Differentia

Monat: Juni, 2017

Ehe für alle – Beleidigung für alle

Nach der Entscheidung ist vor der Erfahrung. Was mit der Ehe für alle beschlossen wurde, ist nicht bloß eine abschließende Regelung über eine administrative Verfahrensweise für die Behandlung von Anträgen auf Eheschließung, sondern ist vielmehr der Beginn dessen, was einer konservativen Ablehnung dieser Regelung voraus geht, nämlich der Widerwille gegen Erfahrung.

Prüft man, welche substanziellen Einwände der konservativen Ablehnung einer Ehe für alle zugrunde liegen, dann bleibt nur die Feststellung übrig, dass die Widerwilligkeit der konservativen Position auf Kränkung beruht. Denn mehr als ein Beharren darauf, dass Ehe und eine anders genannte Lebenspartnerschaft etwas grundsätzlich anderes seien, wurde nicht geäußert und kann jetzt nicht mehr wiederholt werden. Die konservative Position der Abwehr wollte sich nur die Beleidigung nicht gefallen lassen, also eine angebliche Abwertung der Ehe zwischen Mann und Frau. Beleidigungen werden immer da wirksam, wo ein großer Stolz kultiviert wird und aufgrund seines illusionären Gehalts gebrochen werden soll.

Jetzt gilt: Vorbei ist vorbei. Gewiss kann man annehmen, dass der bürgerliche Familienstolz nicht mehr all zu stark ausgeprägt ist. Aber die Beleidigung, die sozial strukturell geprägt ist, wird damit nicht aus der Welt geschafft. Und es gilt, wenn Politik darin bestehen sollte, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, der Grundsatz: Der Beleidigte darf die Waffen wählen.

Selbstverständlich wird man auch in Rechnung stellen können, dass es sich dabei größtenteils um reine Symbolpolitik handelt. Denn die Ruine der bürgerlichen Familienideologie ist inzwischen überall angekommen und setzt sich jetzt auch auf homosexuelle Lebensgemeinschaften durch: Es wird sich jetzt nicht nur die Erfahrung von Kindern herum sprechen, die mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufgewachsen sind. Sondern auch die Erfahrung von Scheidungswaisen, die von zwei Müttern oder zwei Vätern im Stich gelassen wurden. In Eheberatungsstellen werden nun Männer und Frauen aufschlagen, die ganz anders gelagerte Schwierigkeiten vortragen werden als solche, die bislang antwortfähig sind. Ähnliches gilt auch für Familiengerichte. Die ganze juristisch-sozialpädagogische und medizinisch-psychotherapeutische Branche wird infolge eines Generationenwechsels lernen müssen, ganz andere Beratungsprodukte zu konzipieren; in den Schulen müssen Lehrer nun etwas lernen, wovon sie durch einen widerwilligen Konservativismus bislang verschont geblieben sind. Und wo homosexuelle Eltern auch als konsumfreudige Kunden identifiziert werden, gibt’s auch entsprechende Werbung zu sehen.

Wer einwenden will, dass das so dramatisch alles nicht werden wird, weil ja Homosexualität auf jeden Fall eher die Ausnahme bleibt, hat wieder nur ein widerwilliges Argument gefunden, um sich gegen den unvermeidlichen gesellschaftlichen Lernprozess zu immunisieren. Denn die Erfahrbarkeit von Gesellschaft hat nichts mit Sexualität zu tun. Tatsächlich verhält es sich andersherum.

Mit der Ehe für alle ist die Ruine der bürgerlichen Familienideologie nunmehr allen zugänglich geworden. Sie hat nur ihren Denkmalschutz verloren. Das Bestürzende an der Ehe für alle ist nämlich die Erkenntnis, dass eine ganz konservative Beharrlichkeit gerettet wurde. Gemeint ist das mit keiner Erfahrung mehr zu begründende Recht, sich auf die Illusion romantischer Zweisamkeit und diesen ganzen Verantwortungsquatsch einzulassen. Die Ruine der bürgerlichen Familienideologie spricht nämlich davon, dass eine Familie kaum eine Chance hat, es sei denn, ein ganzer Apparat aus verschiedenen Hilfsangeboten, eine ganze Dienstleistungsindustrie aus Experten, Helfern und Beratern kann aktiviert werden, um den Zerfall von Illusionen zu behandeln.

Die konservative Beleidigungserfahrung, von der oben die Rede war, wird nicht aus der Welt geschafft, sondern ausgeweitet, weil nämlich die Ehe für alle selbst von konservativer Beharrlichkeit zeugt. Gemeint ist das Recht nicht einsehen zu müssen, was die Herstellung von Illusionen befördert. Womit um ein weiteres Mal die Ruine gerettet wurde. Eine konservative Illusionsblase ist nicht etwa geplatzt, sondern wurde ausgedehnt.

Eine ganze Gesellschaft garantiert, dass ein Leben gelingt, und nicht das genauso weltfremde wie pessimistische Verantwortungsgequatsche einer banalen Humanmoral.

Die Ruine der bürgerlichen Familienideologie #ehefueralle

 

Die bürgerliche Familienideologie ist schon seit längerer Zeit eine Ruine, die jetzt nur ihren Denkmalschutz verliert.

Die Zerrüttung dieser Familienideologie hatte bereits im 18. Jahrhundert begonnen, nachdem das bürgerliche Patriarchat sich entschlossen hatte, die Konkurrenz zuzulassen und sich nicht genierte, für das Verbot von Frauen, sich an der Konkurrenz zu beteiligen, eine Begründung öffentlich verhandelbar zu machen (später bekannt als „der natürliche Schwachsinn des Weibes“.) Denn mit der Begründung wurde zugleich ihre Unhaltbarkeit öffentlich verhandelbar, womit es in der Folge immer schwerer wurde, das Ansinnen von Frauen zur Beteiligung an Konkurrenz zurück zu weisen. Es steht außer Frage, dass die Frauenbildung von großer Bedeutung gewesen ist.

Ein bis heute unterschätzter Schritt in der Zerrüttung dieser Familienideologie ist aber auch der Verlust der Manneszucht. Die bürgerliche Manneszucht bestand im wesentlichen darin, den Knaben zum Soldaten und damit zum Gehorsam gegenüber einem auf Gesetzen gegründeten Staat zu erziehen. Die konservative Feindlichkeit gegen Homosexualität hat darin ihren Grund. Homosexualität zersetzt militärische Disziplin.

Ein weiterer Schritt im Zersetzungsprozess ist der Sozialstaat, der die Zwangsverhältnisse der bürgerlichen Familie untergraben und sie durch die Zwangsverhältnisse eines anonymen Fürsorgestaats ersetzt hat. Zu nennen wären außerdem: die Umänderung der Familie von einer Produktionsgemeinschaft zu einer Affektgemeinschaft, die Akzeptanz der Liebesheirat, weil damit das Beziehungsrisiko individualisiert wurde, Einführung der Zivilehe, die Entächtung der unehelichen Geburt, die Abschaffung der Schuldfrage in Scheidungsfällen, die Zunahme von Scheidungen, die gesellschaftliche Akzeptanz von Ledigkeit und Singledasein, die Erziehung zum Konsumsubjekt, was nicht ohne den Verzicht auf Prügelstrafe gegangen wäre, die Pädagogisierung der Geschlechterbeziehung, die Herabsetzung des Mündigkeitsalters und ganz allgemein die Ausdifferenzierung von Lebensweisen und Lebensentwürfen.

Diese Ehe für alle ist darum nur die Vorstufe zur Ehe mit allen. Denn warum nur zu zweit? Warum nicht auch zu dritt, zu viert oder zu fünft?

Womit haben wir es zu tun? Die bürgerliche Familie ist niemals das gewesen, was sie gemäß ihrer Ideologie sein sollte. Nicht die Familie wurde zerrüttet. Es gab sie nämlich niemals. Was es allerdings gab, war die bürgerliche Familienideologie, die gleichsam nur die Funktion hatte, diese Ruine unter Denkmalschutz zu stellen.

Es wird, was diese Familienideologie betrifft, Zeit für ein Schlusswort.

 

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