Vortrag von @str0mgeist Über fingierte Paratexte von Stanislaw Lem @SaschaDickel @bertrandterrier
von Kusanowsky
Unter diesem Link findet man einen Vortrag von @str0mgeist über Fiction of Science. Poetologie der Wissenschaft.
Es geht am Anfang des Vortrags über Paratexte. Das sind Texte, die innerhalb eines Textkomplexes auch weggelassen werden könnten ohne den Text, um den den es geht, zu beschneiden. Gemeint sind damit Vorworte, Nachworte, Dankesworte usw. Folglich kann ein Autor solche Texte auch fingieren oder auch Texte über Texte verfassen, die es gar nicht gibt, wie z.B. Rezensionen über über Bücher, die es nicht gibt.
Eine Frage, die mir durch den Vortrag gekommen ist, lautet: Kann es auch „parafingierte Texte“ geben? Ich behaupte, einen solchen einmal geschrieben zu haben. Glaube ich jedenfalls. Diesen Text findet man hier. Wenn man nicht sofort begreift, worin die Parafingierung besteht, dann ist eben dies der Grund für meine Frage: Gibt es auch „parafingierte Texte“?
Meine Frage lautet: welches Problem ergibt sich aus der Feststellung, dass es offensichtlich Texte gibt, die auf fiktive Texte verweisen? Welche Problem hat man dann, das man mit anderen fikiven Texten nicht schon hätte? Ob ein Text auf fiktive Personen, Orte oder Ereignisse verweist oder eben auf fiktive Texte macht doch zunächst, abgesehen davon, dass ein weiteres Thema wählbar ist, für die methodische Behandlung eines solchen Textes keinen Unterschied, denn Fiktionalität ist auf keine Sache oder Angelegenheit beschränkt. Fiktiv kann alles sein, auch Texte. Entsprechend gibt es für den Fall von fingierten Texten kein Sonderproblem. Es gibt allenfalls ein Sonderthema.
Irre ich mich?
Nun, wenn es kein Sonderproblem gibt, dann gibt es auch keine Sonderlösung. Welche Lösung hat die Gesellschaft für die Behandlung von Problemen gefunden, die sich aus Texten ergeben? Sie hat niemals erkenntnistheoretische Lösungen für solche Probleme gefunden, sondern nur sozial praktikable Verfahrensweisen der Kommunikation von und mit Texten durch entnaivisierte, sprich differenzierte Strukturen. Diese wiederum konnten sich mit der hyperinflationären Verbreitung und Verfügbarkeit von Texten aller Art entwickeln. Wir haben in unserem Alltag, noch bevor man sich auf irgendwelche textwissenschaflichen Probleme einlassen möchte, kein naives Verhältnis zu Texten, was man daran ablesen kann, dass wir mit vielen Texten jederzeit zurecht kommen. Die Standardisierung besteht praktisch darin für jeden Text, bzw. für jede Textsorte eine Sonderlösung zu benutzen. Auf diese Weise geraten wir niemals ernsthaft durcheinander: wir haben Broschüren, Zeitungen, Bücher, Fernsehprogramme, Bedienungsanleitungen, Kochrezepte, Romane, Verkehrsschilder, Etiketten, Werbung, Briefe etc. Keiner kann eine gut verlässliche Auskunft darüber geben, was ein Text ist. Das hindert niemanden daran Romane von Versandhauskatalogen sicher zu unterscheiden.
Ein entnaivisiertes Verhältnis zu Texten kann man auch daran erkennen wie wir im Fall von Täuschung, Irrtum, Lüge und Betrug reagieren können, wenn also Texte irgendwelche Erwartungserwartungen sabotieren: es werden dann wiederum viele weitere Texte produziert, z.B. E-Mails an Fachexperten, um die Informationssituation hinsichtlich einer fraglichen Angabe in einem Text zu verbessern.
Man könnte das auch in die paradoxe Forumulierung fassen, dass unser nicht naives Verhältnis zu Texten trivial geworden ist. Das beschreibt die gesellschaftliche Lösung, ohne die erkenntnistheoretische Problemfassung jemals gelöst zu haben. Was letztlich auch für eine Textwissenschaft gilt.
Du irrst nicht. Aber die erzeugung eines pseudoauthentischen (eigentlich fiktiven) textes ist sehr leicht; die fiktion des verweises wird schneller fraglich, als dies bei personen, orten, etc. der fall wäre. Demnach ließe sich vielleicht sagen: Die betrachtung von fiktiven textverweisen radikalisieren das problem.
Zunächst: Fiktive Texte sind nicht notwendig (und zumeist nicht) fingierte Texte und auch nicht notwendig fiktionale Texte. Es kann zum Beispiel in einem Roman eine wissenschaftliche Abhandlung vorkommen. Die Abhandlung ist kein fiktionaler Text, aber ein fiktiver. Der Roman, in dem sie vorkommt ein fiktionaler Text, aber kein fiktiver. Wenn der Roman so tut, als ob er ein Geschichtsbuch ist, dann ist er fingiert und die Abhandlung, die darin vorkommt verliert (scheinbar) ihren fiktiven Status. Sie ist dann ein fingierter nicht-fiktionaler Text.
Damit hängt zusammen: Mit dem bloßen „verweisen“ auf andere Texte ist es nicht getan, es kommt eben auf die Art des Bezugs an, hier speziell, der Art des prätendierten, fingierten, fiktionalisierten oder suspendierten Wirklichkeitsbezugs.
Wenn also klar ist, dass ein Text auf einen fiktiven Text verweist, gibt es in der Regel kein Problem, sofern nämlich klar ist, dass es ein fiktiver Text ist. Wird das verschleiert gibt es das Problem der Verwechselungsmöglichkeit (bzw. Wahrscheinlichkeit) der Bezugsmodi. Um die Verwechslungsgefahr zu vermeiden gibt es eben die „sozial praktikablen Verfahrensweisen der Kommunikation“, etwa indem man auf einen Text draufschreibt: „Roman“ o.ä.
Daraus, dass es reiches Arsenal an fein differenzierten Textkategorien gibt und wir alle im Alltag gut damit zurecht kommen, heißt aber noch nicht, dass wie „kein naives Verhältnis zu Texten“ haben. Naivität ist objektstufig oder referenzlogisch nicht zu bestimmen, sondern nur in Bezug auf das Verhältnis zu diesem Bezug (also durch das Fehlen von Reflexivität). Einfach nur mit den Differenzen zu prozessieren, egal wieviele es sind, wäre vielmehr das, was ich naiv nennen würde. Wer einfach glaubt, das ein Roman ein Roman ist, weil Roman draufsteht oder eine wissenschaftliche Abhandlung eine wissenschaftliche Abhandlung, weil sie als eine wissenschaftliche Abhandlung verkauft wird, hat ein naives Verhältnis zu diesen Textsorten.
„Ein entnaivisiertes Verhältnis zu Texten kann man auch daran erkennen wie wir im Fall von Täuschung, Irrtum, Lüge und Betrug reagieren können, wenn also Texte irgendwelche Erwartungserwartungen sabotieren: es werden dann wiederum viele weitere Texte produziert, z.B. E-Mails an Fachexperten, um die Informationssituation hinsichtlich einer fraglichen Angabe in einem Text zu verbessern.“
Eben deshalb würde ich sagen, dass ein entnaivisiertes Verhältnis zu Texten eine Irritation der vorher als selbstverständlich akzeptierten und prozessierten Unterscheidungen voraussetzt. Deshalb würde ich auch lieber nicht von „entnaivisierten Strukturen“ oder über „unser nicht naives Verhältnis zu Texten“ reden, weil das als einen Zustand zu beschreiben scheint, was ein Verhältnis ist.
Das Problem, das durch die fragliche Textsorte entsteht, ist also genau jenes, dass die ihr zugrundeliegenden Unterscheidungen irritiert und damit Reflexivität ermöglicht (und ggf. inszeniert).
Nein. Es sind doch gerade die zunehmenden Schwierigkeiten, die Literaten haben, Wahrnehmungsroutinen und Rezeptionsweisen zu stören, die davon sprechen, dass dies keineswegs einfach ist. Für die fiktionale Literatur gilt etwas ähnliches wie für die Kunst allgemein, dass sie nämlich alles erzählen kann, dass sie alles verwechseln und vertauschen kann, dass sie jeden Wahrnehmungsbetrug statthaft machen kann ohne die Grenzen der Fiktionalität jemals zu verlassen. Literaten stehen inzwischen unter dem gleichen Verdacht, der fur Künstler und Wissenschaftler in ähnlicher Weise gilt, dass sie langsam mit ihrem Latein am Ende sind.
Das meine ich mit der paradoxen Formulierung, dass ein entnaivisiertes Verhältnis zu Literatur selbst schon wieder trivial geworden ist, was für alle gilt, nicht nur für die Leser, sondern auch für die Schreiber von Texten.
Eben deshalb halte ich die fingierten Paratexte Lems ja für ganz originell, weil sie auf dieses Problem sichtbar machen. Sie ent-trivialisieren, indem sie die Wahrnehmungsroutinen irritieren. Der Wahrnehmungsbetrug ist ja nur statthaft, wenn er erkennbar unter dem Vorzeichen „Literatur“ bzw. „Kunst“ erfolgt. Tilgt man das Vorzeichen, wird auch das Ende des Lateins sichtbar – und damit zugleich wieder erweitert. Die Frage ist dann, wie weit man dieses Spiel treiben und wieder re-trivialisieren kann. Was Du oben als „parafingierte Texte“ erwogen hast, kann ja eine weitere Eskalationsstufe in diese Richtung darstellen.
Gut. Ich denke noch einmal darüber nach.