Biologische, soziologische Tatsachen? #gender #biologismus #soziologismus #machtkampf

von Kusanowsky

Hier ein Interview mit dem Biologen Ulrich Kutschera zum Thema Gender-Mainstreaming. In dem Gespräch verteidigt der Biologe die Wahrheiten der Biologie in Sachen Geschlechtlichkeit als geprüftes Wissen, als Fakten, als biologische Tatsachen, als wissenschaftliche Forschungsergebnisse, die sich von der Genderforschung bedroht sehen, welche angeblich – dem Kreationismus ähnlich – von den natürlichen Entwicklungen und Gegebenheiten nichts wissen will und stattdessen glaubhaft machen möchte, Geschlechtlichkeit sei durch gesellschaftliche Realität hergestellt und sei deshalb verfügbar und damit durch Erkennbarkeit, Wissbarkeit und Handlung veränderbar.

Was man in diesem Interview feststellen kann ist, dass hier ein Biologismus eine Konkurrenzposition zu einem Soziologismus sucht und damit wie dieser in die gleiche Falle läuft. Denn tatsächlich ist der Soziologismus, der von der Annahme ausgeht, dass, sei Geschlechtlichkeit eine gesellschaftliche Konstruktion, sie durch gesellschaftliche Verhältnisse veränderbar sei, eine extreme soziologistische Banalisierung, die ich darauf zurückführen würde, dass diese Art von Wissenschaft für ein Verstehen von Gesellschaft nur parasoziologische Begrifflichkeiten verwendet. Der wichtigste parasoziologische Begriff bezieht sich auf Handlung als diejenige Operation, durch die soziale Realität gestiftet würde. Handlung sei, so könnte man die parasoziologische Position formulieren, in der Kontingenz der Gesellschaft eingelassen (was plausibel ist) und habe deshalb die Fähigkeit, sich durch Forschung eine Souveränität zu erarbeiten (was empirisch nicht stimmt), durch welche die Verfügung über Geschlechtlichkeit gesellschaftlich herstellbar wäre, was letztlich heißt: die Verfügung über Geselllschaftlichkeit ist die Voraussetzung für die Verfügung über Geschlechtlichkeit. Das ist ein primitiver Soziologismus oder, wie ich sagen würde, eine Parasoziologie, die lediglich die Kontingenz jeder Handlung als Rechtfertigungsproblem sieht und nicht die Frage nach der Bedinung ihrer Möglichkeit, also nach Gesellschaft stellen kann. Für eine Parasoziologie ist Gesellschaft als objektive Realität eine Versammlung und ein Geschäft handelnder Menschen.

Es fällt nun auf, dass der Biologismus die gleichen parasoziologischen Vorannahmen teilt. Denn in beiden Positionen wird ein Subjekt/Objekt-Dualismus angenommen, der wahlweise Sozialität oder Natur als objektive Realität setzt und dann diese Unterscheidung von Subjekt und Objekt auf einer von beiden Seiten wieder eintreten lässt, zuzüglich aller sich daraus ergebenden Konsequenzen, die sich an den Rändern der Kontingenz zeigen, wenn so beoachtet wird. Für den Biologismus ist die Subjekt/Objekt-Unterscheidung natürlich, für den Soziologismus ist sie sozial und in beiden Fällen greift nun die Beobachtung eines Determinismus. Der Biologismus sieht sich durch eine unverfügbare, also eine natürliche, der Soziologismus sieht sich durch eine verfügbare, also soziale Realität determiniert und in beiden Fällen wird nun Widerstand beobachtbar, der sich um die Frage dreht, mit welchem Recht so oder so argumentiert wird. Und da keine wissenschaftlichen Forschungsmethoden gibt, keine biologischen und keine soziologischen, die diesen wissenschaftlichen Rechtsstreit klären könnten, bleibt beiden Seiten nur übrig, einen Machtkampf zu führen.

Daraus ergibt sich: sozial geht es nur um einen Machtkampf, der sich Symbole der Aushandelbarkeit sucht. Das Symbol hier ist Geschlechtlichkeit. Der Streit sucht die Klärung wissenschaftlicher Fragen, die mit wissenschaftlichen Methoden nicht einwandfrei beantwortet werden können, durch Meinungskampf innerhalb von universitären Organisationszwängen.
Und es zeigt sich: die sozialen Verhältnisse – hier diejenigen an den Universitäten – sind für die Handelnden weder auf natürliche Weise unverfügbar, denn der Biologe handelt ja, sucht einen Machtkampf, verfügt entsprechend über geeignete Mittel, um ihn zu führen, noch sind die Verhältnisse auf soziale Weise einfach verfügbar, denn der Soziologe handelt ja ebenfalls und müsste keinen Machtkampf führen, wenn die Verfübarkeit über soziale Realität hergestellt wäre.

Eine Wissenschaft ohne Organisationszwänge hätte solchen Probleme nicht.

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