Das Lernen ist der unbekannte Gott @jenscmoeller @benbarks @latent_de @neurosophie

von Kusanowsky

Peter Sloterdijk schreibt in dem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ über die letzte verbliebene Notwehrmaßnahme des modernen Menschen (die Fußnoten wurden zur Kommentierung des Zitats von mir eingefügt und finden sich nicht im Originaltext wieder) :

„Gäbe es in der Kulturtheorie1 ein Pendant zu dem, was im katholischen Altaraufbau das Allerheiligste verkörpert, es könnte nichts anderes sein als dieser am weitesten heruntergekommene Begriff der Gegenwart: ‚Lernen‘.2 Im kommenden Jahrhundert sollte man ihn wie eine numinose Präsenz3 in einem Offenbarungszelt4 hüten. An seltenen Tag dürfte man ihn für einige Momente enthüllen.5 Ist nicht der Verdacht begründet, das Lernen sei der unbekannte Gott,6 von dem es seinerzeit in einer Anmerkung von seherischer Dunkelheit hieß, nur noch ein solcher könne uns retten7?“

Sloterdijk, Peter: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit.8 Frankfurt/Main 2014, S. 28/29.

1 Sloterdijk meinte nicht Kulturtheorie, sondern eine Theoriekultur, die zu ihrer Entfaltung nicht auf eine moderne Wissenschaftsbürokratie angewiesen ist. Denn andernfalls kann die Kultur nichts lernen.

2 Heruntergekommen ist dieser Begriff deshalb, weil er durch die besinnungslose Sabbelei von Marketing-Managern, die durch die Welt ziehen und das „lebenslange Lernen“ predigen, jede Überzeugungskraft verloren hat.

3 Gemeint ist eine gestaltlose, aber wirkende Göttlichkeit. Sloterdijk versteht nichts von Kommunikationstheorie, daher diese Formulierung. Und wer nichts darüber wissen will, kann sich genauso gut mit Kulturtheorie befassen. Siehe dazu: Dirk Johannsen: Das Numinose als kulturwissenschaftliche Kategorie. Norwegische Sagenwelt in religionswissenschaftlicher Deutung. Stuttgart 2008.

4 Das Offenbarungszelt ist der Mittelpunkt israelitischer Anbetung im Alten Testament und stellt das Haus des Herrn dar. Das Offenbarungszelt war ein tragbarer Tempel, der zerlegt und wieder zusammengebaut werden konnte. Es wurde nach dem Auszug aus Ägypten benutzt, während das Volk Israel durch die Wüste wanderte. Sloterdijk meint natürlich die Kommunikation zwischen Unbekannten.

5 Ein solcher Moment kann sich jederzeit und überall ereignen, auch am Hamburger Hauptbahnhof.

6 Anspielung auf einen Vortrag des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen. Dort befand sich ein Altar, der „einem unbekannten Gott“ geweiht war. Paulus verkündet den Athenern diesen unbekannten Gott, die nicht verstanden hatten, was er meinte. Logisch. Der unbekannte Gott war den Athenern unbekannt.

7 Anspielung auf ein Spiegel-Interview aus dem Jahr 1976 mit Martin Heidegger, das den Titel trug: „Nur ein Gott kann uns noch retten.“

8 Enfant terrible, das schreckliche Kind. Gemeint ist die dionysische Wildheit des modernen Menschen, seine zügellose Selbstdisziplin.

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