Die Kritik geht immer weiter @sowistammtisch
von Kusanowsky
Klaus Kusanowsky hat beim Sowi-Stammtisch die These vertreten, dass Kritik trivial geworden sei, weil ihre Zugangsbarrieren in modernen Gesellschaft unter den Bedingungen von Social Media vollständig abgebaut sind. Mit Meinungs- und Redefreiheit, schrankenloser Autorenschaft und der Allgegenwart der Jeder-mit Jedem-zu jeder Zeit-Kommunikation, würde Kritik folgenlos. …
Meine These lautet, dass die Trivialisierung von Kritik darin besteht, dass Internet und Social Media die Zugangsbarrieren zu Kritik erleichtern und gleichzeitig die Möglichkeit von fundierter Kritik strukturell erschweren. (Link)
Die Kritik geht also weiter, aber jetzt mit dem Unterschied zwischen trivialer Kritik und fundierter Kritik: Kritik für die Masse oder für das Volk, Kritik für die niederen Ränge auf der einen Seite und Kritik für die Wenigen auf der anderen Seite, also Kritik für die, die es sich leisten können, gründlicher nachzudenken, Kritik für die Elite der Reflexion, für die gehobenen Kreise der Gesellschaft? Fundierte Kritik ist schwerer geworden?
Man bemerkt eine „Ja, aber“-Verschiebung, um ein bekanntes und altes Muster zu retten, ein Muster der Rechtfertigung von Distinktionsgrenzen. Volk oder Masse hier, die Elite da; die Unterschicht hier, die Oberschicht dort; die große Menge der Unaufgeklärten hier, die wählerische Intelligenz dort; die Schlechtinformierten hier, die Gutinformierten dort.
Ich stelle zufrieden fest: Es bleibt alles beim Alten. Die Kritik geht immer weiter. Der Kritiker bleibt Richter in eigener Sache und entscheidet wie immer zu seinem Vorteil.
Mal im Ernst: wie fundiert ist das denn?
Kritik ist folgenlos geworden. Kann das sein? Denn man könnte ja einwenden, dass Kritik sehr wohl Folgen hat, die irgendeine Bedeutung haben. Daran besteht tatsächlich gar kein Zweifel. Äußert jemand Kritik, dann könnte die Folge sein, dass ein anderer beleidigt, wieder ein anderer belustigt, der nächste empört ist und der letzte könnte ganz anderer oder genau gleicher Meinung sein. Das stimmt. Irgendetwas ist immer von Bedeutung, und sei es, dass jemand, der dazu berechtigt ist, sich an die Nase fasst oder pinkeln geht. Und sollte jemand dazu nicht berechtigt sein und dies trotzdem tun, gibt es immer noch keinen Grund zur Panik. Weil man auch in solchen Fällen immer noch sehr gut wissen kann, was dann passieren könnte.
Kritik wäre aber erst dann als folgenreich relevant, wenn das nicht der Fall wäre. Denn es ist die Unvorhersehbarkeit von Folgen, welche die Reflexivität steigert. Dadurch wurde Kritik in der Vergangenheit bedeutsam und folgerichtig verliert sie in der Gegenwart ihre Kompetenz zur Reflexivitätssteigerung, weil mit dem gesellschaftlichen Selbsterfahrungsprozess transzendentaler Subjektivität alle empirischen Voraussetzungen beinahe überall erfüllt sind, die in Anspruch genommen werden müssen, um Kritik und ihre Folgen zu reflektieren. Das Ergebnis ist ein trivialer Subjektvismus, der überall zu beobachten ist.
Es sei deshalb daran zu erinnern, dass Kritik nicht entstanden ist als Freizeitbeschäftigung von Wohlstandsbürgern, die gelangweilt vor Bildschirmen, vor Zeitungen, in Bibliotheken oder in Hörsälen sitzen und sich einbilden dürfen, über die Welt bestens informiert zu sein. Kritik war ihrem Herkommen nach der riskante Versuch, etwas zu verantworten, das empirisch nicht so einfach überprüfbar, kontrollierbar und darum wenig verlässlich war, nämlich: Menschenmeinung . Dass Menschen durch ihr eigenes Vermögen verlässlich Urteilsfähigkeit sind oder diese Kompetenz erwerben können, ist eine der erstaunlichsten sozio-epistemologischen Leistungen der modernen Gesellschaft. Sie ist unter sehr unwahrscheinlichen und schwierigen Bedingung entstanden und hat im Vollzug ihrer gesellschaftlichen Ausdifferenzierung die Erfahungsvoraussetzungen des Gelingens von Kritik in ihr Gegenteil verkehrt. Kritik gelingt nun wahrscheinlich sehr schnell und hat erbracht, dass beinahe alle Folgen vorhersehbar sind. Das macht sie folgenlos, weil die Form ihrer Kommunikabilität trivial, also schwach geworden ist.
Wer in dieser Hinsicht anderer Meinung ist, hat keinen Grund sich zu wundern. Das ist die Falle, in die die Gesellschaft läuft: sie verschenkt ein Recht auf Indifferenz, das überall gern entgegen genommen wird, auch in der Universität, auch in der Soziologie. Und wer keinen Grund hat sich zu wundern, hat auch keinen Grund zu lernen.