Differentia

Monat: Januar, 2018

(42) Formular bis (46) Rechtfertigung

zurück

(42) Das Formular ist das Dokumentschema der modernen Wissensform. Das Formular verdeckt die magische Praxis der Professionalisierung. Professionalitätsmagie. Die Diskussionen um die Rationalität des Handelns finden in der Behandlung des Formulars ihren Ausgangspunkt.

(43) Durch die Renovation des Formulars – das ist die Ausdifferenzierung seiner Anwendbarkeit – wird der gesellschaftliche Vorgang der Innovation in seiner Beobachtbarkeit erschwert.

(44) Die Beobachtung von Zyklen der Innovation entspricht der permutierenden Referenzierung solcher Renovationspozesse.

(45) Tatsächlich vollziehen sich Innovationsprozesse aber innerhalb einer diskursiven Differenzierung (ordnende Ordnung), also in der Wildnis der Gesellschaft, welche in der funktionalen Differenzierung (geordnete Ordnung) ihren empirischen Niederschlag finden. Eine diskursive Ordnung hat eine zersetzende, zerrüttende, zerstörende Funktion. Deshalb ist Innovation zuerst Sabotage, Aufbrechen und Freilegen von geordneten Ordnungsmustern des Handelns. Sie ist Provokation von neuer, von nächster Ordnung.

(46) Sobald solche Provokationen selbstbezüglich operieren, kommt es zur Rechtfertigung entstandender Strukturen, weil die entstehende Struktur im Prozess ihres Entstehens durch den Prozess in ihrer Beobachtbarkeit verhindert, aber mindestens erschwert wird. Werden diese Erschwernisse selbst erschwert, wird Verhinderung verhindert, hat sich Veränderung (54) unwiderruflich durchgesetzt. Auf diese Unwideruflichkeit wird mit Rechtfertigung reagiert. Daher die moderne Professionalitätsmagie. Sie leistet Rechtfertigung geordneter Ordnung. Die Möglichkeit der Veränderung, aber die Notwendigkeit der Erfahrung ist der Flaschenhals der Evolution: Schmal, eng, stur und beinahe vollständig verstopft.

weiter

(38) Paradigma bis (41) paranoische Fiktion

zurück

(38) Der Begriff Paradigma scheint mir in soziologischer Hinsicht ein Ausdruck für die jeweilige Differenzierungsform (49) einer Gesellschaft zu sein. Das Paradigma ist die Einheit von ordnender und geordneter Ordnung. Im Fall der modernen Gesellschaft: funktionale Differenzierung und diskursive Differenzierung; sozialorganische, also gesellschaftliche Aufteilung des Problems der Bestandserhaltung einerseits und Zerrüttung andererseits.

(39) Die Referenzierbarkeit von Sinngehalten stellt die Empirizität einer sozialen Form her. Im Fall der modernen Gesellschaft gelang die Referenzierung in der Dokumentform (50), die eine seltene, aber normale Behandlung von Fremdreferenz bereit stellt. Alles, was sich als empirisch erweisen soll, muss referenzierbar sein. Manipulation durch Dokumentgebrauch. Daher z.B. die Irritationen über Homöopathie. Sie beweist das Unbeweisbare, ohne die Routinen der Referenzierung außer Funktion zu setzen. Die Grenzen der Referenzierbarkeit von Sinn werden durch Devitationsstrukturen der Gesellschaft gesichert. Alles,was sich als nicht referenzierbar erweist, wird entweder referenzierbar gemacht oder marginalisiert, bagatellisiert, vernachlässigt, abgeschoben oder durch Nischenzuweisung behandelt. Die für die moderne Wissensform (51) beeindruckendste Operation ist sie Referenzierung auf den Sprecher, Schreiber, auf ein handelndes Subjekt, mit welcher auch noch die Dokumentform getestet und belastet wird. Bezeichnung eines Selbst, das sich als ein anderes darstellt.

(40) Die Handlungsform (52) dieser Operation stellt sich dar als Habitualisierung des Genies, in seiner Vollentfaltung als Trivialgenie unserer Tage.

(41) Die paranoische Fiktion des Genies wurde durch die evolutionäre Ausdifferenzierung seiner Handlungsform sozial standardisiert. Ergebnis ist die Person, bzw. transzendentale Subjektivität (E. Husserl).  Transzendentale Subjektivität meint die vollumfängliche Ansprechbarkeit der Person auf alles, was sie betreffen, verantworten, besorgen, erschaffen oder verhindern könnte, meint: einwandfreie Adressabilität.

weiter