Differentia

Monat: Juli, 2016

„Der Abzug ist sehr empfindlich“ Genderneutralität und Produktenttäuschung

Das Video ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Film „Falling down“ von 1993 mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Die Hauptfigur D-Fense betritt ein Schnellrestaurant und bestellt ein Frühstück. Leider kommt die Bestellung 3 Minuten zu spät, weil um 11.30 Uhr Schluss mit Frühstück ist. Der Gast beharrt aber auf ein Frühstück mit dem Argument, dass der Kunde König sei. Trotzdem wird seine Bestellung zurück gewiesen. Stattdessen wird ihm vom Geschäftsführer gesagt, er solle sich an die Vorschriften halten und ein Mittagessen bestellen. Damit ist D-Fense allerdings nicht einverstanden, holt eine Waffe heraus und bestellt nun noch einmal und nachdrücklich ein Frühstück. Diese Bestellung wirkt nun sehr viel überzeugender. Nachdem er das Frühstück ausgepackt hat und es mit dem Werbebild über der Theke vergleicht, ist er sichtlich enttäuscht und fragt, was mit diesem Werbebild falsch ist.

Tatsächlich: In einer Welt, in der der Kunde König ist, gibt es wenig Gründe, mit irgendetwas einverstanden zu sein. Die Unzufriedenheit ist das deutlichste Merkmal einer Gesellschaft, die fortwährend Versprechungen auf Wohlstand, Menschlichkeit und ein gelungenes Leben abgibt. Sie erzeugt einen Überfluss an Mangelfiktionen, dessen Komplexität nicht jedermann gleichermaßen zugemutet werden kann. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Wie weitreichend der Normalfall der permanenten Produktenttäuschung ist, kann man in diesem Interview mit Professor Lann Hornscheidt nachlesen. Die Professorin hat eine Bestellung auf Genderneutralität abgegeben. Sie möchte nicht als Mann angesprochen werden. Und dass niemand diese Bestellung so leicht akzeptiert, weil niemand wüsste wie das gehen soll, kann nur an einer Gesellschaft liegen, die über die Souveränität des Königs schlecht informiert ist. So schlimm das auch alles sein mag und wie ergreifend das Leiden unter dieser Diskriminierung für die Kundin auch immer ist, der Mann hat eine beeindruckende Macht auf seiner Seite: eine Staatsgewalt, die zwar auch keine Lösung für das Problem des Kunden hat. Aber ihre Schutzfunktion ist beeindruckend. Sie gestattet dem Herrn Professor die Macht in Anspruch zu nehmen, um eine dumme Ausrede nach der anderen zu formulieren, wenn es darum geht, die Herkunft seines Problems zu erklären.

Wahrscheinlich liegt’s an den falschen Bedürfnissen der anderen. Dass alle anderen allerdings auch eine Bestellung abgegeben und unter ständiger Produktenttäuschung zu leiden haben, davon weiß der Mann, der keine Frau sein will nichts. Und es kann ihr auch reichlich egal sein.  Er hat einen empfindlichen Abzug. Das reicht völlig.

 

Einschließung und Inhaftierung. Warum es #Stalking gibt 4

zurück / Fortsetzung: Man macht sich auf diese Weise deshalb zum Komplizen des Stalkers, weil man sich genauso grundlos wie emsig dafür engagiert, die Bedingungen wiederherzustellen, durch die es dem Stalker gelingt, seine gewaltlose Gewalttätigkeit fortzusetzen. Denn sie gelingt nur, weil man ihm ausweichen will, weil man meint, eine Begegnung mit ihm zurückweisen, also ablehnen zu können. Die Erfahrung aber ist, dass dies gar nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine Präsenz gerade dadurch aufdringlich zu Bewusstsein und macht sie sozial unausweichlich.
Seine Präsenz besteht nur darin, einem die eigene Einschließung und Inhaftierung vor Augen zu führen, was ja deshalb möglich ist, weil im Normalfall des Alltags die Wege ihrer Überbrückung und Umgehung immer offen stehen und folglich auch von dem Stalker genutzt werden können. Er sorgt nun dafür, dass sich diese Wege für das eigene Handeln entzünden, indem das, was sonst als Freiheit des Handelns empfunden wird, durch seine Präsenz nun als Notwendigkeit erscheint.
Eigentlich macht der Stalker auf eine Illusion aufmerksam, nämlich auf die, dass man in Freiheit lebe, obwohl man von Einschließung und Inhaftierung betroffen ist.
Komplize ist man, solange man ständig dafür sorgt, diese Illusion zu retten; und mehr noch, indem man grundlos die Bereitschaft übernimmt, alle Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, sich selbst aufzuerlegen; indem man sich Zwängen aussetzt, die man mit eigenen Mitteln, mit eigenem Vermögen, mit eigenem Wissen und Können nicht mehr beseitigen kann, um so weniger, da gerade die dafür notwendigen Wege der Umgehung wiederum entzündet sind. Man kommt in eine völlig hilflose Situation.
Und je mehr man sich davon überzeugen will, an dieser Situation gänzlich unschuldig zu sein und bleiben zu wollen, um so mehr sorgt man für den Fortbestand einer solchen Zwangssituation; und man kann folglich auch nicht mehr darüber nachdenken, wie man in diese Situation hinein kommen konnte, noch weniger, wie man da wieder heraus kommt.

Fortsetzung folgt