Meine Hausaufgabe #trialogMarburg

von Kusanowsky

Gute Gründe zeichnen sich im Gegensatz zu allen anderen Arten von Gründen dadurch aus, dass sie unmittelbar evident sind und darum einer Betonung ihrer Selbstverständlichkeit gar nicht bedürfen. Das heißt: Gute Gründe kennt jeder, findet jeder leicht und überall. Gute Gründe sind das, worüber man schon zutreffend informiert ist, noch bevor man überhaupt herausfinden will, worüber man informiert zu werden wünscht oder Aufklärung verlangt. Gute Gründe sind eine Art Bequemlichkeit des unentschlossenen Intellekts, der kostenlos durch die Welt irren darf („Hänschenklein ging allein in die weite Welt hinein …“) und der im Kollisionsfall stets gute Gründe anführt, um zu erklären, was ohne diese Kollision immer schon gut genug gewesen ist, nämlich nichts, das bis dahin von besonderer Bedeutung gewesen wäre. Die Betonung von guten Gründen für dieses oder jenes ist nichts anderes als eine gefällige Selbstknebelung, die sich mit ihrer selbstgemachten Langeweile einverstanden erklärt. Darum kennen professionelle Verwalter von organisierter Langeweile so viele gute Gründe, dazu zählen besonders Publizisten, Polizisten, Pastoren, Pädagogen, Professoren und Politiker.
So ergeben sich denn auch keinerlei Schwierigkeiten gute Gründe für das Anführen von guten Gründen zu finden. Man erfindet einfach welche, wenn sie verlangt werden. Ein guter Grund für einen guten Grund könnte einfach einer sein, den keiner kennt und den keiner herausfinden kann. Das wars.

Insofern ist die oben angeführte Hausaufgabe eine echte Unterforderung. Die Unterforderung wird noch einmal dadurch gesteigert, dass eine Reaktion auf eine einfache Paradoxie erwartet wird. Das heißt: es wird nicht nur verlangt, gute Gründe zu nennen, sondern auch noch eine Paradoxie ernst zu nehmen, die ihrer Natur nach keine ist. Denn selbstverständlich ist eine Paradoxie keine Paradoxie, denn sonst wäre sie ja keine.

Und weil das so ist und nicht anders, erledigt sich die Hauaufgabe von selbst: Ich habe meine Hausaufgabe nicht gemacht, weil ich sie gemacht habe. Und aus einem guten Grund ergibt sich die Evidenz dieser Einsicht von selbst.

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