Apollinischer vs. faustischer Vermeidungsirrtum @BKasslatter @bertrandterrier

Dieser Film erzählt einen fiktiven Dialog zwischen Platon und Nietzsche, mit welchem dem philosophischen Laien eine Einführung in das Denken der beiden präsentiert wird.

Ein solcher fiktiver Dialog ist zwar ganz hübsch, aber wer sich nicht bloß mit dem Studium philosophischer Schriften befasst, sondern überhaupt die Bereitschaft mitbringt, die Voraussetzungen zu studieren, durch welche Philosophie möglich wird, kann einen solchen Dialog nur mit Skepsis betrachten. Platon und Nietzsche hätten sich nicht viel zu sagen gehabt, sie hätten kaum miteinander reden können, dies nicht aus Gründen beiderseitiger Geringschätzung. Die Voraussetzungen wären nicht zu vermitteln gewesen, die mitbedacht werden müssten, um einander zu verstehen.

Die Unterschiede der Philosophien sind nämlich nicht zuerst philosophischer Natur. Es gibt keine Philosophie, die für beide nur eine verschiedene wäre, die also nur Meinung und Gegenmeinung ermöglichte. Philosophie war für Platon etwas ganz anderes als für Nietzsche, weil die Gesellschaft eine ganz andere war, die ganz andere zivilisatorische Problemkonstellationen zu bewältigen hatte.

Das Wunderwerk der Gesellschaft besteht auch darin, die Voraussetzungen zu ändern, unter denen Gesellschaft, und dann auch Philosophie gelingt. Und ich nenne solche Veränderungsweisen für das Gelingen von Gesellschaft relevant, die es zuwege bringen, Vertrauen in eine prinzipiell unerreichbare und damit unverfügbare Umwelt zu fassen. Das meint, dass eine Philosophie für Platon und eine Philosophie für Nietzsche ganz andere epistemische Vertrauensvoraussetzungen implizierten, die für einander ganz unvereinbar sind. Platon konnte für ein Vertrauen in Menschenvermögen nicht die gleichen Strukturen in Anspruch nehmen wie dies Nietzsche gekonnt hatte. Was die Philosophiegeschichte als eine Umänderung ontologischer Verhältnisse auffassen würde, würde ich evolutionstheoretisch als die Einrichtung von spezifischen Vermeidungsirrtümern auffassen, um bestimmte Probleme der Kommunikabilität von Welterfahrung aufzulösen.

Eine Welt, in der der Schriftgebrauch nur schwer, der Maschinen- und Motorengebrauch aber leicht abzuwenden ist, wie dies in der Antike der Fall war, reflektiert ganz andere Hindernisse für eine Vertrauensgewinnung als eine moderne Gesellschaft, die den Maschinen- und Motorengebrauch nur schwer, aber einen Verlass auf die Selbstorganisation von Gesellschaft leicht abweisen kann. Im ersten Fall handelt es sich um den sogenannten apollinischen, im zweiten um den faustischen, bzw. transzendentalen Vermeidungsirrtum. Solche Vermeidungsirrtümer richtet die Gesellschaft ein, um auf dem Wege das Zuvermeidende selbst in Erfahrung zu bringen, nämlich eben diese Vermeidungsirrtümer.

Platon und Nietzsche hatten nicht zuerst verschiedene philosophische Auffassungen oder Standpunkte, sondern hatten ihre Lebenssorgen auf gänzlich verschiedene Weise in Erfahrung gebracht. Diese Problemerfahrungsprozesse werden von der Philosophie nur reflektiert, nicht aber erklärt. Philosophen nutzen nur die Lösungen, die die Gesellschaft ihnen schenkt. Herstellen können Sie diese Lösungen nicht.

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