Inklusion und Exklusion – können soziale Netzwerke Vergesellschaftung leisten? #nextsociety
von Kusanowsky
Hier biete ich ein Manuskript an, das auf einem Workshop „Netzwerke (revisited)“ in Bochum besprochen wurde. Titel: Inklusion und Exklusion – können soziale Netzwerke Vergesellschaftung leisten? Die Eingangsantwort auf diese Frage lautet: Nein. Die Schlussantwort lautet: vielleicht.
Der Text ist urheberrechtsfrei, auch ohne Nennung meines Namens. Es ist nur nicht erlaubt meinen Namen unter einen Text zu setzen, den ich nicht geschrieben habe.
Neulich habe ich zufällig auf Deutschlandradio die Besprechung von einem Interview mit dem römischen PD-Politiker Roberto Morassut entdeckt.
In seinem Buch, „Roma Senza Capitale“, beschreibt er aktuelle Probleme, die in der „Ewigen Stadt“ entstehen, weil durch den „Maxi-Prozess“ gegen den etablierten Mafia-Filz in Rom korrupte, aber wichtige Strukturen der sozialen Organisation zerfallen sind.
Weiter im Bericht auf Deutschlandfunk.de heisst es:
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Vakuum lässt Raum für Populismus
Und dazu müsse der Bürger wieder stärker mit eingebunden werden, um die Flucht der Politik, wie Morassut sie nennt, zu stoppen. Um das Vakuum zu füllen, das so viel Raum lasse für Populismen. Potenzial jedenfalls gebe es dafür genug, wie aktuelle Entwicklungen erkennen ließen.
„Es bilden sich viele kleine Gruppen, die sich gegen den Verfall engagieren. Sie reinigen die Straßen, die öffentlichen Parks und Mauern. Sie überwachen ihre Stadtviertel und fördern dort Integration, Solidarität und Nachbarschaftshilfe. Das ist wahnsinnig effektiv, führt zu großartigen Resultaten, auch mithilfe der Sozialen Netzwerke.“ //
http://www.deutschlandfunk.de/roberto-morassut-im-interview-rom-ist-kein-ausbildungsplatz.1310.de.html?dram:article_id=352334
»Man darf wohl sagen, daß bisher bei allen Umwälzungen auf der Erde immer der geistige Mensch zu Schaden gekommen ist; sie beginnen mit dem Versprechen, eine neue Kultur herbeizuführen, räumen mit dem, was die Seele bis dahin erreicht hat, auf wie mit feindlichem Besitz und werden von der nächsten Umwälzung überholt, ehe sie die alte Höhe überschreiten konnten. So ist das, was man die Kulturperioden nennt, nichts als eine lange Reihe von Umkehrzeichen gescheiterter Unternehmungen, und der Gedanke, sich außer diese Reihe zu stellen, war für Ulrich nichts Neues!« (Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, I.120)
danke für dieses Zitat. Es passt sehr gut!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dein Musil-Zitat oben richtig verstanden oder richtig eingeordnet habe, *Tom*, aber wenn ich eines hier an dieser Stelle unpassend finde, dann ist es der erhobene Zeigefinger an (gefährliche) Utopisten, Revoluzzer oder Visionäre.
Ich gehe davon aus, dass es hier nämlich vor allem um die Auflösung oder Relativierung der etablierten Muster und Organisations-Strukturen geht, die es uns immer wieder erschweren, unsere erlebten Probleme spontan und flexibel (jenseits der Bezugnahme auf Autorität, Macht oder Gewalt) lösbar zu machen.
Es geht meiner Ansicht nach darum, ein Korsett von Machtbeziehungen zu lockern, das wir von vorangehenden Generationen aufgesetzt bekommen haben, weil Einflussreiche Geister gewisse Ideen sozialer Gerechtigkeit systematisieren wollten.
Die sozial etablierten Umstände, Konventionen und Institutionen, die wir heute als gegeben annehmen, sind schließlich nichts anderes, als die verwirklichten utopischen Ideen von gestern.
Wir haben starre und unflexible Rituale der Kontrolle, Verhandlung und Rechtfertigung von Ansprüchen in der Gesellschaft verinnerlicht, die sich in der Regel nur auf ein abstraktes und blindes Kriterium beziehen: Macht.
(Jede gute oder schlechte Lösungsidee für konkrete Probleme, die uns im Alltag betreffen, steht oder fällt beispielsweise in der Verhandlung über Symbole und Reizmuster ökonomisch kodierter Macht.)
Die Gesellschaftskultur, in der wir aktuell sozialisiert und konditioniert worden sind, ist im wesentlichen die Manifestation der Idee eine gewisse Form und Vorstellung sozialer Gerechtigkeit über die Totalisierung von Tauschbeziehungen zu erwirken.
Die Folgen sind uns bekannt.
Wir erleben Kaskaden der Fremdbestimmung in denen sowohl unsere Bedürfnisse, als auch die Motive und Zielsetzungen unserer Arbeit durch ökonomische Reize und Machtstrukturen manipuliert und korrumpiert werden.
Wenn wir uns nur ein bisschen mit offenen Augen in der Welt umsehen, dann erkennen wir, dass wir gesellschaftlich gegen die Wand fahren, wenn wir es nicht schaffen, die starren Strukturen der gegebenen Reizmuster und Konventionen aufzulösen.
Spätestens dann fahren wir den Karren an die Wand, wenn wir unser Ökosystem in absurden Kaskaden fremdbestimmter Arbeit aufgerieben und aus dem für uns lebensnotwendigen Gleichgewicht gebracht haben.
Es geht aber vor allem darum, dass sich die Strukturen in denen wir existieren sich längst schon über die Vernunft des Einzelnen erhoben haben.
Wenn wir unsere eigenen Motive, Handlungen und Entscheidungen im gesellschaftlichen Alltag ehrlich reflektieren, dann können wir sehr leicht erkennen, wie wir in den uns strukturell aufgesetzten Rollen, Positionen und Funktionen immer wieder in Konflikt mit unseren eigenen rationalen & ethischen Einsichten geraten.
Durch gegebene Organisationszwänge und Kulturmuster lassen wir uns zu leicht davon abbringen, den eigenen ethischen Einsichten entsprechend zu handeln und zu entscheiden.
Und genau darum geht es hier (meiner Ansicht nach)!
Darum, dass wir im Paradigma der „Sozialen Vernetzung“ über das instantane read/write Medium Internet vielleicht innovative Wege finden, um althergebrachte Muster und Strukturen der Sozialisation konstruktiv in Frage zu stellen und dabei neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, damit wir mehr Freiheit und mehr Verantwortung leben und erleben können.
Es geht darum soziokulturell verschriebene „Patent-Lösungen“ mit Abstand zu betrachten und ablegen zu können, wenn sie uns offensichtlich beengen und irritieren.
Zu dem oben zitierten Text von Musil ist mir sofort der Vortrag von Paul Watzlawick aus dem Jahr 1987 eingefallen:
Wenn die Lösung das Problem ist.
Hier ist die Aufnahme mit Sprung zum Schlusswort:
— http://www.youtube.com/watch?v=cl4aZTPsTSs&t=40m07s
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[39:03] „… versuchen dem Nächsten zu #helfen… das ist nämlich viel wichtiger und viel schwieriger, als große utopische Pläne zu schaffen, wie man die Welt von Grund auf verändern und ideal machen wird können… [39:49] … Selbstermächtigung zur Gewalt…“
[40:07] „… Ich glaube wir müssen bescheiden sein. Wir müssen versuchen, das zu tun, was ich für meinen Hausgebrauch die Kettenreaktion des Guten nenne… Das heißt, das Gute im Kleinen zu tun… […] … Kettenreaktion der Gütigkeit und der Toleranz…“
Natürlich warnt er auch (mit Recht) vor Patent- und End-Lösungen, aber er erläutert ziemlich treffend, worum es bei der Idee der Sozialisation über „Social Networks“ gehen kann:
Nämlich darum, die Lösung des „Neun-Punkte Problems“ zu erleichtern!
https://de.wikipedia.org/wiki/Neun-Punkte-Problem
Eingefahrene Kulturmuster und Denkstrukturen zu lockern.
Darum, dass wir „Kettenreaktionen“ der Solidarität und gegenseitigen Hilfe anstoßen. Nicht etwa darum, neue starre Organisations- und Regel-Strukturen der Inklusion und Exklusion zu entwerfen, sondern Möglichkeiten der Koexistenz in freiwilliger Kooperation zu eröffnen.
Wir können das Medium „Social Web“ so einrichten und nutzen, dass wir Wege und Optionen der souveränen, individuellen Selbstorganisation im Rahmen offener, transparenter Kommunikation und Vernetzung schaffen.
Das ist zumindest der Denkansatz, der mir vorschwebt, wenn ich über potenzielle „Möglichkeiten der Sozialen Vernetzung“ nachdenke.
Aber das kann man auch leicht verkennen, weil uns eben immer das Scheckgespenst der verfehlten, fixen utopischen Idee vorschwebt, wenn jemand es wagt, über Probleme und Alternativen sozialer Arrangements nachzudenken.
Es gibt sicherlich immer wieder Punkte im Leben an dem wir stehen bleiben, Luft holen und uns umsehen. Wenn uns gefällt, was wir sehen, dann können wir es uns ohne weiteres bequem machen. Aber es gibt eben auch Punkte in unserer soziokulturellen Entwicklung, an denen wir es uns nur schwerlich bequem machen können. Dann sind wir herausgefordert weiter zu gehen und im Zweifelsfall auch neue Wege (für uns selbst und vielleicht auch für andere) zu erschließen.
Auf diesem Weg, den jeder im Grunde für sich gehen muss, werden wir alle wohl oder übel immer vom „Scheitern“ begleitet und wir sind überall auf unserem Weg gefordert, den Unterschied zu erkennen, zwischen Situationen, die wir ändern (entlasten oder verbessern) können und Situationen, die wir mit Gelassenheit hinnehmen müssen.
„Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! …“
(Dostojewski, Die Dämonen)
@manufo
Ich kann dich beruhigen. Du hast das Musil-Zitat tatsächlich nicht so eingeordnet bzw. verstanden, wie ich es verstanden wissen will und es ist von mir schon überhaupt nicht als „erhobener Zeigefinger“ gegen zukunftsoffene, veränderungsfreudige und vorwärtsorientierte Utopisten, Revoluzzer und Visionäre gedacht. Solltest du jedoch mit Utopisten, Revoluzzern und Visionären diejenigen meinen, die sich – momentan beklagenswerterweise mit immer stärker werdendem Aufwind – lieber zukunftsängstlich zurückorientieren wollen, kann ein Zeigefinger gar nicht lang genug sein.
🙂 @ Tom Gollas
… Das war eine ziemlich kompulsive Reaktion von mir.
(In dem Sinn: So kann man das doch aber nicht stehen lassen!)
Ich hab‘ heute noch den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie „Ulrich“ das denn sonst noch gemeint haben könnte (und ob das nicht komplett überflüssiger und widersprüchlicher Blödsinn war, was ich da gestern Nacht noch unbedingt hinschreiben musste…).
Aber — wie gesagt/ oder geschrieben — … gegen „Utopisten im guten wie im lächerlichen Sinne“ ist eigentlich nicht viel einzuwenden.
Ob man historisch (objektiv) von einem „vorwärts“ und „rückwärts“ sprechen kann, weiß ich nicht… aber es gibt eben auch gesellschaftliche Bewegungen, die nur die eigene Bewegungsfreiheit im Sinn haben und daraus entsteht dann das, was man vielleicht als „soziokulturelle Korsagen“ bezeichnen kann. Sozusagen mechanistische Methoden der Abgrenzung, der autoritären Intervention, Kontrolle und Rechtfertigung, die leider oft nur zu Isolation, Frustration führen und soziale Spannungen und Fronten werden so auch nur verschärft.
Was man dem „Ulrich“ in der Beziehung vielleicht noch entgegnen könnte ist, dass man vielleicht auch da als „geistiger Mensch“ eine gewisse Verantwortung trägt… zumindest zu überlegen, wie man so die Eskalation, die er beschreibt vielleicht unterbinden oder entschärfen…
„Freiheit und Verantwortung gehören zusammen.“ wie man’s dreht und wendet. 😉