Wozu social media?
von Kusanowsky
1. Ich behaupte, dass social media und all das, was man unter Digitalisierung verstehen will, sehr überflüssig ist. Das hat niemand bestellt, hat niemand in Auftrag gegeben, hat niemand gekauft, hat niemand erfunden, hat niemand erwartet, gefordert, durchgesetzt, geliefert oder bezahlt.
2. Innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Überflussproduktion der letzten 60 Jahre wurde auch noch ein globales Netzwerk zwischen Computern aufgebaut, das bislang kaum etwas Neues, das keine bloße Renovation ist, zustande gebracht hat. Bislang liefert das Internet nur Optimierungslösungen für bekannte Probleme, mit der Wirkung, dass man es größtenteils mit Immunreaktionen zu tun hat, aka schöpferische Zerstörung.
3. Die Tatsache aber, dass Internet außerhalb bekannter Routinen der Bewältigung einer Medieninnovation völlig überflüssig (grundlos, nutzlos, zwecklos) ist, ist die eigentliche Innovation, die bislang größtenteils ungenutzt bleibt. Es handelt sich um eine wenig genutzte, neue Ressource.
4. Wozu könnte es gut sein? Vielleicht kann es der Gesellschaft nun gelingen, sich aus den bekannten Korruptions- und Beleidigungsverhältnissen zu befreien? Das heißt: Kann es sein, dass die Wege der strukturellen Verwicklung in die Probleme der Gesellschaft durch andere und neue Probleme umgangen werden können?
5. Ich kann Beispiele zeigen, von denen man lernen kann, ob das geht und wie man sich das vorstellen kann. Aber ich kann niemanden darüber belehren, dass ich die Dinge zutreffend beurteile.
immer schön kontraintuitiv. bis wieder „auf festen grund“ gestossen wird. (so?)
warten auf die beispiele.
#vorfreude
#tweetupHH
1. Werden wir zunächst marxistisch und lassen uns von dem Stichwort „Über(…)produktion“ anstecken. Auch wenn es so nicht gemeint war, um Nachfrage (K.’s Nr. 1) geht es irgendwie ja schon. Überproduktion ist Produktion oberhalb der monetären Nachfrage. Es gibt Anzeichen, dass gerade in vielen Branchen ein Überangebot besteht. International wohlgemerkt.
2. Die Idee, dass 2007-2017 so etwas ist oder war, dass diese manchen dann „Überproduktionskrise“ nennen, beschreibt auch eine Sinnlosigkeit aller möglichen wirtschaftspolitischen Interventionen staatlicher Akteure. Zu wenig Nachfrage mit mehr Geld auszugleichen, macht aus ihr zugleich eine Schuldenkrise. Ist man auch in ihr angelangt, helfen weder Sparen (noch weniger Nachfrage) noch mehr Geld (noch mehr Schulden). Ein gewisser Stillstand tritt ein.
3. Eine interessante Fantasie ist, dass in diesem Stillstand das Marxsche Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate sichtbar würde. Die Idee dieses Gesetzes sei grob umrissen: Ich entwickele Produkt X. Alle wollen es haben. Irgendwann haben alle Produkt X. Außerdem bietet manche Konkurrenz Produkt X billiger an. Der Profit fällt. Also drehe ich an einer von zwei Schrauben: Ich versuche, billiger herzustellen durch entweder Innovation der Produktionsmittel oder durch Reduktion der Personalkosten. Die kurzfristige Erholung der Profitrate rächt sich dabei notwendig in einem beschleunigteren Fall. Daher brauche ich irgendwann ein Produkt X², damit das Spiel von vorne losgeht.
4. Nach der dahinterstehenden Werttheorie ist die schöpferische Zerstörung durch Digitalisierung dabei das Ende der Fahnenstange. Am Ende verliert sich der Wert meines Produktes, wenn es vollständig digitalisiert wurde, spätestens nach einem Leak des Quellcodes der Software.
5. Das, was hier so harmlos als „Optimierungslösungen für bekannte Probleme“ bezeichnet wird, hat also durchaus eine gewisse Sprengkraft in sich. Und ist damit offensichtlich nicht nutz- oder zwecklos.
6. Dass zugleich „echte“ Innovationen fehlen (sollen) (was auch immer das sein soll), macht die Sache nochmal brisanter. Innovationsstatus hat dabei vermutlich nicht nur bei neuen Iphones etwas Kultisches. Jedenfalls muss es erfolgreich gelingen, dass Massen einen Wunsch entwickeln, mir mein Produkt abzukaufen. Dann manchen sie es damit zur Innovation.
7. Andererseits macht es durchaus Sinn von Renovation zu sprechen. Das App-Angebot im Google Play Store erinnert mich immer an die Free- und Shareware-CDs, die früher bei Fernsehzeitungen manchmal dabei waren.
Das ist alles sehr interessant und trägt gewiss zu einem besseren Verständnis von bekannten Erklärungsmustern bei. Will man die digitale Revolution erklären, guckt man erst mal nach, wie das Ablaufen der industriellen Revolution erklärt worden ist, um dann anschließend etwas darüber zu sagen, was schon hinreichend oft und variantenreich gesagt wurde und das zum Zeitpunkt seiner Erwägung unüberschaubar ist, so dass man sich ganz natürlich darauf verlassen kann, dass jeder über das, was jeder schon kennt, etwas anderes weiß, mit dem Ergebnis, dass man nun wieder einmal nicht wissen muss, womit man es zu tun hat, weil man auch irgendwie immer schon weiß.
Das kann einen nüchternen Beobachter begeistern.