Ein Ei wie das andere? Das Hühnerei und seine Kontingenz

von Kusanowsky

 

huehnerei2

Für einen Soziologen gibt es Alltagsbanalitäten, die gar nicht komplizierter sein können als die folgende, die ich heute erlebt habe.

Ich wohne in einer ländlichen Gegend, die früher von Bauern bewirtschaftet wurde und in der heute Tierhaltung normal ist. Dazu gehört auch die Haltung von Hühnern. Bei einem Nachbarn kaufe ich Eier, nicht manchmal, sondern immer; das Stück für 20 Cent. Meine Beziehung zu dem Nachbarn ist nicht nur von Bekanntschaft und Vertrautheit geprägt, sondern auch von persönlicher Wertschätzung.
Nun  ist folgendes passiert: Gestern abend kam ich auf seinen Hof um Eier zu kaufen. Er hatte keine mehr und sagte, dass erst am nächsten Tag wieder frische zu bekommen wären. Da ich abends keine Eier mehr brauchte, war es mir das egal, da ich einfach am nächsten Tag, also heute, wiederkehren würde. Die Wege in der Nachbarschaft sind kurz. Nun komme ich heute gegen Mittag auf den Hof des Nachbarn und frage nach Eiern. Da, wo sie sonst liegen, waren keine. Er sagte, er habe extra für mich welche zurück gelegt und gab mir sechs Eier zum Preis von fünfen. Seine Begründung: Das eine Ei sei völlig verschrumpelt, das könne er nicht verkaufen. Ich fragte, woher die Verschrumpelung kommt. Er sagte: es handelt sich um ein altes Huhn, da könnte sowas schon mal vorkommen. In der Massentierhaltung gäbe es sowas nicht, weil da die Hühner nicht so alt würden. Aber das Ei sei so frisch wie alle anderen. Dazu hatte ich gesagt, dass es nicht darauf ankäme wie das Ei aussieht, sondern darauf, ob es frisch ist. Und wenn es frisch ist, ist es völlig egal wie es aussieht. Ich kaufe es trotzdem. Er gestand zu, dass es nicht auf das Aussehen ankäme, aber sein Argument war: „Du weißt doch wie die Leute sind. Sobald es nicht mehr aussieht wie ein normales Ei, kaufen sie das nicht mehr.“ Und er bestand darauf, dass ich 20 Cent weniger zahlen sollte.
Nun, da ich kaum einen Grund fand, das Ei trotzdem zu bezahlen, habe ich ein Ei kostenlos bekommen, obwohl es genauso gut ist wie jedes andere. Natürlich hätte ich es auch bezahlt. Aber es ging nicht. Und ich merkte sofort, dass es auf diese 20 Cent gar nicht ankommt.

Die Geschichte ist banal, aber nur, solange man nicht darüber nachdenkt. Tut man dies aber dennoch, zeigt sich, dass man es mit einer komplett verworren sozialen Situation zu tun hat, die man gar nicht vollständig analysieren kann, weil sie zu kompliziert ist. Deshalb nur eine grobe Analyse mit einer überraschenden Schlussfolgerung.

  1. Die Beziehung zwischen meinen Nachbarn beruht auf Bekanntschaft, Vertrautheit und gegenseitiger Wertschätzung.
  2. Ich bin für ihn kein Zufallskunde. Vielmehr ist es meine Gewohnheit, Eier bei ihm und nur ihm zu kaufen, worauf er sich wiederum verlässt, weshalb er mir Eier aus Gründen der Fürsorglichkeit extra zurück legt, damit ich nicht ein zweites Mal ohne Eier nach Hause gehe.
  3. Nun reichte er mir die Eier, andere hatte er nicht. Dass ich an seiner Auskunft, dass das Ei frisch sei, keinen Zweifel hatte, bezweifelte er gar nicht, denn wir kennen uns gut und trotzdem behandelte er mich wie einen ihm fremden Zufallskunden, von welchem er weiß, dass der anonyme Kunde wiederum nicht weiß, von welcher Qualität ein verschrumpeltes Ei ist. Denn tatsächlich: unter Bedingungen der Anonymität würde man affektiv davor zurückschrecken, ein verschrumpeltes Ei zu kaufen, obgleich das kein Qualitätskriterium ist. Unter Bedingungen der Anonymität der Beziehung spielt die Affektivität eine große Rolle. Man kennt das: Liegen im Supermakrt glänzende Äpfel neben leicht verschrumpelten, würde die Mehrzahl der Kunden die glänzenden kaufen, obgleich der glänzende Apfel nicht notwendigerweise eine bessere Qualität aufweist. Die Wahl geschieht affektiv aufgrund einer Nichtinformiertheit darüber, wie die Qualitätsunterschiede zu bewerten sind, wenn man nicht weiß, wie man die Sorgfalt des Verkäufers einschätzen soll.
  4. Mein Nachbar sagt nun, er „müsse“ mir das Ei schenken, weil abwesende und ihm unbekannte Kunden es nicht kaufen würden. Dass das für mich nicht gilt, weil ich das Ei ja kaufen würde, gilt für ihn plötzlich nicht, obgleich er diese Eier ausdrücklich für mich aufgrund persönlicher Bekanntschaft bestimmt hattte und für keinen anderen.

Verrückt oder?

Mit dieser Analyse ist noch noch lange nicht alles berücksichtigt, aber wenigstens das gröbste. Immerhin scheint mir dieser Punkt interessant: Natürlich ist auch die ländliche Gegend vollständig urbanisiert, eine Stadt/Land-Unterscheidung, die sich differenzierend auf die jeweiligen Lebenslagen auswirkt, gibt es schon lange nicht mehr. Die Verhältnisse von Bekanntschaft und Vertrautheit sind prinzipiell nicht viel anders als in großstädischen Wohnquartieren. Zu diesem Ergebnis würde ein empirischer Sozialforscher kommen und es dabei belassen.
Was der empirische Sozialforscher nicht erkennen könnte ist, dass das Gegenteil damit gar nicht ausgeschlossen ist. Denn dass mein Nachbar mich hinsichtlich einer banalen Verkaufsangelegenheit wie einen Fremden behandelt, obwohl unsere Beziehung in ihrer doppelten Kontingenz vom Gegenteil strukturiert ist, lässt nämlich sehr wohl auf das Gegenteil schließen, indem die Kontingenz der Anonymität eines Marktes in der Struktur der Beziehung nunmehr eingeschlossen ist, wodurch sich eine Codierung der Kommunikation ergibt, die gerade die persönliche Vertrautheit und Wertschätzung dadurch konnotiert, indem die Anonymität durch Einschluss, durch Berücksichtigung als wünschenswert ausgeschlossener Direktionswert der Anschlusskommunikation festgelegt wird. Das heißt, die beiden Beobachter wollen sich auf diese Weise ihrer differenten Lebenslage vergewissern, indem sie sich auf der Basis der lediglich latent beobachtbaren Wertschätzung wie Fremde behandeln, weil allein die Kommunikation damit rechnen kann, dass über den Umweg der Kommunikabilität von Anonymität die Inkommunkabilität der Wertschätzungsbekundung das ist, was sie fortsetzen wird.