Differentia

Monat: März, 2016

Technik ist Spielzeug, nicht Werkzeug

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Auszug aus: Mein Hund und sein Postbote

Für das Spielen gilt für den Fall der Nichtbeteiligung: Wenn du irgendwo nicht mitspielst, dann hat das keine unerwünschten Sanktionen zur Folge. Du hast das Recht, nicht zu spielen. Du kannst es genauso gut auch lassen. Wenn du aber mitspielst, dann unterliegst du einer ganz scharfen und strengen, einer unerbittlichen und gnadenlosen Verhaltenskontrolle. Diese Verhaltenskontrolle ist so streng, so hart und so unnachgiebig, dass du eigentlich fast gar keine Chance mehr hast, dich ihr zu entziehen. Das Spielen erzeugt die härtesten Sanktionen, die wir so kennen. Das hängt damit zusammen, dass die Voraussetzungen für die Bildung von Erwartungen beim Spiel nicht an Notwendigkeiten orientiert sind, sondern allein an der Möglichkeit, dass es geschieht, aber nicht geschehen muss. …

Aus Spielsituationen kennen wir alle so etwas. Es wird ganz streng geurteilt, wenn einer schummelt, wenn einer sich als schlechter Verlierer zeigt. Das alles geschieht ohne Absprache, ohne eindeutige Kriterien, ohne Regisseur, ohne Aufpasser, ohne letzte Richterinstanz. Und daher kommt es nicht selten vor, dass man sich beim Spiel aufregt. Der Grund für die Erregung ist nämlich, dass es nur ein Spiel ist und weil es nur ein Spiel ist, kann sich die Erregung hemmungslos zeigen, weil nämlich auch die Erregung noch in eine Erwartungsregel eingelassen ist. So kann die Erregung mit einer Gegenerregung sanktioniert werden. Kommt es zu einem Streit, so kann man sich dem nicht mehr so einfach entziehen, man braucht sich dann auch dem Streit gar nicht entziehen, weil durch eine strenge Verhaltenskontrolle immer erkennbar bleibt, ob der Streit noch zum Spiel gehört oder nicht. Deshalb kann man beim Spiel durchaus mal die Sau raus lassen, weil das alles ganz streng kontrolliert geschieht.

(Der ganze Text)

Damit wäre kurz angedeutet, was Technik leistet, wenn man erkennt, dass Technik Spielzeug, nicht Werkzeug ist. Technik macht auf die Kontingenz des Handelns aufmerksam, die gleichwohl Notwendigkeiten nach sich zieht und damit immer auch unvorhersehbare Folgeprobleme zeitigt. Das schließt zweckrationales Handeln ein, aber Zweckrationalität ist keine voraussetzungslose Handlungsoption. Was für die Mittel gilt, gilt auch die Zwecke des Handelns: beides sind soziale Erfahrungsresultate. Die Verwicklung in das gesellschaftliches Spielgeschehen macht sowohl Probleme wie Lösungen erfahrbar. Und die Verwicklung geschieht, anders als ein Materialismus behauptet, nicht mit Notwendigkeit und, anders als ein Idealismus behauptet, auch nicht freiwillig.

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Etwas Neues ist nichts Neues @professorbunsen

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Auszug aus: Warum Interneterklärer das Internet nicht erklären können 2 (unveröffentlicht)

Wenn man sich mit dem befasst, was manche Interneterklärer zur Innovation des Internets zu sagen haben, dann stellt man fest, dass das Internet offensichtlich eine uralte Angelegenheit sein muss, über die sehr viel bekannt ist und über die man Dinge sagen kann, die auch schon früher über andere Dinge gesagt wurden.
Das erste, was auffällt ist, dass Medieninnovationen in den letzten 200 Jahren sehr häufig vorgekommen sind, weshalb man annehmen kann, dass auch das Internet nur eine gewöhnliche Innovation ist, wie alle anderen auch. Ich zähle mal auf:
Einführung von Tageszeitungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ungefähr zeitgleich mit den ersten Fotografien. Dann: Die Erfindung der Telegraphie, dann die Erfindung des Telefons, der Schallplatte, des Kinematographen, des Radios, des Fernsehens, dann natürlich die Erfindung des Computers und in der Folge das Internet. Es fällt auf, dass Medieninnovationen eigentlich nichts Neues sind, sondern immer wieder vorkommen. Medieninnovationen, Einführungen  neuer medialer Technologien der Kommunikation sind schon lange bekannt.
Das zweite, was auffällt ist, dass jede Einführung einer neuen Technologie einen Beitrag lieferte zur Steigerung der gesellschaftlichen Komplexität. Denn mit jeder weiteren Innovation sind vorhergehende Innovationen gar nicht abgeschafft worden. Vielmehr bestand der Prozess in einer ständigen Erweiterung dessen, was es immer schon gab: Die Tageszeitung hatte die Monatszeitschrift oder das Buch nicht abgeschafft, die Fotografie hat die Malerei nicht ersetzt, die Telegraphie hat das Briefeschreiben nicht überflüssig gemacht, das Telefon hat die persönliche Begegnung nicht vermieden, das Kino hat nicht das Theater ersetzt, die Schallplatte hat nicht das Live-Konzert abgeschafft und so weiter.
Das selbe gilt nun auch für Internet: Das Internet schafft überhaupt nichts ab, sondern erweitert nur alles Bekannte und Bestehende. Das heißt: außer der Tatsache, dass nun das Internet hinzukommt, kann man gegenwärtig erst mal nicht so einfach erkennen, dass sich irgendetwas grundlegend ändert: Das Internet ist etwas Neues, was allerdings nichts Neues ist.

Interessant dazu: Standardsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig Was in diesem Artikel nicht verstehbar gemacht wird ist, dass die Nutzlosigkeit der Neuerung das entscheidende Merkmal für eine innovative Wirkung ist. Das erklärt, weshalb der Verdacht der Nutzlosigkeit Ablehnung hervorruft. Aber das ist nur eine Seite der Sache. Denn Nutzlosigkeit kann auch Akzeptanz hervorrufen. Beides – Akzeptanz und Ablehnung – sind Manöver der gesellschaftlichen Erfahrungsbildung. Medieninnovationen sind Lösungen für noch unbekannte Probleme und nicht etwa zweckrationale Mittel der Wahl zur Lösung bekannter, aber ungewählter Probleme. So hätten das die Märchenerzähler des Rationalismus gern, dass Technik ein Werkzeug sei. Tatsächlich ist Technik ein Spielzeug, das nicht Probleme löst, sondern Behinderung schafft, deren Überwindung zu Erfahrungsbildung beiträgt.

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