Differentia

Monat: Dezember, 2017

(26) Parasoziologie bis (29) gesellschaftliches Apriori

zurück

(26) Parasoziologie. Wird versucht, im Rahmen des Paradigmas der modernen Wissensform Gesellschaft wissenschaftlich zu erforschen, zu untersuchen oder irgendetwas an ihr oder in ihr zu messen, Gesellschaft mit Methoden zu verobjektivieren, handelt es sich um Parasoziologie. Dass es sich dabei um Szientismus handelt, bemerkt man daran, dass sie das naturwissenschaftliche Repertoire von Erklärungsversuchen übernimmt: Nomologie, Kausalität, Mengenlehre, inkl. allen damit verbundenen Metaphern. Daher kennt sie soziale Kräfte, Triebe oder Antriebe. Sie kennt Massen, Körper, Motoren, soziale Bewegungen, Gewichte und dergleichen. Eine Soziologie bleibt Parasoziologie, solange sie das Entstehen von Gesellschaft als von Menschen verursachtes Handeln auffasst. Da sie zwar den szientistischen Dualismus akzeptiert, aber auf dieser Basis bisher kein positives Wissen produziert hat, ist verbleibt sie als eine sich selbst rechtfertigende Struktur der vermachteten Wissensproduktion, die nur ihre eigene Literatur verwaltet. Sie ist eine Struktur der Selbstverwaltung ihrer Irrtümer. Sie ist vermachtete Irrtumskommunikation.

(27) Die erfolgreichste Strategie des szientistischen Dualismus besteht in der Objektivierung. Unter dieser Voraussetzung konnte Soziologie eine Wissenschaft werden, weil es ihr gelungen war, etwas sehr Unheimliches zu verobjektivieren, nämlich Gesellschaft. Damit hat sie die überlieferte Auffassung von Gesellschaft entnaivisiert und damit einen neuen Problemerfahrungshorizont eröffnet. Sie hat dazu beigetragen, Gesellschaft – die soziale Welt – als Problem bekannt zu machen. Sie kann aber auf der Basis des szientistischen Dualismus die Bekanntheit mit dem Problem nur wiederholen, nur wiedererkennbar machen, nur für den Fortbestand bekannter Probleme sorgen. (Beispiel unten). Erkennen kann sie die Probleme nicht.

(28) Probleme können erst dann von Bekanntheit in Erkennbarkeit überführt werden, wenn Widerstände gegen Versachlichung vermieden und überwunden werden. Devitation . Versachlichung kann erbracht werden, wenn einer Lernbereitschaft nur Lernbereitschaft entgegen steht. Versachlichung bedeutet, alle ideologischen Positionen zu räumen, die der Motivierung von Lernbereitschaft im Wege stehen. Dazu zählt im Fall von Soziologie ein Verzicht auf alle Zwänge des Formulars (42), (nicht ein Verzicht auf das Formular!)

(29) Das gesellschaftliche Apriori ist Kommunikation, nicht Handlung, nicht Wissen, nicht Erkenntnis.


Beispiel für die Verwaltung der Problemroutine:

„In der Beschleunigungsfalle: Zeitforscher Hartmut Rosa spricht im FR-Interview über Steigerungslogik, Demokratie und zunehmende Entfremdung.“

http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026

(Die Entfremdung nimmt zu, seit es Soziologie gibt. Das wird turnusmäßig beklagt, bedauert und es wird gefordert, die Gesellschaft möge sich bitte an den Vorgaben der Soziologie orientieren, was sie vorhersehbar nicht tut. Der gemeine Soziologe nimmt das nur zum Anlass, mit der Rouine von vorne zu beginnen: 1. Karl Marx zitieren 2. Kausalität benennen 3. Anderer Meinung sein.)

weiter

 

Advertisements

(22) Szientistischer Dualismus bis (25) Kommunikation

zurück

(22) Der szientistische Dualismus, maßgeblich die Subjekt/Objekt-Unterscheidung, ist das Paradigma (38) der modernen Wissensform (39). Innerhalb dieses Paradigmas ist in der Spätphase (während der Industrialisierung) auch Gesellschaft als Problem, also als Gegenstand der Objektivierbarkeit der Welt aufgetaucht. (Dass alles in der Welt objektiverierbar sei, nenne ich „Szientismus“. Dass es innerhalb der Soziologie/Ethnologie gegen den Szientismus Vorbehalte gibt, beeinträchtigt nicht ihre Versuche, Gesellschaft zu objektivieren.) Die Soziologie konnte im Rahmen dieser Wissensform, die Referenzierbarkeit (39) als wichtigste Objektivierungsstrategie kennt, zu einer Wissenschaft werden, weil sie Handlung in der Kontingenz der S/U-Unterscheidung als Problem erfolgreich verwissenschaftlichte. Soziologie kann aber keine Wissenschaft bleiben, wenn sie das Paradigma des szientistischen Dualismus beibehalten will. Der Grund: die Soziologie als Wissensform hat ihre Handlungsform erarbeitet und Handlungskontingenz als letzte Erkenntnismöglichkeit ihrer Programms gefunden. Seitdem kann sie nur Handlungskontingenz feststellen, bzw. objektiveren: „Alles ist subjektiv“ – Im inflationären Subjektivismus kommt die Wissensform der Moderne zur trivialen Genalität (40)

(23) Im Trivialgenie der Spätindustrialisierung zeigt sich eine nicht mehr steigerbare Humankompetenz. Damit schließt sich ein Vertrauensbildungsprozess der modernen Zivilisation ab. Zivilisation ist Vertrauen in unwahrscheinliche Voraussetzungen des Gelingens von Gesellschaft. Der Konsument ist das Trivialgenie, das keine andere Sorge mehr hat, als sich im Wohlstand unwohl zu fühlen. Der Konsument ist noch darauf festgelegt, Handlungskontingenz als Ressource ungenutzt zu lassen, solange die Devitationsstruktur seines Empirischwerdens nicht vermieden wird.

(24) Soziale Standardisierung ist die zivilisatorische Durchdringung, Formung und Prägung von ansonsten paranoischen Fiktionen. Das „Wesen des Menschen“ ist eine solche paranoische Fiktion (41) – ein Mysterium der gesellschaftlichen Umweltreferenzierung.

(25) Kommunikation hat keine objektive Realität, ist nicht referenzierbar und ist, nach Vorgabe des szientischtichen Dualismus mit Methoden nicht erforschbar. Methoden leisten Objektivierung der erfahrbaren Welt. Die Erfahrung der Kommunikation beruht aber nicht auf Methoden. Kommunikation ist ein sozialer Verstehenszirkel, wie bei Luhmann definiert.

weiter

%d Bloggern gefällt das: