dass sich Satiriker am politischen Betrieb ganz seriös beteiligen können. Ob also ernst gemeint oder nicht, soweit wir wissen, ist alles nicht mehr sehr ernst zu nehmen. Politisches Handeln gerät nicht durch Misserfolge oder durch Inkompetenz in Verruf, nicht durch Korruption, nicht durch Affären und Intrigen, sondern durch Gelächter. Könnte es schlimmer kommen? Ja, wenn man sieht, dass diese Art des politischen Handelns auch noch mit stupider Humorlosigkeit weiter betrieben wird, wie man das an der Piratenpartei ablesen kann.

Also alles ganz schlimm.

Fortsetzung

 

Advertisements