Differentia

Monat: Januar, 2016

Schutzschilde herunterfahren!

 

Das Internet ist eine große Freischaltung, mit der nicht nur das Papier abgeschafft wird, das kostenaufwändig nach Maßgabe industrieller Arbeitsteilung bedruckt und an Empfänger verteilt werden musste, um irgendeinen Informationszusammenhang zwischen einem Schreiber und einem Leser herzustellen. Mit der Abschaffung des Papiers wird zugleich auch der Papierkorb abgeschafft, in welchen die Leserbriefe ehedem gewandert waren, die niemand abdrucken, kaufen, verteilen und lesen wollte. Mit dieser Freischaltung wird (nicht nur) das massenmediale Immunsystem an einer entscheidenden Stelle enorm geschwächt.

Was bewirkt ein soziales Immunsystem? Es sorgt durch eigenständig reproduzierte Sanktionierung von Regelverletzung dafür, dass die Behandlung jeder Regelverletzung nach der selben Struktur erfolgt wie jene Regel, die diese Regelverletzung beobachtbar macht und kommuniziert. Das heißt: eine jede Regelverletzung zerstört, behindert oder beeinträchtigt das System gar nicht, sondern sorgt nach mehrmaligem Durchlauf für die Herstellung einer immer besseren Stabilität.
Neben der gesellschaftlichen Garantie eines solchen Immunsystems, das sich als Funktionssystem des Rechts ausbildet, produziert jedes andere System seine eigene Immunabwehr. Die Immunabwehr dient dem Strukturschutz, welcher umso besser gelingt, je wahrscheinlicher es wird, jede Regelverletzung nach dem Muster ihrer Herstellung regelhaft zu behandeln.

Der typische Fall für die Massenmedien ist der Skandal. Skandale sind das, was Massenmedien brauchen wie der Junkie seine regelmäßige Dosis. Skandale sind etwas, das Massenmedien ständig herstellen und kommunizieren müssen, um ihre Immunabwehr auf eine Spitzenleistung zu trainieren.
Der Prototyp eines jeden massenmedial benutzbaren Skandals ist die Täuschung, die Manipulation. Die Skandalisierung von Manipulation wird gebraucht, um die durch nichts anderes glaubhaft zu machende Behauptung beständig zu erhärten, dass Journalisten objektiv, realitätsnah, wahrheitsgemäß, unabhängig, unparteisch oder authentisch für ein Publikum berichten, welches diesen Massenmedien nur dann vertrauen kann, wenn es gelingt, das Vertrauen ständig zu erschüttern und die Erschütterung dieses Vertrauens an die Wiederholung des schon bekannten Versprechens zu binden. Denn: wird Manipulation aufgedeckt, dann erkennt man angeblich was dahinter steckt, die angebliche Wahrheit, die Absicht der Manipulation. Dass aber die Aufdeckung der Manipulation genauso funktioniert wie die Manipulation selbst, dass also auch die Aufdeckung auf keiner anderen Struktur beruht als diejenige, die die Manipulation bewirkt, kann durch ein Immunsystem der ständigen Skanadalisierung enorm gut verdeckt werden.
Das System empört sich ständig über sich selbst und reproduziert sich auf diese Weise. Die massenmediale Kommunikation leistet eine beständige Aufdeckung und Verdeckung der Struktur: Aufdeckung der Manipulation und Verdeckung der Struktur, nämlich die, dass Manipulation durch das System selbst durch diese Aufdeckung hergestellt wird.
Dieses vorhersehbare und beinahe nicht zu unterlaufende Wechselspiel von Aufdeckung und Verdeckung ist das täglich ablaufende Geschäft massenmedialer Kommunkation. Es immunisiert sich beinahe vollständig, solange sich nur die Umwelt als geeignet erweist. Ein wichtiger Umweltfaktor ist ein ausgeschlossenes und unerreichbares Publikum, für das geschrieben, gedruckt und gesendet wird und welches keinerlei Möglichkeiten hat, einen Organisationsaufwand, welcher auch immer ein Kapitalaufwand ist, zu leisten, um sich eigenständig an diesem Geschäft zu beteiligen. Das Publikum kann sich nicht organisieren.

Was wir nun erleben ist, dass der Kapitalaufwand wegfällt, der gebraucht wurde, um ein geeignetes System/Umwelt-Verhältnis zu garantieren: Papier (also schweres Material, das energieaufwändig und damit teuer hergestellt, gedruckt und verbreitet wird) und Papierkorb werden abgeschafft und durch die Freischaltung einer jeden Meinung, die nun keiner bestellt, keiner beantragt, keiner verlangt oder genehmigt hat, ersetzt. Eine anderer Ausdruck dafür ist: Das Publikum wird nunmehr selbst publiziert, mit einem, schon seit vielen Jahren beobachtbaren Störeffekt für das Immunsystem, das ständig versucht die Struktur seiner Reprodzierbarkeit zu retten, aber dies unter Bedingungen, die nun völlig ungeeignet sind. Ergebnis: der Immunisierungseffekt, den Skandale bisher immer hatten, richtet sich nun gegen diese Struktur selbst, weil die Funktion der Reproduktion keine geeigneten Umweltbedingungen mehr hat.

Der Versuch, eine eigene Gerichtsbarkeit innerhalb eines sich selbst publizierenden Publikums vorzuschlagen, heißt einfach nur: die Schutzschilde unter Bedingungen stabil zu halten oder zu verstärken, unter denen es nun gar nicht mehr geht. Ergebnis: eine beobachtbare Indifferenz gegen die Bedingungen der Möglichkeit verlässlicher Kommunikation. Was du nicht lernen kannst oder willst, ist, dass es darauf ankäme, die Schutzschilde herunter zu fahren. Die Aufrechterhaltung des Schutzschildes, eine durch nichts erkennbare und durchsetzbare Verteidigung oder Verstärkung eines Schutzschildes ist der Weg der Selbstdestruktion. Diese Internettrollerei ist ein ziemlich große, eine ganze fantastische Autoimmunreaktion, die sich sich nun gegen das System der Massenmedien selbst richtet, weil Funktion zur Reproduktion der Abwehr ins Leere läuft, aber trotzdem weiter geht.

Was man nun bei Tilo Jung beobachten kann ist, dass dort etwas ganz Gegenteiliges geschieht. Dort wird erkennbar, dass die Reflexivität der massenmedialen Struktur sich auf das Herunterfahren eines Schutzschildes konzentriert. Tilo ist ein völlig harmloser Parasit, der gerade darum auffällig wird und anstößig wirkt, weil ohne oder ohne sehr starke Schutzschilde auskommt. Er probiert einen Journalismus, der sich daran übt, ohne Organisationsaufwand und den damit verbundenen Rücksichtnahmen auszukommen. Er kommt ohne Versprechungen auf Wahrheit, auf Unabhängigkeit, auf Objektivität, auf Authentizität, ohne Verprechung auf Produktqualitäten und Verantworung für seine Produkte aus. Er verzichtet auf Kapital, auf Karriere, auf Arbeitsteilung, auf Gremien, auf den ganzen Hokuspokus journalistischer Professionalität und spielt den Amateur, der daher kommt, ungerufen, selbstbeauftragt und stellt ein paar dumme Fragen. Er weiß nichts oder kaum etwas über sein Publikum, hat keine Marktforschung angestellt, er interessiert sich kein bißchen Seh- oder Lese- oder Hörgewohnheiten und stellt keinerlei Bedingungen an die Weiterverbreitung seiner Produkte. Er bestellt nichts, er verkauft nichts, er verspricht nichts – er lässt alles beiseite, was sich auf den sozialen Klimbim der Immuniserung beziehen könnte und setzt sich mit seinen Produkten einem jeden Internetroll zu gefälligen Beobachtung aus. Er verhält sich reflexiv zu der ganzen Rücksichtslosigkeit, durch die die Freischaltung möglich wird.
Seine Aggressivität besteht nur darin, dass er sein Verhalten nicht auf Immunisierung richtet, sondern darauf, dass er damit rechnen kann, dass alle anderen ihr Immunsierungsverhalten weiterhin verstärken. Seine Aggressivität ist nur die schutzlose Figur eines Journalisten, der diesem System vorführt, welche Selbstverständlichkeiten jetzt nicht mehr gelten.

Der Erfolg von Tilo ist beachtlich. Wie man diesen Erfolg auch immer sonst noch und differenzierter erklären könnte, eines gilt bestimmt: seine Stärke ist der Verzicht auf Stärke, Verzicht auf Abwehr, Verzicht auf Professionalitätsmagie. Und dagegen kann das hochgerüstete Immunsystem der Massenmedien schlicht nichts ausrichten. Es kann nicht lernen. Tilo kann aber beobachtbar machen, dass lernen möglich ist, wenn man die Schutzschilde fallen lässt.

Deshalb: Schutzschilder herunterfahren! Und lerne ohne diesen ganzen Klimbim die Kommunikation zu reflektieren. Wie das geht, weiß ich nicht. Man könnte ja lernen. Aber gewiss: ein Recht auf Indifferenz heißt immer auch: man muss eben nicht lernen.

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Verschwiegene Indifferentia

(Indifferentia, lat. – das, worauf es nicht ankommt; das, was man auch weglassen kann, was man nicht beachten muss, was keinen Unterschied macht. Das Nichtverschiedene. Das, worüber man nichts sagen kann, oder auch: etwas, das man bei Facebook löschen kann, ohne, dass es jemanden besonders interessiert)

Das Recht auf Indifferenz ist nirgendwo verbrieft oder kodifiziert, von niemand autorisiert, gefordert oder bestritten; es gibt kein geschriebenes Recht auf Indifferenz; keinen Kläger, der sich darum betrogen fühlt, keinen Verteidiger, der es bedroht sieht, keinen Richter, der zum Spruch in dieser Sache berufen wäre, keine Staatsgewalt, die das Recht auf Indifferenz exekutiert. Auch ist das Recht auf Indifferenz  nirgendwo knapp gegeben, unklar formuliert, undeutlich oder schwer zu verstehen oder kompliziert zu bekommen. Das Recht auf Indifferenz vollzieht sich jederzeit sofort, kostengünstig, unbestellt, unbeantragt, ungenehmigt, ungewollt und unverhindert und ist auf der ganzen Welt ziemlich genau gleich verteilt. Egal ist 88.

Ich empfehle sehr diesen Podcast zu hören. Dabei handelt es sich um ein Gespräch zwischen Christoph Kappes und Michael Seemann, die sehr nachdenklich, sehr engagiert und sehr differenziert über ein Problem reden, dass sie nichts angeht, nämlich: Das Verhalten des Unternehmens Facebook in Bezug auf Hasskommentare, die dort täglich veröffentlicht werden und die, aus welchem Grund auch immer, von irgendeinem Löschgremium innerhalb des Unternehmens an der Weiterverbreitung gehindert werden. Dass die beiden Gesprächspartner diese Sache persönlich nichts angeht, ergibt sich daraus, dass weder der eine, noch der andere in irgendeiner Weise daran gehindert wäre, Hasskommentare zu verbreiten, nämlich deshalb, weil sie sowas gar nicht tun. Sie haben kein eigenes Problem damit.
Umso verwunderlicher ist es, dass sie darüber reden, gleich so, als gäbe es in dieser Sache etwas zu retten, zu gewinnen, zu verteidigen; gleich so, als wären ihnen Chancen verbaut oder als könnten sich für beide Risiken ergeben, würden sie das Löschen von Hasskommentaren unkommentiert hinnehmen. Es ist ein engagiertes Gespräch in einer Sache, die nur andere etwas angeht. Wohl aus diesem Grunde haben sie es aufgezeichnet und der #kzu zur Kommunikation angeboten. Oder auch aus einen anderen Grund, aber egal: #kzu ist 88.
Aus diesem Grund bin ich auf dieses Gespräch aufmerksam geworden und aus diesem Grunde meldete sich bei mir ein mir fast unbekannter Soziologe zu Wort, der mich darüber informierte, dass dieses Gespräch sehr absonderlich ist und eigentlich etwas mit dem zu tun hat, was Gesellschaft ausmacht: das Merkwürdige, das Seltsame, das Nichtsoleichterklärbare, das Nichtsoleichterkennbare, das Nichtsoleichtverstehbare, das Absurde, das Fremde oder Fremdartige, das Nichtselbstverständliche, das Verwunderliche oder einfach nur: das Unwahrscheinliche – das Wunder der Welt, das einen Menschen leicht traumatisieren kann.

Man kapiert die Sache des Gesellschaftlichen nicht so leicht, weshalb ein weltfremder Soziologe auf die eigenartige Idee kommen könnte, eine Lösung zu nutzen, die die Gesellschaft für so ein Problem anbietet, nämlich die Kommunikation über die Kommunikation zur Fortsetzung anzubieten. Das hatte ich getan, indem ich per Twitter Michael Seemann und Christop Kappes fragte, ob wir im Anschluss daran einen weiteren Podcast machen könnten, weil ich ein paar Fragen zu dem Gespräch der beiden habe. Mein Antrag auf Differenz wurde von beiden genehmigt. Die Verabredung war: am Mittwoch, den 27. Januar ab 19.30 Uhr ein Skype-Gespräch mit Aufnahme. Das Gespräch hat stattgefunden, die Aufnahme wurde von Michael Seemann vorgenommen. Aber irgendein geheimes Löschgremium, das sich adhoc gründete, hatte spontan und rücksichtslos entschieden, die Aufnahme nicht zu veröffentlichen, weil das Gespräch, das eine gute Stunde gedauert und die Konzentration und die Geduld von allen Beteiligten für die Sache in Anspruch genommen hatte, als gegenstandslos, als irrelevant, als nicht weiterführend, als irgendwie komplett überflüssig erachtet wurde. Es habe nur Indifferentia erbracht.

Hab ich gelacht! Und ich weine immer noch und kann es gar nicht fasssen.

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