Dogma und Dispositiv 5

von Kusanowsky

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4. Natürliche und künstliche Bewegung 2

Die Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Bewegung der aristotelischen Tradition ist also nicht abgeschafft, sondern ist gleichsam in der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft aufgehoben und wird gemäß des Subjekt/Objekt-Paradigmas des szientistischen Dualismus weiter verwaltet. Allerdings unterscheidet sich das moderne Paradigma von der aristotelischen Tradition darin, dass diese die Kontingenz der Wesenheit der Dinge problematisierte, während jenes moderne Paradigma die Kontingenz der Geordnetheit der Dinge bewältigt. So erklärt sich auch, warum das moderne Paradigma so dringend auf Bürokratie angewiesen ist: nur eine unsterbliche Bürokratie, die gegen jede Willkürhandlung einzelner Menschen immun ist, liefert die Sicherheitsvorkehrungen, die gebraucht werden, um die ganzen Risse und Unsicherheiten des szientistischen Dualismus auszuhalten. Nur durch Bürokratie kann geordnet werden, was auf der Basis epistemischer Möglichkeiten nur schwer zu ordnen ist. Was der aristotelischen Dogmatik der Verlass auf eine absolute Wahrheit, gestützt durch Autorität, Tradition und Demut war, ist dem Dispositiv der Wissenschaft die Gewährung einer genauso überwältigenden, aber eben doch sehr irdischen Macht. Und ein Ausweg aus dem Klammergriff einer Wissenschaftsbürokratie, die ihre Korruptibilität mit ihrer Freiheit verwechselt, ist nicht in Sicht.

Deshalb wird auch ersichtlich, warum schon länger zurück liegende Versuche, die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaft zu überwinden, an unüberwindlichen Organisationszwängen gescheitert sind. Die sozial gehärteten Einspruchsmöglichkeiten einer „Ordnung der Dinge“ (aka Sachzwänge) sind so hart gesotten, dass kein Argument, kein Ansatz, kein Projekt und keine Verabredung daran etwas ändern kann.

Als Beispiel dafür empfehle ich den unten angehängten Vortrag von Gotthard Günther aus dem Jahre 1965, in welchem er erklärt, dass die epistemologischen Voraussetzungen von Idealismus und Materialismus nur ein Vexierspiel ihrer eigenen Ermöglichungsbedingungen sind. Materialismus und Idealismus verweisen zirkulär aufeinander. Was Natur- und Geisteswissenschaften trennt sind gewiss ihre Erfahrungsprodukte, was sie aber gemeinsam zur Voraussetzung haben, ist der Begriff der Information, denn Information hat weder ein geistiges noch ein natürliches Substrat. Information entsteht nicht durch Bewegung oder Handlung. Es verhält sich andersherum. Information ist kein Zustand, sondern Zustandsänderung.

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

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