Ehe für alle – Beleidigung für alle
von Kusanowsky
Nach der Entscheidung ist vor der Erfahrung. Was mit der Ehe für alle beschlossen wurde, ist nicht bloß eine abschließende Regelung über eine administrative Verfahrensweise für die Behandlung von Anträgen auf Eheschließung, sondern ist vielmehr der Beginn dessen, was einer konservativen Ablehnung dieser Regelung voraus geht, nämlich der Widerwille gegen Erfahrung.
Prüft man, welche substanziellen Einwände der konservativen Ablehnung einer Ehe für alle zugrunde liegen, dann bleibt nur die Feststellung übrig, dass die Widerwilligkeit der konservativen Position auf Kränkung beruht. Denn mehr als ein Beharren darauf, dass Ehe und eine anders genannte Lebenspartnerschaft etwas grundsätzlich anderes seien, wurde nicht geäußert und kann jetzt nicht mehr wiederholt werden. Die konservative Position der Abwehr wollte sich nur die Beleidigung nicht gefallen lassen, also eine angebliche Abwertung der Ehe zwischen Mann und Frau. Beleidigungen werden immer da wirksam, wo ein großer Stolz kultiviert wird und aufgrund seines illusionären Gehalts gebrochen werden soll.
Jetzt gilt: Vorbei ist vorbei. Gewiss kann man annehmen, dass der bürgerliche Familienstolz nicht mehr all zu stark ausgeprägt ist. Aber die Beleidigung, die sozial strukturell geprägt ist, wird damit nicht aus der Welt geschafft. Und es gilt, wenn Politik darin bestehen sollte, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, der Grundsatz: Der Beleidigte darf die Waffen wählen.
Selbstverständlich wird man auch in Rechnung stellen können, dass es sich dabei größtenteils um reine Symbolpolitik handelt. Denn die Ruine der bürgerlichen Familienideologie ist inzwischen überall angekommen und setzt sich jetzt auch auf homosexuelle Lebensgemeinschaften durch: Es wird sich jetzt nicht nur die Erfahrung von Kindern herum sprechen, die mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufgewachsen sind. Sondern auch die Erfahrung von Scheidungswaisen, die von zwei Müttern oder zwei Vätern im Stich gelassen wurden. In Eheberatungsstellen werden nun Männer und Frauen aufschlagen, die ganz anders gelagerte Schwierigkeiten vortragen werden als solche, die bislang antwortfähig sind. Ähnliches gilt auch für Familiengerichte. Die ganze juristisch-sozialpädagogische und medizinisch-psychotherapeutische Branche wird infolge eines Generationenwechsels lernen müssen, ganz andere Beratungsprodukte zu konzipieren; in den Schulen müssen Lehrer nun etwas lernen, wovon sie durch einen widerwilligen Konservativismus bislang verschont geblieben sind. Und wo homosexuelle Eltern auch als konsumfreudige Kunden identifiziert werden, gibt’s auch entsprechende Werbung zu sehen.
Wer einwenden will, dass das so dramatisch alles nicht werden wird, weil ja Homosexualität auf jeden Fall eher die Ausnahme bleibt, hat wieder nur ein widerwilliges Argument gefunden, um sich gegen den unvermeidlichen gesellschaftlichen Lernprozess zu immunisieren. Denn die Erfahrbarkeit von Gesellschaft hat nichts mit Sexualität zu tun. Tatsächlich verhält es sich andersherum.
Mit der Ehe für alle ist die Ruine der bürgerlichen Familienideologie nunmehr allen zugänglich geworden. Sie hat nur ihren Denkmalschutz verloren. Das Bestürzende an der Ehe für alle ist nämlich die Erkenntnis, dass eine ganz konservative Beharrlichkeit gerettet wurde. Gemeint ist das mit keiner Erfahrung mehr zu begründende Recht, sich auf die Illusion romantischer Zweisamkeit und diesen ganzen Verantwortungsquatsch einzulassen. Die Ruine der bürgerlichen Familienideologie spricht nämlich davon, dass eine Familie kaum eine Chance hat, es sei denn, ein ganzer Apparat aus verschiedenen Hilfsangeboten, eine ganze Dienstleistungsindustrie aus Experten, Helfern und Beratern kann aktiviert werden, um den Zerfall von Illusionen zu behandeln.
Die konservative Beleidigungserfahrung, von der oben die Rede war, wird nicht aus der Welt geschafft, sondern ausgeweitet, weil nämlich die Ehe für alle selbst von konservativer Beharrlichkeit zeugt. Gemeint ist das Recht nicht einsehen zu müssen, was die Herstellung von Illusionen befördert. Womit um ein weiteres Mal die Ruine gerettet wurde. Eine konservative Illusionsblase ist nicht etwa geplatzt, sondern wurde ausgedehnt.
Eine ganze Gesellschaft garantiert, dass ein Leben gelingt, und nicht das genauso weltfremde wie pessimistische Verantwortungsgequatsche einer banalen Humanmoral.
Mich interessiert an dieser ganzen Debatte nicht so sehr, dass Homosexuelle nun heiraten oder adoptieren können, dagegen habe ich sowieso nichts einzuwenden und tatsächlich heiratet man einen Mann oder eine Frau und kein Gesetz, wie Sie richtig bemerken. Mich interessiert, was Sie, lieber Herr Kusanowsky, meinen, wenn Sie schreiben:
„Das Bestürzende an der Ehe für alle ist nämlich die Erkenntnis, dass eine ganz konservative Beharrlichkeit gerettet wurde. Gemeint ist das mit keiner Erfahrung mehr zu begründende Recht, sich auf die Illusion romantischer Zweisamkeit und diesen ganzen Verantwortungsquatsch einzulassen.“
Wollen Sie damit sagen, dass die Bedingungen der Möglichkeit von Ehe immer schon auf einer Vielzahl gesellschaftlich vermittelter und uns sozialisierender Kommunikationsgeschichten beruhen, statt auf individueller subjektiver Verantwortung, d.h. letztlich gesellschaftlich hergestellt sind? Und weiter, dass die Ehe nur deswegen einmal funktioniert hat, weil sie eben nicht auf Subjektivität begründet war, sondern auf gesellschaftlichem (einschließlich religiösem) Zwang, während sie heute weitgehend aus diesem Zwang entlassen ist und auch durch noch so viele Hilfsangebote und Dienstleistungsindustrien bestenfalls noch nur als sehr schwache Form erhalten werden kann?
Wenn ja, dann würde ich trotzdem sagen, dass gesellschaftlich vermittelte Illusionen und Verantwortung eine große Leistung sind und Komplexitäten ermöglichen, die anders eben nicht möglich wären, d.h. ich würde gerne das „quatsch“ nach Verantwortung etwas in Klammern setzen.
Man könnte allenfalls einwenden, dass durch die „Ehe für alle“ die nicht nur finanziellen Kosten für den Sozialstaat weiter steigern werden und möglicherweise der Staat zunehmend überfordert wird … aber das wird er auch durch vieles andere und das ist eine andere Debatte.
“ … aber das wird er auch durch vieles andere und das ist eine andere Debatte.“
Genau so ist es.
Da Ehe immer nur aus zwei Personen besteht, ändert sich tatsächlich nichts. Das Ganze bleibt, wie Sie sagen, „konservativ“ und dehnt sich aus.
Die wirklich interessanten Lebens- und Gemeinschaftsmodelle anderer Kulturen (wie die der „Mosou“) werden in den Geschichtsbüchern stehen, wo sie ihre Lebendigkeit nicht mehr zeigen können.
Es gibt so viel Interessantes auf der Welt und Menschen wie Konzepte, die etwas Gutes und fast Undenkbares leben und zeigen: https://www.youtube.com/watch?v=8ldMYDkAtnw – Inspirierend!