Dogma und Dispositiv 3

von Kusanowsky

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3. Handlungsform und Wissensform

Es gibt eine Anekdote aus dem Leben des Galilei, ich glaube sie wird bei Brecht erzählt, die folgende Begebenheit berichtet: Nachdem Galilei das Fernrohr gebaut und auf den Mond gerichtet hatte, stellte er fest, dass die Mondoberfläche zerklüftet und uneben war, also keineswegs perfekt und vollkommen, wie dies die Theologie behauptet hatte. Ihr zufolge hatte Gott die Gestirne makellos geschaffen und jetzt konnte daran Zweifel geäußert werden. Bei einer Gelegenheit lud Galilei einen Anhänger der aristotelischen Tradition ein, durch das Fernrohr zu schauen um sich mit eigenen Augen selbst davon zu überzeugen, dass es sich so verhält. Der Gelehrte lehnte das Ansinnen mit dem Argument ab, dass Wahrnehmung keine zuverlässige Quelle für Wahrheit sei und schon gar nicht eine mittels geschliffener Linsen manipulierte Wahrnehmung. Galilei soll auf diese Weigerung empört reagiert haben.

Betrachtet man die Sache nüchtern, wird man die Ablehnung gut nachvollziehen können. Denn erstens ist Wahrnehmung tatsächlich keine zuverlässige Quelle für Wahrheit und zweitens gibt es keinen notwendigen Grund, sich auf das Dispositiv (die Versuchsanordnung) einzulassen. Denn warum soll ich bei deinem Spiel mitmachen? Mach du doch bei meinem mit.  Und die Begründung, dein Spiel sei irgendwie aufgeklärter, vernünftiger oder irgendwie moralisch besser gestellt, ist dummes Zeug.
Dagegen hat die Empörung des Galilei dogmatischen Charakter, denn: wer nicht die Bereitschaft zeigt, sich auf das Dispositiv einzulassen, kann nichts zu seiner Differenzierung beitragen. Nur wer mitmacht, kann Einwände und Widerspruch vortragen, nur aus dem Mitmachen ergibt sich ein soziales Arrangement, das Objektivierung und Überprüfung und damit Wahrheit garantiert. Die Empörung weißt nur darauf hin, dass Galilei zu diesem Zeitpunkt keine ausreichende Theorie für das Dispositiv hatte, welche zu formulieren noch über 100 Jahre gedauert hatte. Die entsprechende Theorie ist die Transzendentalphilosophie, die erst mit Kant eine abschließende Fassung gefunden hatte.

Was an dieser Anekdote auch noch auffällt ist, dass sie auf den Unterschied zwischen Handlungsform und Wissensform aufmerksam macht. Die Akzeptanz des Dispositivs lässt nämlich zunächst keinen Unterschied zu. Handlung heißt hier zunächst: Entscheidung zum Mitmachen, eine Entscheidung, die nicht getroffen werden muss. Und Wissen heißt: wissen, dass es ohne diese nicht notwendige Entscheidung zum Mitmachen nicht geht. Erst die weitere Ausdifferenzierung des Dispositivs, also die Reflexion von Einverständnis zum Mitmachen, auch bekannt als Fortschritte der Forschung, lässt Handlungs- und Wissensform auseinander treten. Erst durch weitere Differenzierung ergibt sich eine Kluft zwischen Wissen und Handlung. Die Form der Handlung orientiert sich nämlich an Entscheidung, was bedeutet: so und nicht anders, die Wissensform dagegen orientiert sich an ihrer eigenen Kontingenz: Wissen, dass es immer auch anders geht. Das bedeutet: Wissensform und Handlungsform verhalten sich inkongruent.

Mir scheint, dass die gegenwärtigen Probleme an den Universitäten darauf zurück zu führen sind. Die Wissenschaft kann ihre eigene Entscheidungssituation nicht mehr gut objektvieren, sie kann sie nicht verwissenenschaftlichen. Das gilt für Soziologie bestimmt, aber zunehmend auch für Physik. Das sozialgenetische Programm, das strukturdeterminierend wirkte, war nämlich eben dieser Prozess des Auseinanderfallens von Handlungsform und Wissensform, ein Prozess, der solange selbstregulativ wirkte, solange die Inkongruenz mit dem Wissensfortschritt wachsen konnte.

In diesem Zusammenhang ist schließlich das hypothetische Experiment von Erwin Schrödinger besonders interessant, weil es nämlich in die Physik ein Problem einführt, mit dem sie zunächst gar nichts anfangen kann. Es geht dabei nämlich nicht um Erkenntnis, sondern um Handlung. Und Handlungstheorie ist kein Forschungsschwerpunkt der Physik. Interessanterweise kann aber die Soziologie mit diesem Experiment auch nichts anfangen, gerade weil sie mit Handlungstheorie ihren Forschungsschwerpunkt definiert.

Fortsetzung

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