Die Professionalitätsmagie der Kunst und ihre Hyperbolisierung 1

von Kusanowsky

Es ist von Wolfgang Ulrich ein interessantes Buch mit dem Titel „Siegerkunst“ erschienen, das hier nicht besprochen werden soll (1), sondern dessen Ausführungen ich zum Anlass nehmen möchte, den Zusammenhang zwischen Professionalitätsmagie und Hyperbolisierung zu erläutern.

Mit dem Begriff „Siegerkunst“ versucht Wolfgang Ulrich zu beschreiben, dass sich innerhalb der Kunst Wettbewerbstendenzen ausgebildet haben, die ihren Erscheinungsformen nach an sportliche Überbietungswettkämpfe erinnern lassen, an das, was man ein Erjagen von Rekorden nennen könnte: schneller, höher, schwerer, teurer als alles vorher gegangene, also etwas Niegesehenes und Niegehörtes in die Welt zu setzen, das alles bisher Gezeigte innerhalb einer Hitparade auf den zweiten Platz verweist.

Die Beobachtungen dürften zutreffend aufgefasst worden sein, aber sie betreffen keineswegs die Formen der modernen Kunst speziell, sondern betreffen alle Formen der Kommunikabilität von Persuasion in der modernen Gesellschaft. Persuasion erzeugt Formen der Kommunikation von Überzeugung und Überzeugtheit unter der Voraussetzung, dass durch die gesellschaftliche Verschränkung von massenmedialer Kommunikation und organisationaler Inklusion Überzeugtheit deshalb schwer zu kommunizieren ist, weil Überzeugungen immer schon vorhanden sind, immer schon gewonnen, immer schon verbreitet und auf die eine oder andere Weise akzeptiert wurden, so dass jeder Versuch, eine Akzeptanz weiterer Überzeugungen zu empfehlen, auf größere Schwierigkeiten ihrer Kommunikabilität trifft. Überzeugtheit und damit Akzeptanz irgendwelcher Sinnangebote ist nicht einfach, sondern sehr schwer zu kommunizieren, so dass immer mehr Aufwand betrieben werden muss, um persuasive Kommunikation trotzdem zu ermöglichen. Dieser Aufwand und die damit verbundenen Erscheinungsformen der Verstärkung machen auf der anderen Seite auf die Unhaltbarkeit solcher Maßnahmen aufmerksam und für einen Beobachter zugleich auf die Unhaltbarkeit jener gesellschaftlichen Struktur, die solche Formen der Überbietung erfolgreich durchsetzen.

Versuche der Übertreibung und der Überbietung, also alles, was als Hyperbolisierung beschrieben werden kann, sind die Beobachtungsmerkmale moderner Strukturen des Werbens um Akzeptanz (2), weil das Gegenteil sehr viel wahrscheinlicher ist. Aus diesem Grund ist die Luft- und Raumfahrttechnik entstanden, denn aus welchem vernünftigen Grund sollte man sich durch Flugzeuge derart in Lebensgefahr begeben, wenn man nicht den höchsten nur erdenkbaren Punkt erreichen will, also den Mond? Wie gewinnt man Zuhälter für so eine Technik, wenn es irgendwann keinen Unterschied mehr macht, ob man hoch oder noch höher gekommen ist? Auf die selbe Weise ist das moderne Unterhaltungsgewerbe entstanden. Mit jeder neuen Generation sind neue mediale Technologien und damit immer schrillere Unterhaltungsformate entstanden. Über welchen Witz soll man noch lachen, wenn jeder Witz kommunizierbar ist? Aus dem selben Grund ist der Faschismus entstanden. Wenn die grundlose Massentötung von Menschen legitim war, warum nicht auch der unterschiedslose Massenmord? Und wenn das geht, warum sollte die Komplettvernichtung aller Zivilisation durch Atomwaffen nicht gehen? Oder die Spionage: wenn ja, dann auch alle und anlasslos. Warum also keine Totalüberwachung? Wenn alle Bedürfnisse, die Menschen haben können, befriedigt sind, warum nicht alle ökonomische Produktion auf die Herstellung weiterer Bedürfnisse umstellen, die keiner mehr hat, was dazu führt, dass alle gesellschaftliche Warenproduktion Müllproduktion ist? Wenn Medizin geeignet ist, Krankheiten zu heilen, warum sollte verhindert werden, dass Medizin selbst zu einem Krankheitsrisiko wird? Wenn man mit einer Suchmaschine tausend Treffer erzielen kann, warum nicht auch eine Millionen? Aus diesem Grund gibt es Google. Google beliefert seine Nutzer mit einer nicht mehr überbietbaren Auflistung von Suchergebnissen, mit denen niemand etwas anfangen kann und gerade deswegen ist das Unternehmen zum Monopolisten geworden.

Diese Aufzählung kann man seitenlang fortsetzen. Und es sei angemerkt, dass die Liste dieser Absurditäten niemals unkommentiert geblieben ist (3).

In diesem Zusammenhang hat nun Wolfgang Ulrich etwas festgestellt, das gesamtgesellschaftlich niemals unbemerkt geblieben ist. Seine Beobachtungen sind also selbst ein Teil dieser Hyperbolisierungen.

Fortsetzung

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(1) Ich halte nichts von Buchbesprechungen. Bücher reagieren auf ihre Besprechung genauso wie Warzen, nämlich gar nicht. Was in animistischen Kulturen die Geisterbeschwörung ist, ist in einer Buchdruckkultur die Besprechung von Büchern. Ihre Funktion ist Anrufung, Besprechung und Behandlung des sozialen Sinns der Kritik, die ehedem als Übungsaufgabe für aufklärungswillige Philosophen entstanden war, die nicht mehr die Bereitschaft hatten, die Debilität ihres Verstandes allein zu ihrem Nachteil auszulegen, und die sich zu einem besinnungslosen Zeitvertreib für jene entwickelt hat, die sich mit der Debilität dieses Aufklärungsverlangens nicht abfinden wollen und darum die Dummheit der Kritik nicht bemerken können.

(2) Ich unterscheide zwischen modernen Strukturen, die so etwas beobachtbar machen, von antiken, bzw. mittelalterlichen Praktiken, bei denen es um etwas anderes gegangen ist. Der Unterschied betrifft den Unterschied zwischen dem apollinischen und dem faustischen Vermeidungsirrtum (frei nach Oswald Spengler.)

(3) Hugo Ball, Hannah Arendt, Günther Anders, die ganze kritische Soziologie und Psychoanalyse, Ivan Illich, Eugen Drewermann und viele mehr. Niemand kann sagen, es sei dazu in den letzten einhundert Jahren zuwenig gesagt worden. Stattdessen kann man sagen: Die Kommentierung dieser Obszönitäten geschah genauso inflationär wie ihre Ausbreitung. Auch die kritische Intellektualität unterliegt offenbar dem Zwang zur Hyperbolisierung.

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