Laberfächer
von Kusanowsky
Das wusste unser Lehrer aber besser
Computer sollten nur mitdenken – höchstens. Die Theoriebildung darf man ihnen auf keinen Fall überlassen. Doch eine vom Datennebel schon ganz benommene Wissenschaft ist drauf und dran, die Tugend des Nachdenkens zu verlernen
Dieser FAZ-Artikel enthält eine sehr ausführlich formulierte Beschwerde darüber, dass die Wissenschaft angeblich zur Laberei degeneriert sei, geschrieben im Stil und Jargon eines hinreichend bekannten kulturkritischen Pessimismus, der sich an bessere Zeiten erinnert, als die Welt noch in Ordnung war, als Wissenschaftler noch richtige Wissenschaftler waren und noch ehrlich und aufrichtig darüber nachgedacht haben, was die Welt im Innersten zusammen hält.
Irgendwelche Märchengeschichten beginnen ungefähr so: „Früher als das Wünschen noch geholfen hatte …“ Man sollte sich also wieder der alten Zeiten erinnern, als Cincinnatus – der Inbegriff römischer Tugenden in den Zeiten einer im Verfall steckenden römischen Republik – noch mit rechtschaffendem Mut die Diktatur ergriff, seine Feinde besiegte und danach den Römern die Republik zurück gab. Ein Held für kleine Kinder.
Ich schlage eine andere Betrachtungsweise vor, die lautet: Diese Laberei, die man gewiss beobachten kann, ist keineswegs ein Zeichen des Verfalls. Sondern die Feststellung des Verfalls ist ein Zeichen für die Anfangsfindungsschwierigkeiten, die sich ergeben, wenn sich etwas Neues anmeldet. Über etwas Neues, das nicht ganz dem entspricht, das man schon kennt, kann man nicht so einfach etwas Neues sagen. Wenn aber das Sprechen, Schreiben und Publizieren selbst keinerlei Schwierigkeiten bereitet, dann ist diese Laberei gar kein Zeichen des Verfalls, sondern es ist das Stammeln und Stottern eines Kindes, das noch nicht wissen kann, womit es in Zukunft zu tun bekommt.
Diese Laberei wäre also ein fruchtbarer Kompost, auf dem etwas Neues gedeihen kann. Dass man sie aber auch als ein Zeichen des Verfalls auffassen kann, ist dann kein Irrtum. Vielmehr heißt das nur, dass dieser Tempel der Wissenschaft abgebrannt ist und der FAZ-Kolummnist ist der ehrenwerte Verwalter einer heiligen Asche.
Fazit: es wird immer noch zu wenig dummes Zeug in der Wissenschaft gelabert. Wen das stört, sollte das Gesabbel steigern. Und wen das wiederum stört, der kann mit seiner Beschwerde darüber das Gesabbel nur steigern
Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Freundlichkeit? Intellektuelle Tugenden auf dem Rückzug
http://philoblog.de/2016/05/17/bescheidenheit-rucksichtnahme-freundlichkeit-intellektuelle-tugenden-auf-dem-ruckzug/
Es geht in diesem Text um eine gute alte Zeit, als an den Universitäten die Welt noch in Ordnung war. Wann war das? Im wilhelminischen Obrigkeitsstaat? Zur Zeit einer nationalistischen Gesinnung? Als Juden aus den Universitäten heraus gemobbt wurden? Als man Frauen den Zugang verweigerte? Zur Zeit des Leninismus und Stalinismus? Zur Zeit der Studentenunruhen an den Universitäten? Zur Zeit der Vertuschung von Verbrechen?
Die gute alte Zeit, von der dort die Rede ist, ist nur eine paranoische Fiktion, eine literarische Spielerei, die sich aus einer feudalen Ordnung, aus einer Zeit, die keiner kennt, bis in die Gegenwart gerettet hat. Und sie wird kultiviert als der Normalfall, der in den Erscheinungen der Moderne nur eine Kette von Ausnahmen verwirklicht hat?
Dieses Akademikertum ist sehr kompetent darin, sich selbst ein Jodeldiplom auszustellen. Ansonsten lässt es sich die Welt egal sein.