Wahrheit und Ordnung. Über das Verbrechen der Philosophen

von Kusanowsky

Es wird bis heute in der Philosophie die Diskussion um die Probleme eines metaphysischen Realismus geführt, die sich um die Frage drehen, ob es eine objektive Realität außerhalb des Bewusstseins gibt. Die Frage stellt sich deshalb, weil es keinen erkenntnisunabhängigen Zugang zur Realität gibt, weshalb man berechtigterweise fragen kann, ob außer der Erkenntnis noch etwas anderes real ist.

Diese Diskussion wird inzwischen seit einigen hundert Jahren geführt, ohne, dass sich durch die Fortsetzung irgendwelche neuen Perspektiven ergeben. Stattdessen wird nach dem Durchlauf der Routine wieder ganz von vorne angefangen. Die aktuelle Routine firmiert unter dem Namen „Neuer Realismus“ und startet mit der blödsinnigen Behauptung, dass es die Realität wirklich gibt. Blödsinnig deshalb, weil man das auch bestreiten kann und weil sich infolge des Bestreitens  dieser Behauptung der Ablauf der Diskussion vorhersehbar ereignet. Die Diskussion gibt es also wiklich. Sie ist real. Die Behauptung, dass die Behauptung real ist, schließt ihre Negation ein und nicht aus.

Philosophen sind nun mit dieser Einsicht, die ihr Problem lösen könnte, nicht einverstanden. Warum? Genau! Es gäbe keinen Grund mehr, von vorne anzufangen. Und wie finden Philosophen einen Grund, diese Diskussion trotzdem fortzusetzen? Indem sie ein Verbrechen begehen, das darin besteht, die Wahrheit des Satzes, dass die Wahrheit des Satzes durch Zustimmung und Ablehnung real wird, zu vernichten, indem einfach gesagt wird, das dürfe gar nicht sein. Es sei also verboten, so könnte man das Verbrechen der Philosophen beschreiben, die Realität in ihrer doppelten Möglichkeit aufzufassen, nämlich als eine Ja- und eine Nein-Version, wobei sich beide Versionen gegenseitig zur Voraussetzung haben. Gerechtfertigt wird dieses Verbrechen einfach durch seinen Vollzug. Es sei ja in diesem Fall die Wahrheit ein beliebige, sagt der Philosoph, und sagt damit die Unwahrheit, denn die Diskussion um die Probleme des metaphysischen Realismus verläuft keineswegs sinnlos, sondern sehr zuverlässig, stabil und vorhersehbar nach einem nicht beliebigen Ordnungsmuster, das nicht bemerkbar wäre, wenn nicht beide Möglichkeiten gebraucht würden.

Das Verbrechen der Philosophen besteht also darin, Wahrheit zu vernichten, indem sie die Selbstanwendung ihrer Ergebnisse auf ihre Ergebnisse verweigern. Es ist in der Tat so, dass die Selbstanwendung keine eindeutige Wahrheit der Sätze zulässt, aber dies wiederum ist eindeutig wahr, wobei es gerade diese Paradoxie ist, die die Ordnungsfindung steuert. Denn gerade die Paradoxie, auch dort, wo sie als Tautologie auftaucht, erweitert nicht den Raum für Anschlussmöglichkeiten sondern verengt ihn, verknappt Sinnfindungsschancen, reduziert Komplexität und sorgt so dafür, dass Ordnung entsteht. Denn gerade weil die Selbstanwendung ein großes Potenzial frei gibt, macht sie das allermeiste fraglich und wenig wahrscheinlich.

Aus diesem Grunde gibt es keinen Grund, größere Erwartungen an Wahrheit zu richten, weil sich Wahrheit sehr zuverlässig aus Ordnung ergibt. Das erklärt auch, warum Philosophen so unbeirrt Wahrheit vernichten. Die Ordnung, die ihnen das ermöglicht, ist sehr stabil und liefert ihnen sehr viele Sicherheiten, dazu zählt auch die Sicherheit, jeden als Schwätzer zu denunzieren, der sich an der Verdeckung und Vertuschung ihres Verbrechens nicht beteiligt.

Aber auch diese Denunziation ist, wie dieser ganze metaphysische Realismus allgemein, ärgerlich zuweilen, aber größtenteils harmlos.