Noam Chomsky: „organized collective action“ #jungundnaiv

von Kusanowsky

Interview mit  Noam Chomsky bei Jung & Naiv.

Bemerkenswert ist die Stelle ab Min. 38:57. Es geht um das globale Katastrophengeschehen, um den Klimawandel und um das, was die Geologie ein neues Erdzeitalter nennt. Das sogenannte „Anthropozän“. Comsky führte zuvor aus, dass die Fleischproduktion einen erheblichen Anteil am CO2-Ausstoß hat. Auf die Frage von Tilo, ob er – Chomsky – Vegetarier sei, antwortete er “ Nein“; und ergänzt zutreffend, dass individuelles Entscheiden und Handeln nichts zur Lösung der Probleme beitrage. Auf die Frage, was denn stattdessen helfen könne, die Probleme zu lösen, antwortet Chomsky: „organized collective action.“ Auf deutsch heißt das soviel wie: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“

Unglaublich, aber wahr. Der Wissenschaftler empfiehlt, eine naive Märchengeschichte ernstzunehmen, derzufolge in alter Zeit eine große Menschenvereinigung entstanden sei, die sich aufgrund ihrer Ausbreitung von ihren Wurzeln entfernt habe und sich nun der Gefahr ihrer Selbstzerstörung aussetzt. Die Lösung für die selbstgemachten Probleme bestünde entsprechend darin, sich nun endlich wieder alter Gemeinsamkeiten zu erinnern und kollektives Handeln zu organisieren, um die globalen Krise zu meistern.

Nichts könnte unwahrscheinlicher sein als das, aber genau das wird – nicht nur von Chomsky – als Vorschlag unterbreitet: „organized collective action“. Dass diese globale Krise eher darauf schließen lässt, dieser Märchengeschichte zu misstrauen, kommt nicht in Frage. Stattdessen werden nur bekannte Probleme in Erinnerung gerufen, verbunden mit einem nicht adressierbaren Appell, der dazu aufruft, mit bekannten Verfahrensweisen des Darübersprechens zu reagieren.  Und Chomsky betont, dies sei die einzige Möglichkeit, die Probleme zu lösen: „organized collective action“.

Ich dagegen plädiere auf „Nichtschuldig“. Es gibt eine gesamtgesellschaftliche Weigerung, bekannte Probleme zu lösen, eine Weigerung, die sich weder auf gemeinsames, noch auf individuelles Entscheiden und Handeln vollständig zurück führen lässt. Der Weigerung unterliegt eine Struktur des Handelns, die nur solche Handlungsoptionen bevorzugt, deren Folgen vorhersehbar sind, um Handlung rechtfertigen zu können, ganz unabhängig davon, ob die Folgen sich einstellen oder nicht. Stellen sie sich ein, wird Normalität bestätigt; stellen sie sich nicht ein, wird diese Struktur wiederholt, was auch einer vorhersehbaren Normalität entspricht. In jedem Fall kann Handlung gerechtfertigt werden und in beiden Fällen bleiben die bekannten Probleme unerkannt und die erkannten Lösungen in ihrer Wirkung unbekannt.