Medieninnovation als Idiotie 4 Erfindung 1

Karl Freiherr von Drais, Erfinder und Genie (erfolglos)

„Freiherr von Rutsch
zum Fahre kei Kutsch
zum Reite kein Gaul
zum Laufe zu faul.“

Die moderne Gesellschaft hat, anders als die alte Gesellschaft, ein Medium für die Kommunikation von Bewegung erfunden. Das Medium besteht nämlich aus sozialen Formen, die Nichtbewegung ausprobieren: „Zum Reiten kein Gaul – zum Laufen zu faul“ heißt es oben in dem Spottvers, in welchem genau das verspottet wurde, was sich durchsetzen wird: Die Verweigerung, Vermeidung von Bewegung oder der Verzicht darauf.

Maschinen, Motoren, Pumpen, Antriebe, Ketten, Hebel, Zahnräder und Getriebe bilden durch ihre Verknüpfung miteinander ein Vermeidungsmedium für Bewegung. Was sich schon frühzeitig mit der Erfindung des Laufrades ankündigte, wurde später mit dem Viertaktmotor fortgesetzt. Der Sinn dieses Steigerungsprozesses war nicht die schnellere Bewegung, denn auch die ersten Automobile waren langsamer als jeder Läufer, sondern die Vermeidung von Bewegung, das zugleich ein Spiel der Freisetzung von physikalischen Kräften war, dessen Funktionieren dann höchst beeindruckend wirkte. Erst, wenn man annimmt, dass die Vermeidung von Bewegung die Tüftelei motivierte, kann man begreifen, warum die ersten Automobile trotz ihrer Langsamkeit und Unzuverlässigkeit so beeindruckend waren: sie fuhren von selbst.
Die Erfindung der Lokomotive nimmt in dieser Hinsicht eine Doppelstellung ein; einerseits, weil für ihren Betrieb Arbeitsteilung und also industrielle Organisation von Arbeit und damit auch die Bewegung von Arbeitern unverzichtbar war, anderseits war die Passage selbst eine Demonstration von Nichtbewegung, nämlich: Das Warten der Passagiere auf das Ende der Fahrt. Insofern war die Lokomotive dem Segelschiff sehr viel ähnlicher als dem Automobil. Noch einmal anders verhält es sich beim Flugzeug. Da bewegt sich niemand mehr, aber aufgrund der Gefahrensituation überdeckt die Organisation, die dafür nötig ist, die Gefahr abzuwenden, dass gerade die Nichtbewegung aller gebraucht wird, um eine enorme Geschwindigkeit zu ermöglichen.

Erst die Individualisierung von Nichtbewegung setzte enorme Kräfte frei, die nicht mehr organisierbar waren. Die Erfindung des Autos war nicht der schnelleren Bewegung gewidmet, sondern der Nichtbewegung seines Führers. Eben dies beschleunigte die soziale Formfindungen, die sich aus dem Vermeidungsmedium ergaben.

Eine jede Medieninnovation differenziert sich aus einem Vermeidungsmedium heraus, das in seinen empirischen Formen stets beides Seiten reflektiert: Bewegung genauso wie Nichtbewegung, weshalb Paul Virilio sich nicht irrte, als er von einem rasenden Stillstand schrieb.

Schön zu lesen ist unten der Auszug aus einem Gutachten des Jahres 1813, das dem Erfinder des Laufrades, dem Grafen von Drais, bescheinigte, eine unnütze Maschine erfunden zu haben. Darin heißt es, dass das Laufen eine bessere und vorteilhaftere Bewegung sei. Außerdem gäbe es keine geeigneten Straßen. Beides stimmte gewiss. Auch heißt es, dass eine solche Maschine durch Tiere zu ziehen einer natürlichen Bewegung entspreche. Das Laufrad wandle diese in eine unnatürliche Bewegung um, was abzulehnen sei.

Interessant ist diese Quelle deshalb, weil sie anfängt, den Nutzen von Bewegung zu problematisieren und damit zur Auskunft gibt, dass es dem sozialen Sinn nach um den Nutzen von Nichtbewegung geht. Denn bis dahin hätte niemand über den „Nutzen von Bewegung“ nachdenken können, weil Bewegung selbstverständlich unverzichtbar war. Eine schönes Beispiel für Diskontinuität: In dem Maße wie nunmehr die Selbstverständlichkeit von Bewegung in den Nutzen von Bewegung umgeändert wird, wird der Nutzen von Nichtbewegung opportun. Und im Laufe von 200 Jahren hat sich dieser Prozess noch einmal umgeändert in die Feststellung, dass der Stillstand aufgrund von unaufhaltsamer Beschleunigung mehr Kosten als Nutzen hat.

Fortsetzung