Differentia

Monat: August, 2018

Die Betroffenheitsschleife der Zeigefinger-Erektion

Christoph Ransmayr: Europa! Herz der Finsternis.
Was für eine betörende Utopie: ein Kontinent der friedlichen Völker, ohne Grenzbalken und Kriege. Aber Europa hat die Rechnung für seine Raubzüge nie bezahlt. Und wer von uns will schon auf einen Teil des Luxus verzichten? (weiterlesen)

Ein Erinnerungstext. Ich habe keine Übersicht darüber, wie viele solcher Erinnerungstexte seit den 70er, 80er, 90er Jahre geschrieben und publiziert worden sind, die einen knapp und bilderreich, die anderen ausführlicher, die einen von einem höheren Grad der Betroffenheitsrhetorik geprägt, die anderen Hoffnungen oder Ängste artikulierend, aber alle Texte teilen das selbe Schicksal: sie wurden geschrieben, publiziert, diskutiert und wurden solange dem Vergessen überlassen, bis die Erinnerungsroutine sich daran erinnert, dass die Verhältnisse in der sogenannten Dritten Welt, namentlich Afrika als einem mehrfach vergewaltigten Kontinent, nicht einfach vergessen werden dürfen.
Ein Text mit dieser Prosa konnte bereits in den 80er Jahren geschrieben werden. Wer sich nicht mit einem Déjà-vu zufrieden geben will, wird gewiss unerschrocken bemerken, dass bis zum nächsten Durchlauf dieser Schleife alles so bleiben wird wie es ist. Das könnte daran liegen, dass wir es mit einer geordneten und hoch immunisierten Struktur zu tun haben, die hauptsächlich nur sich selber erhält, indem sie beinahe alles einer illusionslosen Prüfung unterziehen lässt, aber nicht das, was ihren Erhalt beschädigen könnte, nämlich: ein unbedingter Wille, die Plausibilitätsannahmen dieser Betroffenheitsschleife außer Acht zu lassen:

„Europa hat die Rechnungen für seine durch Jahrhunderte unternommenen Raubzüge quer durch alle Kontinente dieser Erde nie bezahlt, ja hat die von sogenannten Entdeckern und kolonialen Armeen angerichteten Verwüstungen stets so lange geleugnet, bis der Gestank aus den Massengräbern nicht mehr zu ertragen war.“ – Dieser Meinung kann man sich unschwer anschließen. Und da dies dem Autor nicht entgehen wird, probiert er, um der einschläfernden Selbstbestätigung zu entkommen, zur Aufrechterhaltung der Betroffenheitsschleife einen einfachen Trick, nämlich: die rhetorische Frage: „Denn wer von uns wollte tatsächlich und leichten Herzens wenigstens auf einen Teil des Luxus verzichten, der uns in unterschiedlicher Üppigkeit selbst- verständlich wurde – etwa auf Zweit-, Dritt- und Viertautos, auf Zweit-, Dritt- und Viertwohnungen und entsprechende Häuser? Auf mindestens Drei- bis Fünfsternhotels und billige Langstreckenflüge, auf Ströme von kostbarem, klarem Trinkwasser selbst in unseren Toiletten! Und stimmen wir denn nicht an jeder Zapfsäule auch über Ölkriege ab, die zum Nutzen unserer Sonntagsausflüge und Ferienfahrten ans Meer auf den Schlachtfeldern des Nahen Ostens und wo immer sich der Treibstoff für unsere Mobilität findet, geführt werden?“

Und wer sich nun dazu verführt findet, auf dies Frage mit „Niemand“ zu antworten, gibt nur eine rhetorische Antwort, also eine Bestätigung für etwas, das sich auf diese (oder ähnliche Weise) immer schon bestätigt hat. So vollzieht sich also die Vollnarkose dieser Operation. Man könnte auch sagen: Die Struktur ermöglicht, dass der Zeigefinger des Weltverstehers sich an diejenigen wendet, die die Welt auch nur mit dem Zeigefinger betrachten und die ihn am Ende auch nur wieder erheben können. Es handelt sich um die Routine der Zeigefinger-Erektion, die wunderbar geeignet ist, die Plausibilitätsannahmen dieser Routine gar nicht erst für die Kommunikation zuzulassen.

Was wäre nämlich, wenn der überbordende Konsum der westlichen Welt, an dessen Übertriebenheit und Unverschämtheit gewiss kein Zweifel möglich ist, gar nicht die Ursache wäre, weder für die Verhältnisse in der Dritten Welt, noch für die ökologische Krise? Was wäre, wenn diese Betroffenheitsschleife und ihr rhetorischer, also unwirksamer Appell, nicht nur nicht geeignet ist, an diesen Verhältnissen etwas zu ändern, sondern auch bestens dazu geeignet ist, eine Änderung der Betrachtungsweise zuverhindern?

Was wäre, sollte einsichtig sein, dass Verzicht geleistet werden müsse, dass innerhalb dieser gesellschaftlichen Überproduktion von Bedürfnissen auch noch das Bedürfnis auf Verzicht als weiteres Bedürfnis erst noch erzeugt werden müsse? Zuerst käme dann die Frage in den Sinn, wie die gesellschaftliche Produktion von Bedürfnissen eigentlich funktioniert – eine Frage, wie gewiss nicht nur einmal und auf eine Weise beantworten werden sollte, deren Antwort sich aber nicht darin erschöpft, Betroffenheit um Appell zu verbreiten. Denn auch das Bedürfnis, sich frommen Wünschen zu überlassen, ist eines jener überflüssigen Bedürfnisse, wie sie Wohlstandsgesellschaft zur Genüge hergestellt hat. Und ein solches Bedürfnis entsteht da, wo der Aufwand nicht geleistet werden kann, in eine Änderung dieser Routine zu investieren, weil niemand so einfach weiß wie es geht.

Diese Betroffenheitsschleife kennzeichnet also nur eine durch Illusionen gestützte Weigerung, ein Nichtwissen um die Möglichkeit zur Veränderung zuzugeben.

Der Zeigefinger und seine Beziehung zum Nichtwissen

 

Der Zeigefinger, Geschlechtsorgan des Experten, Weltverstehers und Besserwissers (komplementär: der Mittelfinger)

 

„Und um den Kapitalismus zurechtzustutzen ist nur eine Sache wichtig: weniger Konsum. Nicht anderer Konsum, sondern weniger Konsum.“

Das schreibt Meiko Lobo hier; und wie immer ist das der Weisheit letzter Schluss, wenn es darauf ankommt, aus den fürchterlichen Auswirkungen des Kapitalismus klug zu werden. Damit weniger produziert würde, müsste weniger konsumiert werden. Die Rechnung ist für Schlümpfe ideal zum Nachrechnen geeignet. Die Rechnung geht so: Weniger hier ist gleich weniger da. Weshalb, wenn alle am selben Strang ziehen, die Sache gewuppt werden kann. Kapiert jeder Schlumpf, sogar diejenigen, die in Mathe früher immer eine 5 hatten.

Wenn man den oben verlinkten Text durchgeht, wird jeder unerschrockener Beobachter in den dort aufgeschriebenen Sätzen einen ziemlich weltfremden Lernpessimismus feststellen. Der Lernpessimismus besagt, dass die hinlängliche Bekanntschaft mit den Problemen der industriellen Warenproduktion völlig ausreicht, um die Lösung zu kennen und zu propagieren. Weil zu viel konsumiert wird, muss weniger konsumiert werden, sagt der erigierte Zeigefinger und weiß Bescheid, weil er sich über alles Entscheidende ausreichend informiert weiß. Der Zeigefinger ist kein bisschen ratlos, hilflos oder machtlos, sondern ist aufgrund seiner Bekanntschaft und Vertrautheit mit der Welt nicht über sich selbst irritiert, weshalb es allein an der Welt da draußen liegen müsse, die Wahrheiten der unmittelbaren Evidenz endlich zur Kenntnis zu nehmen. Das gelingt vorhersehbar nicht, weshalb – so der Lernpessimismus – der Zeigefinger sich erneut aufrichtet um erstens zu sagen, was jeder wissen sollte und zweitens um zu schimpfen, sollte sich mal wieder zeigen, dass einer aus der Reihe tanzt. Das gelingt vorhersehbar gewiss, weshalb ganz unverdrossen das Spiel von vorne beginnt. Es gibt ja nichts wichtiges mehr zu tun.

Der Zeigefinger wird in die Höhe gestreckt, um Nichtwissen nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn, so die von enorm vielen Vorurteilen belastete Weisheit, dann könne man ja gar nichts tun. Auf diese Weise rechtfertigt sich jeder Lernpessimismus von selbst: Wer immer schon weiß was zu tun ist, kann und will nicht mehr lernen, dass eben dies erst noch erlernt werden müsse. Probleme zu erlernen, sie in Erfahrung zu bringen, heißt eben noch nicht, auch schon gelernt zu haben, wie sie gelöst werden können. Wer Probleme erlernt hat, hat noch keine Lösungen gelernt.

Wo aber das ignoriert wird, bedeutet das, dass der Zeigefinger zur Menge der bekannten Probleme gehört. Auch das Erheben des Zeigefingers müsste eine Verzichtsleistung sein, um lernen zu können, wie die Gesellschaft Verzicht produzieren könnte. Wo der Zeigefinger dies aber nicht sehen will, kann er keinen Lernoptimismus gewinnen. Denn ein Lernoptimismus könnte heißen, dass niemand die Probleme lösen kann, was nicht heißt, dass es nicht geht, sondern nur, dass noch nicht bekannt geworden ist, wie es gehen könnte. Man könnte also, statt aussichtslos mit dem Zeigefinger zu wedeln, mit Nichtwissen anfangen und die Verminderung von Nichtwissen in Aussicht stellen, wenn man nur die Bereitschaft hätte zuzugeben, dass alles bekannt gewordene Wissen noch nicht ausreicht. Denn das bekannt gewordene Wissen reicht nur aus, um sich nicht über den Zeigefinger zu wundern.

Ein Lernoptimismus könnte dagegen anfangen, dem Zeigefinder, statt ihn auf Plausibilität zu befragen, zu misstrauen und könnte stattdessen auf die Kreativität von Lernprozessen setzen. Und – sollte wer einwenden, dass es dafür längst zu spät ist, dann gilt: Wenn es so ist, dann muss es wohl so sein.

Was aber, wenn nicht?

Wer nicht lernen will, muss weinen.

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