„Dass die Welt also selber noch nicht weiß, wo ihr der Kopf steht …“ (Ernst Bloch)

von Kusanowsky

„Dass die Welt also selber noch nicht weiß, wo ihr der Kopf steht …“ (Min 20:15)

Dieses Video zeigt ein Gespräch mit Ernst Bloch. Herausgesucht habe ich den Abschnitt Min. 15:59 bis 20:15, worin kurz erklärt wird, dass die Idee der Utopie sich keineswegs auf ein schon vorgewusstes oder vorbestimmtes Ziel bezieht, das von Propheten vorzeitig verkündet und das sich im Prozess des Weltgeschehens vorhersehbar realisieren wird. Die Welt hat kein vorgegebenes Ziel. Was nicht heißt, das es keine Wege gäbe. Aber es gibt sie entweder noch nicht, das sind die noch unbeschrittenen Wege der Zukunft; oder es gibt sie nicht mehr, das sind die verschütteten der Vergangenheit.
Dieser Unterschied zwischen Werdendes und Gewordenes/Vergehendes und Kommendes/Sein und Bewusstsein hat in der deutschen Philosophie eine lange Tradition. Bei Hegel und Marx findet man diesen Unterschied als objektives Bewusstsein/Klasse (als Klasse/Bewusstsein an sich) und subjektives Bewusstsein/Klasse (als Bewusstsein/Klasse für sich); bei Oswald Spengler wird dieser Unterschied als der Unterschied von Kultur und Zivilisation verstanden: Kultur als Zivilisation mit Seele und Zivilisation als Kultur ohne Seele; bei Heidegger findet sich dieser Unterschied aufgefasst als ein Verhältnis von Sein und Dasein; und bei Niklas Luhmann schließlich als Verhältnis von Medium und Form. Bloch spricht von der Utopie als von einem „Noch-Nicht“, sofern subjektiv noch nicht bewusst und sofern objektiv als noch nicht geworden. Die Einheit dieses Unterschieds wäre dann, so könnte man diese Betrachtungsweise auffassen, die Zeit, also die Gegenwart, der Blinde Fleck, der weder subjektiv noch objektiv real, aber trotzdem möglich und wirksam ist.

In allen Fällen handelt sich um theoretische Versuche, das Werden zu erklären. Und es muss nicht betont werden, dass die Betonung der Unterschiede zwischen diesen Theorien nur innerhalb einer in Fächern, Schulen und Höfen aufgeteilten Wissenschaftsbürokratie von Bedeutung ist. Der lernende Geist darf solche Einordnungsbemühungen auch verschmähen. Aber er muss nicht. Er kann sich auch als unabhängiger Geist auffassen, der in der Beschränkung einer Weltsicht seine wahre Erfüllung findet.

Wenn man sich zutraut, die ideologischen Verkrustungen nicht mitzuhören, von denen sowohl diese Gesprächssituation als auch die Rezeption bis in die 90er Jahre hinein geprägt waren, dann kann man feststellen, dass es sich bei Blochs Philosophie um einen hellsichtigen Realismus handelt, von dem man etwas lernen kann. Dabei kommt es nicht länger darauf an, zu verstehen, was der Denker wirklich gemeint hat, sondern: was damit gemeint sein könnte, bzw.: was damit noch nicht oder nicht mehr gemeint war. Das geht, wenn man die Bereitschaft mitbringt, die Wege zu erforschen, die man erst noch begehen möchte.