Die Ruine der bürgerlichen Familienideologie #ehefueralle
von Kusanowsky
https://twitter.com/kusanowsky/status/879991717327515648
Die bürgerliche Familienideologie ist schon seit längerer Zeit eine Ruine, die jetzt nur ihren Denkmalschutz verliert.
Die Zerrüttung dieser Familienideologie hatte bereits im 18. Jahrhundert begonnen, nachdem das bürgerliche Patriarchat sich entschlossen hatte, die Konkurrenz zuzulassen und sich nicht genierte, für das Verbot von Frauen, sich an der Konkurrenz zu beteiligen, eine Begründung öffentlich verhandelbar zu machen (später bekannt als „der natürliche Schwachsinn des Weibes“.) Denn mit der Begründung wurde zugleich ihre Unhaltbarkeit öffentlich verhandelbar, womit es in der Folge immer schwerer wurde, das Ansinnen von Frauen zur Beteiligung an Konkurrenz zurück zu weisen. Es steht außer Frage, dass die Frauenbildung von großer Bedeutung gewesen ist.
Ein bis heute unterschätzter Schritt in der Zerrüttung dieser Familienideologie ist aber auch der Verlust der Manneszucht. Die bürgerliche Manneszucht bestand im wesentlichen darin, den Knaben zum Soldaten und damit zum Gehorsam gegenüber einem auf Gesetzen gegründeten Staat zu erziehen. Die konservative Feindlichkeit gegen Homosexualität hat darin ihren Grund. Homosexualität zersetzt militärische Disziplin.
Ein weiterer Schritt im Zersetzungsprozess ist der Sozialstaat, der die Zwangsverhältnisse der bürgerlichen Familie untergraben und sie durch die Zwangsverhältnisse eines anonymen Fürsorgestaats ersetzt hat. Zu nennen wären außerdem: die Umänderung der Familie von einer Produktionsgemeinschaft zu einer Affektgemeinschaft, die Akzeptanz der Liebesheirat, weil damit das Beziehungsrisiko individualisiert wurde, Einführung der Zivilehe, die Entächtung der unehelichen Geburt, die Abschaffung der Schuldfrage in Scheidungsfällen, die Zunahme von Scheidungen, die gesellschaftliche Akzeptanz von Ledigkeit und Singledasein, die Erziehung zum Konsumsubjekt, was nicht ohne den Verzicht auf Prügelstrafe gegangen wäre, die Pädagogisierung der Geschlechterbeziehung, die Herabsetzung des Mündigkeitsalters und ganz allgemein die Ausdifferenzierung von Lebensweisen und Lebensentwürfen.
Diese Ehe für alle ist darum nur die Vorstufe zur Ehe mit allen. Denn warum nur zu zweit? Warum nicht auch zu dritt, zu viert oder zu fünft?
Womit haben wir es zu tun? Die bürgerliche Familie ist niemals das gewesen, was sie gemäß ihrer Ideologie sein sollte. Nicht die Familie wurde zerrüttet. Es gab sie nämlich niemals. Was es allerdings gab, war die bürgerliche Familienideologie, die gleichsam nur die Funktion hatte, diese Ruine unter Denkmalschutz zu stellen.
Es wird, was diese Familienideologie betrifft, Zeit für ein Schlusswort.
» Das Institut der Ehe ist ein System des Betruges; und Menschen, die sich bemühen, ihr Urteil in den Dingen des täglichen Lebens irrezuführen, können auch in allen anderen Dingen nur eine unvollkommene, mangelhafte Urteilskraft besitzen. Wir sollten unseren Fehler wieder gut machen, sobald wir ihn entdecken, aber man hat uns gelehrt, ihn zu lieben. Unablässig sollten wir nach Vortrefflichkeit und Wahrheit zu streben bemüht sein, aber man hat uns gelehrt, unserem Forschen Einhalt zu gebieten und
unsere Augen vor den anziehendsten und wunderbarsten Dingen zu schließen.
Die Ehe ist ein Gesetz, und das schlechteste von allen! Wie auch unser Verstand über die Person urteilen mag, die uns durch das gemeinschaftliche Leben in jeder Weise zu fördern bestimmt sein soll – über den Wert der einen und die Fehler einer anderen Frau -, wir sehen uns gezwungen, dem Gesetz zu gehorchen, nicht der Stimme der Gerechtigkeit.
Man bedenke ferner, daß die Ehe ein Eigentum zur Folge hat, und zwar in seiner schlimmsten Gestalt. Solange eine bestehende Einrichtung zwei menschlichen. Wesen untersagt, nach eigenem Gutdünken zu handeln, werden Nachteile unvermeidlich sein und auch nicht ausbleiben. Solange ich danach trachte, eine Frau für mich allein in Anspruch zu nehmen und zu verhindern, daß ein anderer seine Überlegenheit zeigt und hierfür die Früchte erntet, mache ich mich der abscheulichsten Alleinherrschaft schuldig. Ober diesen Wert, der doch nur in der Einbildung besteht, wachen die Männer nun mit steter Eifersucht; und die Begierde des einen, seinen Nächsten geschickt zu hintergehen, regt sich ebenso, wie das
Bestreben des anderen, diese Pläne zu durchkreuzen und jede Hoffnung zu vereiteln. Solange die Gesellschaft in diesem Zustande verharrt, wird der Menschenliebe tausendfach entgegengearbeitet, und der stets wachsende Strom des Mißbrauchs wird weiter fließen… «
(William Godwin — Vater von Mary Shelley & Ehemann von Mary Wollstonecraft !)
William Godwin writes in Enquiry Concerning Political Justice:
» The evil of marriage, as it is practiced in European countries, extends further than we have yet described. The method is, for a thoughtless and romantic youth of each sex, to come together, to see each other, for a few times, and under circumstances full of delusion, and then to vow to eternal attachment. What is the consequence of this? In almost every instance they find themselves deceived. They are reduced to make the best of an irretrievable mistake. They are led to conceive it is their wisest policy, to shut their eyes upon realities, happy, if, by any perversion of intellect, they can persuade themselves that they were right in their first crude opinion of each other. Thus the institution of marriage is made a system of fraud; and men who carefully mislead their judgments in the daily affair of their life, must be expected to have a crippled judgment in every other concern.
Add to this, that marriage, as now understood, is a monopoly, and the worst of monopolies. So long as two human beings are forbidden, by positive institution, to follow the dictates of their own mind, prejudice will be alive and vigorous. So long as I seek, by despotic and artificial means, to maintain my possession of a woman, I am guilty of the most odious selfishness. Over this imaginary prize, men watch with perpetual jealousy; and one man finds his desire, and his capacity to circumvent, as much excited, as the other is excited, to traverse his projects, and frustrate his hopes. As long as this state of society continues, philanthropy will be crossed and checked in a thousand ways, and the still augmenting stream of abuse will continue to flow.
The abolition of the present system of marriage, appears to involve no evils. «
Enquiry concerning Political Justice and its Influence on Modern Morals and Manners (1793)
Die Ehe, als identitätsstiftender Beziehungsrahmen und nicht zuletzt eben als soziale Plattform wechselseitiger Verbindlichkeiten, Sicherheiten wird offenbar immer wichtiger. Ich finde das bemerkenswert, dass überhaupt ein derart intensives Interesse daran besteht, die Institution der Ehe auch auf weniger traditionelle Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens auszuweiten. (Geht es da nur um wirtschaftliche Vorteile und eine rechtliche Besserstellung?)
Was meint der „Prophet“ (McLuhammed)?
Das idealistische Projekt der Auflösung oder Entzauberung der Ehe ist womöglich illusorisch.
Der Medienwechsel zu elektronischen Kommunikationsmedien geht einher mit einem drastisch spürbaren Identitätsverlust und einer Hinwedung zu stammesgesellschaftlichen Formen der Sozialisation und Identifikation („Re-Tribalisierung“)…
McLuhan hat wohl auch gemeint, dass die Ehe angesichts der „Totalen Veränderungen“, denen wir im Zuge der Medien(r)Evolution ausgeliefert sind, immer mehr als Notanker der gesellschaftlichen Identifikation und Stabilisierung betrachtet und anerkannt wird… (Deshalb wird wohl das „Sakrament“ des Eheversprechens auch für gleichgeschlechtliche Paare und Dreiecksbeziehungen zunehmend attraktiver.)
Siehe: „the new tribal order imposes a strict and austere morality on matters of marriage and family…“ https://books.google.de/books?id=CBvFBAAAQBAJ&lpg=PT407&dq=most%20religious%20age%20in%20history%20mcluhan&hl=de&pg=PT401#v=onepage&q=marriage&f=false
https://twitter.com/weissgarnix/status/880325683062464512
Die bürgerliche Familienideologie des 18. und 19. Jahrhunderts war entstanden, weil das überlieferte Patriarchat einer neuen Legitimierung bedufte. Die Herrschaft des Adels und mit ihm seine Auffassungen von Legitimität waren bis dahin längst obsolet geworden, aber nicht die Strukturen eines patriarchalischen Ordnunggefüges.
Was hatte das Bürgertum sich zugetraut? Es hatte sich nicht nur zugetraut, diese Legitimierung neu zu formulieren, indem es gleichsam sich selbst als natürliche Voraussetzung für das Gelingen von Gesellschaft beschrieb, sondern es hat diese Begründung auch noch öffentlich, das heißt: publizistisch verhandelt.
(Beispiel: Wilhelm Heinricht Riehl: Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, 1851)
Es hatte sich damit, durchaus in dem Sinne, wie Marx es aufgefasst hatte, sein eigenes Grab für seine Ansprüche an Legitimität geschaufelt. Denn die Publizistik macht die Kontingenz der Begründung offenbar, ohne zugleich die gesellschaftlichen Ordnungsmuster umzuändern.
Was ist seitdem passiert?
Passiert ist, dass sich die Begründung der Legitimität und damit zugleich das Patriachat aufgelöst und sich selbst folklorisiert hat. So kommt es, dass heute manche Politiker zwar immer noch von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft reden, aber trotzdem zugestehen müssen, dass auf dieses Gerade auch ein anderes Gerede folgt.
Und genau das geschieht auch. Mehr nicht.
Die Verwaltung der Ruine dieser bürgerlichen Familienideologie löst sich in ihre eigene Langeweile auf.
Ein aussterbendes Konzept menschlichen Zusammenlebens ist das der „Mossou“ in Asien (China), wo die familiären Bündnisse matrilinear gestaltet waren und noch sind, soweit vorhanden.
Die Basis dieses Lebenskonzeptes ist das Mutterhaus. Dort werden die Kinder groß und wenn sie ins Alter kommen, wo sie sich mit jemandem einlassen oder eine Liebschaft wollen, machen sie das. Es gibt keine Verpflichtung zur Ehe.
Viel interessanter aber ist: Es gibt kein Motiv für eine Ehe. Weder emotionaler und ganz besonders nicht wirtschaftlicher Natur.
Wenn aus dem Paar Eltern werden, so bleiben die daraus geborenen Kinder wiederum im Mutterhaus. Trennen sich die leiblichen Eltern, verändert sich für die Kinder das Folgende: NICHTS. Die Kinder bleiben in den Familien und werden weiterhin wie gehabt vom Rest der Sippe betreut. Der Bruder der Mutter, die die Kinder geboren hat, erfüllt die Vaterrolle, wenn man so will.
Der große Vorteil an diesem Konzept: Es gibt keine Scheidungskämpfe oder etwa Trennungskonflikte der Eltern untereinander und auch kein Hineinziehen der Trennungsfolgen anderer Erwachsener (die eher unbedeutend sind außer für die Beteiligten selbst) oder traumatisierte Kinder, die durch die Trennung der Eltern leiden. Die Kinder haben es gar nicht anders kennen gelernt, da die Linie der Mütter diejenige ist, in der Verbünde entstehen. Andersherum würde es schlecht gehen, nicht?
Ich finde ein solches Konzept um einiges intelligenter als das unsrige. Aber natürlich hängt dies auch mit unserer Form von Fremdversorgung und etablierten Gesinnung zusammen. Man kann sich das kaum vorstellen in unserer „Zivilisation“.
[…] einem anderen Blog las ich neulich eine Kritik zu diesem Thema – das findet ihr hier. Mein Kommentar dazu […]
@Kusanowski
„Diese Ehe für alle ist darum nur die Vorstufe zur Ehe mit allen.“
Ja.
Nur:
EHE an sich ist inzwischen gesamtgesellschaftlich derart in die Marginale gerutscht, dass in der Tat fast nur noch damit verbandelte Geschäftsmodelle innerhalb oder drumherum (advokatischer Natur z.B.) die Dominanz prägen.
„Es wird, was diese Familienideologie betrifft, Zeit für ein Schlusswort.“
Ja, unbedingt, was DIESE und DIESE (die von Kusanowski) angeht, Erstere ist in der Erscheinungswelt derart marginal von Umfang und Einfluss, dass es müssig ist, weiter dafür oder dagegen zu argumentieren.
Zweitere, deine Kusanowski, ist schlicht Blödsinn: Es sind die Familien, die „wie auch immer“-Verbünde sozialer sich verstaffwechselnder Organismen, die z.B. dir gerade hier (u.a.) die Chance gaben und geben, zu schreiben – ohne diese wärest du tot, mausetot, gäbe es dich nicht – und mich auch nicht.
Die Frage ist – wie meist in hiesigen Polemiken – nicht ob, WAS und WER und WIE Familie – also die soziale Frage.
Menschen, die diese Beziehung nicht oder nicht in ausreichendem Masse erlebten, haben meine volle Empathie, sind aber nicht der Masstab der / für die Gesellschaft.
Tut mir leid, Klaus, du weisst, wovon die Rede ist.
Manche verwechseln halt Ehe und Familie, und manche ohne es zu merken.
Alles, aber auch wirklich alles in unserem Universum hat eine kleine / kleinste Einheit, über die alles, aber auch alles läuft, und für die Sozialität Menschheit, Gesellschaft, ist das die Familie als „Hüter“ aller Keimbahnen, sowohl der biologischen wie der sozialen.
Nimm es so hin und vergiss die Diskussion Ehe (egal von, für, gegen oder mit wem -alles-), sie hat substanziell nichts damit zu tun und ist ein Menschärgere dich nicht für den ewigen Kleingeist.