Differentia

Monat: März, 2016

Innovation: Optimierung der Störung

Der Troll als Ordnungshüter 2, Auszug:

„Wir haben es gegenwärtig mit einem großen Durcheinander zu tun, das dadurch zustande kommt, dass die AGBs der Gesellschaft nicht mehr auf gewohnte Weise funktionieren. … Niemand hat das Internet bestellt oder gekauft, niemand hat es gerufen oder geplant und organisiert. Das Internet ist überflüssig. Und gerade das ist das Besonderes daran. Gerade weil es überflüssig ist, kann es innovativ wirken. Denn es gibt keine besonderen Zwecke, zu deren Erreichung das Internet ein geeignetes Mittel wäre.
Denn alle Zwecke, die man mit dem Internet erreichen kann, sind nichts Besonderes, sondern waren schon bekannt, noch bevor das Internet in Gebrauch kam. Waren und Tickets kaufen, Geld überweisen, Texte, Bilder und Musik verbreiten, Filme aussuchen und anschauen, Leute kennen lernen, telefonieren, Briefe schreiben und Navigation. All das ist nichts besonderes, sondern wird durch das Internet nur optimiert. Optimierung heißt, dass all das vereinfacht, beschleunigt und kostengünstiger wird. Aber mit dieser Optimierung wurde zugleich auch alles andere optimiert, das wir durch Massenmedien immer schon kannten, nämlich auch die massenmediale Störkommunikation. Auch die wurde durch das Internet optimiert. Aber nicht nur die Störung, sondern auch das Informationschaos, die Produktion von Verwirrung und Durcheinander, die ganzen Widersprüche der Gesellschaft werden mit dem Internet ebenfalls optimiert.
Genau das wird auch auch festgestellt, wenn gesagt wird, dass diese Trolle nur Quatsch verbreiten. Ja, sie tun das, was Journalisten bisher schon immer getan haben, aber bislang nur suboptimal. Jetzt allerdings: super optimal, denn jetzt ist die Publizität nicht nur die Sache einer bestimmten Berufsgruppe von wenigen Publizisten. Jetzt ist jeder Mensch ein Publizist. Und es ist gerade diese Optimierungsleistung, die als Verstoß gegen die AGBs der Gesellschaft auffällt.
Niemand kann das verhindern und niemand kann garantieren, dass alles so bleibt wie es ist.“

(Der ganze Text)

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Laberfächer

Das wusste unser Lehrer aber besser
Computer sollten nur mitdenken – höchstens. Die Theoriebildung darf man ihnen auf keinen Fall überlassen. Doch eine vom Datennebel schon ganz benommene Wissenschaft ist drauf und dran, die Tugend des Nachdenkens zu verlernen

Dieser FAZ-Artikel enthält eine sehr ausführlich formulierte Beschwerde darüber, dass die Wissenschaft angeblich zur Laberei degeneriert sei, geschrieben im Stil und Jargon eines hinreichend bekannten kulturkritischen Pessimismus, der sich an bessere Zeiten erinnert, als die Welt noch in Ordnung war, als Wissenschaftler noch richtige Wissenschaftler waren und noch ehrlich und aufrichtig darüber nachgedacht haben, was die Welt im Innersten zusammen hält.
Irgendwelche Märchengeschichten beginnen ungefähr so: „Früher als das Wünschen noch geholfen hatte …“ Man sollte sich also wieder der alten Zeiten erinnern, als Cincinnatus – der Inbegriff römischer Tugenden in den Zeiten einer im Verfall steckenden römischen Republik – noch mit rechtschaffendem Mut die Diktatur ergriff, seine Feinde besiegte und danach den Römern die Republik zurück gab. Ein Held für kleine Kinder.

Ich schlage eine andere Betrachtungsweise vor, die lautet: Diese Laberei, die man gewiss beobachten kann, ist keineswegs ein Zeichen des Verfalls. Sondern die Feststellung des Verfalls ist ein Zeichen für die Anfangsfindungsschwierigkeiten, die sich ergeben, wenn sich etwas Neues anmeldet. Über etwas Neues, das nicht ganz dem entspricht, das man schon kennt, kann man nicht so einfach etwas Neues sagen. Wenn aber das Sprechen, Schreiben und Publizieren selbst keinerlei Schwierigkeiten bereitet, dann ist diese Laberei gar kein Zeichen des Verfalls, sondern es ist das Stammeln und Stottern eines Kindes, das noch nicht wissen kann, womit es in Zukunft zu tun bekommt.
Diese Laberei wäre also ein fruchtbarer Kompost, auf dem etwas Neues gedeihen kann. Dass man sie aber auch als ein Zeichen des Verfalls auffassen kann, ist dann kein Irrtum. Vielmehr heißt das nur, dass dieser Tempel der Wissenschaft abgebrannt ist und der FAZ-Kolummnist ist der ehrenwerte Verwalter einer heiligen Asche.

Fazit: es wird immer noch zu wenig dummes Zeug in der Wissenschaft gelabert. Wen das stört, sollte das Gesabbel steigern. Und wen das wiederum stört, der kann mit seiner Beschwerde darüber das Gesabbel nur steigern

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