Differentia

Eine Weltsprache – eine Fremdsprache für alle 2

zurück / Fortsetzung: Esperanto ist eine gute Idee. Aber eine gute Idee ist kein ausreichender Grund, mit dem Sprechen anzufangen. Und sollte man es aus diesem Grund dennoch tun, ist alles, was man dann noch zu sagen hat, schnell gesagt. Will man aber trotzdem hartnäckig bleiben, wird man merken, wie voraussetzungsvoll ein jeder Sprachgebrauch ist; und man wird bemerken, dass Esperantosprechen nur ein Hobby für Wenige sein kann.

Damit könnte man die Idee einer Weltsprache, die für alle eine Fremdsprache ist, aufgeben, wenn die Akzeptanz einer guten Idee, wenn also Überzeugtheit eine entscheidende Voraussetzung für den Sprachgebrauch sein sollte. Oder man ist einfach zufrieden damit, eine Weltsprache als seltene Orchidee, die nur in einer Nische gedeiht, in den Kanon aller Sprachen aufzunehmen und man begnügt sich mit der genauso naiven wie weltfremden Gesinnung, etwas Gutes zu tun. Die einen essen kein Fleisch, die anderen keinen Fisch, die nächsten prügeln ihre Kinder nicht oder rauchen nicht, andere retten Flüchtlinge aus dem Mittelmeer und betreiben Mülltrennung; und andere, nun ja, sprechen Esperanto, um den Weltfrieden zu befördern. So hat jeder sein eigenes Jodeldiplom, und die Karawane zieht weiter, obwohl sie alle nur Gutes tun.

Aber vielleicht kann die Angelegenheit einer Weltsprache trotzdem zu einem interessanten Problem werden, nämlich dann, wenn geeignete Bedingungen entwickelt sind, die die Veränderung des Sprachgebrauchs und seine Anpassung an globale Kommunikabilität von Sprachlichkeit nahelegen. Eine wichtige Bedingung wäre,  dass die Verwicklung in Sprachgebrauch nicht Überzeugtheit zur Voraussetzung hat, sondern global verteilte und zeitlich nicht terminierte Adressabilität, die selbst keinen besonderen, festgelegten und bestimmten Grund hat.

Geeignet wäre daher ein Dispositiv, bei dem sich jeder überall für jeden zu jeder Zeit grundlos, nutzlos und zwecklos ansprechbar macht. Ich nenne dieses Dispositiv: Twitter. Twitter ermöglicht Kommunikation zwischen Unbekannten, die für einander auch dann gänzlich unbekannt bleiben können, wenn die Kommunikation erwartbar, erfolgreich und folgenreich abläuft.

Die Entwicklung einer Weltsprache wäre ein Problem, für das Twitterkommunikation eine geeignete Lösung wäre. Denn die Nutzung von Twitter ist reine Spinnerei, von der niemand überzeugt sein muss, damit sie gelingt.

Auf diese Weise kann auch eine Weltsprache entstehen.

Fortsetzung

Werbung

Eine Weltsprache – eine Fremdsprache für alle 1

Die Idee von Esperanto ist, eine Weltsprache zu benutzen, die für alle, die sie lernen und benutzen, eine Fremdsprache ist. Das ist keine schlechte Idee. Die Sprache hat aber seit ihrer Erfindung kaum nennenswerte Erfolge erzielt. Denn eine Sprache zu erfinden, ist nicht sehr schwer; sie kommunikabel zu machen aber sehr wohl. Und zwar deshalb, weil kaum einer bereit ist eine Sprache zu lernen, die kaum einer spricht. Und nur weil andere auch die Bereitschaft zeigen, Esperanto zu lernen, reicht das als Grund nicht aus. Denn worüber sollte man reden, wenn nicht bloß auf Esperanto über Esperanto? Ein Gespräch, egal in welcher Sprache, ist auf sehr viel mehr Voraussetzungen angewiesen als nur ein passendes Gesprächsthema. Das gilt erst recht, wenn es um eine Sprache für alle geht. In dem Fall muss sie auch für alle kommunikabel sein. Aber die Kommunikabilität einer Sprache entsteht durch ihren Gebrauch. Gebraucht werden kann sie allerdings nicht, wenn man mit kaum jemanden über kaum etwas reden kann.

Eine Weltsprache kann also durch Planung und Vermittlung nur einen sehr geringen Teil der Weltbevölkerung erreichen. Daran kann man erkennen was Sprache leistet: sie muss die Voraussetzungen ihrer Kommunikabilität selbst durch ihren Gebrauch kommunikabel machen. Das erklärt, warum Sprachen eine sehr lange Entwicklungszeit haben, warum sie in der Regel sehr kompliziert sind und warum es so viele gibt. Sprachliche Komplikationen entstehen, weil Kommunikation, wenn sie mit dem Sprachgebrauch zugleich das Gesprochene irritabel macht, ihre eigene Schwierigkeiten versprachlicht, weshalb Komplikationen Ablehnung wahrscheinlich machen, was zu sprachlicher Differenzierung führt. Diese Differenzierungsleistung kann nur durch Selbstorganisation, die keine Zeitnot kennt,  zustande kommen. Differenzierung kann aber nicht geplant und geregelt, nicht organisiert und durch Organisation vermittelt werden. Und für die massenmediale Verbreitung von Schriftsprache gilt das selbe wie für das Gespräch: wer soll das Lesen und warum?

Genau das musste mit Esperanto aber versucht werden, wenn man die Idee, eine Weltsprache zu erfinden, ernst nimmt. Entsprechend konnte sich Esperanto nur auf dem Weg der Persuasion verbreiten, und deshalb kann sie nicht die Ansprüche erfüllen, die sie stellt: eine Fremdsprache für alle zu sein.

Esperanto ist an ungeeigneten Bedingungen gescheitert. Aber was wäre, wenn in dem Augenblick, wo das Scheitern des Versuchs, eine Sprache für alle einzuführen, erkannt wird, zeitgleich erkennbar wird, dass die Bedingungen, durch die das Scheitern hervorgerufen wurde, hier: persuasive Kommunikation, ebenfalls scheitern?

Fortsetzung

%d Bloggern gefällt das: