Über einander informiert sein #kzu
von Kusanowsky
Martin Hähnel (@openmedi) hat hier irgendetwas zum Thema Kommunikation zwischen Unbekannten (#kzu) geschrieben und hat – so kommt es mir vor – keinen Grund gefunden, sich über irgendetwas zu wundern; eine Einschätzung, die mich wiederum nicht verwundert, weil es ganz leicht ist dafür zu sorgen, dass die Zusammenhänge vertraut, normal und darum wiedererkennenbar bleiben: Kommunikation entsteht durch sinnbestimmtes Handeln, dem empirisch zurechenbare Gründe, Motive, Ideen oder Absichten vorausgehen, die durch Kommunikation ihre soziale Realität und damit ihre bewertbare und kritisierbare Bedeutung gewinnen. Gesellschaft ist demzufolge die Versammlung handelnder Akteure; und wo erkennbar wird, dass keine Versammlung stattfindet, aber Kommunikation trotzdem geschieht, ist sie mindestens das Geschäft von Akteuren, die sich für den Bestand von Gesellschaft durch Technikgebrauch sorgenvoll engagieren.
Das ist, wenn auch sehr verkürzt, die parasoziologische Vorannahme, die sich aufgrund ihrer inzwischen sehr trivial gewordenen Kommunikabilität jedes Scheitern, das genauso einfach festzustellen ist, jederzeit leisten kann, hat sich doch die moderne Gesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung ein hübsches Geschenk erarbeitet, nämlich das Recht auf Indifferenz, aka Kritik, der die Bedingung ihrer Möglichkeit schnurzegal sein kann. Denn: es ist ja alles subjektiv. Ende Gelände.
Das schöne an dem Text von @openmedi ist, dass man ihn nicht mehr kritisieren braucht und zwar deshalb nicht, weil man beim Lesen des Textes die Gründe für jede Kritik verliert. Was soll man dazu noch sagen? Wenn es nicht darauf ankommt, irgendwas zu sagen? Denn irgendetwas kann man immer sagen, egal worum es geht. Und weil diese Frage in dem Fall kaum zu beantworten ist, denn es geht ja nicht um irgendetwas, sondern um etwas sehr Bestimmtes und Konkretes, belässt man es einfach dabei und wechselt zum Thema, um das es in diesem Fall tatsächlich geht: #kzu
Kultur könnten wir definieren als die Art und Weise wie Menschen über einander informiert sind, auch dann, wenn sie sich nicht kennen. Es geht dabei um das, was man voraussetzen kann, ohne wissen zu müssen, was genau das sei. Diesen Gedanken angewendet auf die moderne Gesellschaft lautet: moderne Menschen verhalten sich gegenüber ihnen unbekannten Menschen so, dass sie gar nicht zu wissen brauchen, wie sie über einander informiert sind. Das schließt ein, dass sie dies wiederum von einander relativ gut wissen können. Zeigen sich dann entsprechende Erfahrungsdefizite als Problem, liefert die Gesellschaft die, freilich nicht so einfach erlernbare, aber doch recht gut funktionierende Lösung, nämlich: durch entsprechende Kommunikation entwickelte Strukturen der Fortsetzung von Kommunikation zu nutzen, die diesen Strukturen entspricht. Wie immer das dann geschieht, ob durch Begegnung, Versammlung und Gespräch, durch Postversand und Telekommunikation oder durch massenmediale Verbreitung von Dokumenten aller Art, einschließlich aller damit verbunden Ängste und Hoffnungen, Freuden und Leiden, Hässlichkeiten und Beglückungen und den Folgen, die das alles hat.
Kommunikation zwischen Unbekannten ist offensichtlich eine sehr normale Sache, weil fleißig geübte Tätigkeit. Weshalb es logischerweise keinen Grund gibt, sich über irgendetwas zu wundern.
Die Welt ist normal und bleibt es auch.
Kommunikation – ein Begriff, der mir eigentlich zu stark verdünnt ist durch den hohen Abstraktionsgrad. Tausendfältige Erscheinungen, die darunter zu subsummieren sind – also sagen wir doch lieber: Konversation oder Gespräch. Und das ist ja per se das einzige Mittel, Bekanntschaft herzustellen.
Deshalb ist Kommunikation zwischen Leuten, die sich bislang nicht persönlich kannten, nur dann ein Problem, wenn einer der sich Begegnenden böswillig ist, Vorurteile hegt, ängstlich ist oder dergleichen. Da soll ja vorkommen, z.B. vermehrt in Sachen.
Im Gespräch zwischen Unbekannten entsteht aber erst die Aufklärung. So führt man die Geburt der abendländischen Kultur in Athen auch darauf zurück, dass die Athener als Seehändler es bis nach Ägypten schafften, wo sie auf derartig Unbekannte trafen, dass sie mit Erzählungen, Fragen und Relativierungen zurückkamen.
Redet man mit Unbekannten, ist das ja oft ergiebiger als die inzüchtigen Gespräche im gedanklich synchronisierten Kollektiv. Das Dumpfe der idyllischen Provinz hängt mit dem Mangel an Kommunikation mit Unbekannten zusammen, wie umgekehrt das Gewimmel der Fremden in den Metropolen einen Reichtum an überraschenden Begegnungen ermöglicht, der kulturelle und industrielle Entwicklungen beschleunigt, belebt – insgesamt Kunst, Wirtschaft, Gesellschaft anregt. So ist die ganze Aufklärung ein Impuls, der durch Wahrnehmung von Unbekanntem und dann durch Austausch darüber mit Unbekannten initiiert wurde. Stellvertretend für die Begegnung von Mensch zu Mensch verteilten sich die Ideen und Beobachtungen per Buch in ganz Europa zwischen Menschen, die sich ansonsten völlig unbekannt waren, sogar verschiedene Sprachen hatten, mit den bekannten Wirkungen. Dann die Epoche der großen Reiseliteratur, das Lechzen nach Neuem. Seit jeher sind also „Erfahrungsdefizite“ bzw. Inkongruenzen in den Voraussetzungen zwar manchmal ein Problem gewesen, aber letztlich unterm Strich die Saat, die für Veränderung sorgt: Ohne Außenkontakte kein Fortschritt, jedenfalls nicht in sehr kleinen Populationen.
Über die Absonderlichkeiten von Kontaktmaschinen wie Twitter oder Facebook kann man sich natürlich wundern oder freuen, je nachdem, wie neugierig man auf Unbekanntes (sic!) ist. Will man aber anhand gerade dieser zwei Netze gleich über moderne Kommunikationsverhältnisse insgesamt sprechen, muss man schon den Kosmos der Gesprächswälder und Kommunikationsformen insgesamt hinzunehmen. Man sieht dann mE ziemlich unzweideutig, wie sich selbst neben und sogar durch diese x-fach multiplizierten chaotischen Zwitscher-Gespräche wieder – ganz wie anno 1650 – hoch vielfältige Use-Cases zeigen. Die Kommunikation zwischen Unbekannten ist ja die fruchtbarste Kommunikation überhaupt, sobald Unbekanntes ausgetauscht wird. Das geht heute von transkontinental (z.B. zwischen Codern), national z.B. zwischen Bauern in Thailand, transorganisatorisch zwischen Branchen-Insidern oder z.B. „transfunktional“, wenn die Berliner Polizei, dein unbekannter Freund und Helfer, Unbekanntes über ihre Arbeit in die Gesellschaft funkt.
Das Problem ist und war für mich nie die Kommunikation zwischen Unbekannten (warum sich wohl die Pegidisten so dagegen sperren, mit anderen Milieus in Kontakt zu treten?), sondern zwischen Bekannten, weil sich um deren Gespräche schnell die Gewohnheiten wie Spinnenweben ranken. Ein großes Problem in Ehen und Parlamenten, in Unternehmen und vertrottelten Lehrerkollegien etc. Wer es vorzieht, seinen Leben lang im eigenen Saft zu schmoren, der wird mit 80 die zweifelhafte Freude haben, zu sagen: „Ich bin noch heute der gleichen Ansicht wie mit 20 Jahren …“
Kurzum: Ich weiß gar nicht, wovon du redest, wenn du Erfahrungsdefizite ein Problem nennst. Das kommt mir akademisch vor, im Sinne von abgeschotteten Milieus, wo man erst einmal 199 Bücher gelesen und alle Proseminare absolviert haben soll, bevor man an die intellektuellen Fleischtöpfe darf. In solchen Umfelder von Curricula kann das ja sinnvoll sein, ansonsten führt Abschottung und Überbetonen von Voraussetzungen, die doch bitte erfüllt sein sollten, früher oder später immer in eine gewisse Kleingeistigkeit, Engstirnigkeit, in den Stillstand. Wer geistig gut beieinander ist, sehnt und lechzt sich nach Unbekanntem, vagabundiert in Nachbarfeldern herum. Immer ein gutes Zeichen für Intelligenz: Wie sehr sich Unbekannte gegenseitig ausfragen. Das gelungene Gespräch kann ich mir kaum anders vorstellen als den Austausch vom Unbekanntem und das gemeinsame Explorieren des Unbekannten. Gespräche unter Bekannten? Das sind nette Gespräche, die das psychische Gesprächsbedürfnis nach Vertrautheit bedienen, aber selten einen Gesprächsbedarf. Viel zu viele Menschen bleiben aber leider auch auf Twitter und Facebook im Bekannten stecken, und von FB wird das Bedürfnis nach Borniertheit sogar so erkannt, dass es algorithmisch geschützt wird.
Man kann sich doch gar nicht oft genug mit Unbekannten unterhalten… das ist der Kommunikation vornehmster Sinn.
Kleine Lese-Ergänzung: „How have decades of mass media and technology changed us?“ https://goo.gl/kdJyOr
Der „Beweis“ beweist etwas, man weiß noch nicht genau was. Interessant ist der Artikel sowieso nur wegen der Facetten, die hier für das Thema Kommunikation unter Bekannten vs. Unbekannten sichtbar werden. Die Dialektik scheint die zu sein, dass die Leute einerseits die „incoming links“ lieben, andererseits weiterhin die Vertrautheit favorisieren („Hier kennt jeder jeden“), die es logischerweise nur bei Gesprächen mit Bekannten gibt. Bekanntheit bietet ja auch Schutz (Schutzeffekte gibt es auch im Web, wenn z.B. auf einmal Spendenkampagen für krankenkassenlose Twitterer OPs bezahlen, eine seltsame Form von viraler Bekanntheit).
Dabei verschiebt sich durch gewisse Homogenisierungseffekte, die es schon früher stark durch Film, TV und Popmusik gab (auch ein Thema, das in dem Stück gestreift wird), die Schwelle zwischen „unbekannt“ und „bekannt“. Das heißt: Wenn jeder Mensch für einen anderen Menschen gleichzeitig aus Bekanntem (z.B. Sprache, Einstellungen) und Unbekanntem zugleich besteht, dann vergrößert sich durch das Web der Bestand an „geht mir genauso/finde ich auch/kann ich verstehen“ und damit an Bekanntem, so wie jede Begegnung Bekanntheit erweitert, und sei es nur, dass aus „unknown unknowns“ „known unknowns“ werden.
However, die – buchstäbliche – Feldstudie nährt zumindest den ohnehin naheliegenden Verdacht einer Zunahme der ortsunabhängigen Synchronisation über die Ausweitung von Gemeinsamkeiten in der Medienerfahrung.