Das #Jodeldiplom der Wissenschaft @WolfgangEssbach @HeikoKleve

von Kusanowsky

Ich möchte vermuten, dass der Finanzdruck, der in den Universitäten auf die Wissenschaft ausgeübt wird, eine notwendige Rosskur ist, die gebraucht wird, um die Wissenschaften von ihren selbst gemachten Zwängen zu befreien. Selbstgemacht sind ihre Zwänge, da es nicht an Mitteln der aufgeklärten Verstandesfähigkeit und des Mutes fehlt, sich ihrer zu bedienen. Es fehlt auch nicht an Intelligenz und Geduld; es gibt keinen Mangel an kritischer Humankompetenz und keine Defizite eines allgemeinen Vertrauens in Menschenvermögen (erkennen, wissen, handeln). Es gibt auch keinen Mangel an Moral, Fleiß, Engagement, Integrität, Kreativität und was immer sonst noch für alle Wissensproduktion unverzichtbar ist.
Der strukturelle Mangel der Wissenschaft besteht darin, dass sie keinen Mangel mehr kennt, erkennbar daran, dass von der Wissenschaft Mangelfiktionen (P. Sloterdijk) inflationär hergestellt werden können. Es gibt in der Wissenschaft einen Überfluss an Mangelfiktionen, ein gigantisches Ausmaß an wissbarem Nichtwissen, das jeden Tag unverdrossen vergrößert wird, empirisch feststellbar an dem unüberschaubaren Output von Texten aller Art, von welchem niemand mehr treffsicher sagen kann, was das Wissenschaftliche oder Nichtwissenschaftliche an diesen Texten ist, weil nämlich diese Frage mit jeder Publikation immer schon beantwortet ist. Wissenschaftlichkeit ist für die Wissenschaft, ähnlich wie Kunst für die Kunst oder Geld für die Banken, inkommunikabel geworden, weil alles Entscheidende in dieser Hinsicht immer schon entschieden ist. Kunst ist alles, was ein Künstler macht, Geld ist alles, was eine Bank macht, Wissenschaft ist alles, was ein Wissenschaftler macht. Wissenschaftlichkeit hat sich in Entropie aufgelöst. (Und nebenbei: Auch Reputation ist keineswegs zum Hauptcode der Wissenschaft geworden.)

Das Problem, für das die moderne Wissenschaft Lösungen produziert hat, ist infolge der Ausdifferenzierung von Lösungen verschwunden und übrig gelieben sind die Strukturen des routinierten Umgangs mit diesen Lösungen. Diese Lösungen sind die Menge aller Verfahren, Methoden, Institutionen, Regelwerke, Vorschriften, Standardisierungen, Verhaltensweisen, Gebräuche, geschriebene und nicht geschriebene Ordnungen, kurz: Dispositive (M. Foucault), welche nur noch ein Hindernis kennen, nämlich eines, dass mit keiner bekannten Wissenschaft, mit keiner erprobten Methode, mit keiner finanzierbaren Forschung aus dem Weg geräumt werden kann, nämlich die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft.

Was ist passiert? Es ist passiert, dass die Wissenschaft auf dem erfolgreichen Weg ihrer Ausdifferenzierung die Erfahrungsbedingungen geändert hat durch die sie fortsetzbar ist oder eben auch nicht. Sie hat sich der Katastrophe ihrer eigenen Entropie ausgesetzt und kann jetzt nur noch eines tun, nämlich Organisationszwänge verwalten und zwar mit ihren eigenen, selbst produzierten Lösungen, welche ich, wenn auch polemisch, aber nicht unzutreffenderweise als Jodeldiplome (Loriot) bezeichne. Denn, bei aller Kompetenz, die man freilich jedem Wissenschaftler ganz pauschal zuschreiben kann, kann ein jeder eigentlich nur das, was jeder andere auch kann: den Betrieb fortsetzen ohne dabei an die Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt denken zu müssen, weil diese Frage nämlich abgeschafft wurde. Dies ist ablesbar an der  Selbstbeschreibung, die sich als „Freiheit der Wissenschaft“ ausgibt und welche das legitime Recht darstellt, dieser Frage aus dem Wege zu gehen, sie nicht beantworten zu müssen und zwar deshalb, weil sie sie als immer schon beantwortert auffassen darf.
Und da eine Belehrung darüber, dass sich darin ein Irrtum verbirgt, nicht kommunikabel ist, bleibt nur die finanzielle Deprimierung als letztes und vorerst einziges Mittel, um auf diesen Irrtum aufmerksam zu machen. Ob es sich bei um das beste Mittel handelt, mag man gern bezweifeln, aber um solche Zweifel zu formulieren reicht die Kompetenz des Jodeldiploms jederzeit aus.

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