Dogma und Dispositiv 2

von Kusanowsky

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2. Dispositiv

Den Begriff des Dispositivs verwende ich in Anlehnung an die Fassung, die Michel Foucault vorgeschlagen hat, möchte jedoch zugeben, dass sein inflationärer und nur wenig theoretisch fundierter Gebrauch, insbesondere in der Soziologie, es in mancher Hinsicht nahe liegend macht, darauf zu verzichten und zwar deshalb, weil es ab einem bestimmten Punkt der Verwirrung irgendwann nicht mehr ersichtlich ist, was damit noch gezeigt und erklärt werden kann. Wenn ich diesen Begriff dennoch aufgreife, dann nur deshalb, weil er sich in eine Unterscheidung (und nicht zuerst in eine Definition) einfügen lässt, die für eine weitere Unterscheidung von Bedeutung ist.

Es geht im Folgenden um die Unterscheidung von Handlungsform und Wissensform, für welche wiederum die Unterscheidung von Dogma und Dispositiv relevant ist. Mit der Unterscheidung von Dogma und Dispositiv kann man nämlich zeigen, wie und warum eine entsprechende Wissensform und Handlungsform sowohl zusammen, als auch auseinander fallen können, abhängig davon, wie erkenntnisproduzierende Systeme ihre Problemerfahrung bewältigen (z.B. durch Radikal- oder Fundamentaltheorien) und auf diese Weise die Voraussetzungen für ihre Fortsetzbarkeit ändern.

Ein Dispositiv nenne ich ein soziales Arrangement der Steigerung von Engagement (Mitmachbereitschaft), das ohne ein prinzipielles Einverständnis mit diesem Arrangement nicht zustande kommt und eben darum ein Einverständnis mit diesem Einverständnis reflektierbar macht. Das paradigmatische Beispiel dafür ist das wissenschaftliche Experiment, oder allgemeiner: Die Versuchsanordnung, auf die man sich einlassen muss, wenn man verstehen will, wie die Methode funktioniert.

Das wissenschaftliche Experiment ist undogmatisch und kann nur undogmatisch, heißt: mit Verzicht auf Ablehnung, eingeführt werden. Das heißt, dass die Ablehnung des Experiments als Methode der Wahrheitsfindung für die Differenzierung des Dispositivs keine Rolle spielt. Die Ablehnung des Experiments ist als dogmatisches Handeln nicht stigmatisierbar, so wie andersherum ein Dispositiv für eine Dogmatik keine Rolle spielt. Das Dogma reflektiert die Ablehnung von Glaubensinhalten, das Dispositiv reflektiert dagegen das Einverständnis mit seinem Zustandekommen. Eine Konsequenz ist, dass ein Gegensatz von Glauben und Wissen keiner ist, der für Glauben und Wissen eine besondere Bedeutung hat, für das Zusammen- oder Auseinanderfallen von jeweils zugeordneter Handlungs- und Wissensform aber sehr wohl, weil sich nämlich ein Gegensatz nur als historische Diskontinuität der Umänderung einer Beziehung zwischen beiden Formen aus dem Wechsel des Paradigmas ergibt.

Als Beispiel dafür wähle ich den Veränderungsprozeß des physikalischen Experiments von der Mechanik des 17. Jahrhunderts zur Quantenmechanik des 20. Jahrhunderts. Es zeigt sich nämlich, dass zwischen Galilei und Schrödinger kein Zusammenhang der Kontinuität des Dispositivs zu finden ist, sondern ein Zusammenhang der Diskontinuität, was daran liegt, dass die Mechanik des 17. Jahrhunderts in erster Linie eine Reaktion auf eine unhaltbar gewordene theologische Dogmatik zum Zweck ihrer Rettung war, sie gleichsam an jener Stelle Erkenntnisprobleme aufwarf, wo die Theologie längst zuende war, wohingegen die Quantenmechanik nicht zuerst Erkenntnisprobleme hat, jedenfalls keine, an der sie scheitern könnte, sondern handlungstheoretische Probleme aufwirft, die im genetischen Programm der Erkenntnisverarbeitung der Wissensform keine prominente Entsprechung hat.

Fortsetzung

 

 

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