Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 5

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Wenn sich Medienwissenschaftler oder irgendwelche Kommunikationsforscher selbst damit beauftragen würden, etwas über Podcasting wissen zu wollen, dann würden sie mehrheitlich eine ganz bekannte Routine abspulen: sie würden erst über Motive für Handlungen von Sendern um Empfängern spekulieren, würden über Habitualisierungskonzepte, über Nutzungsprofile, Aneignungsweisen und Interessen fantasieren und würden dann durch irgendwelche empirischen Erhebungsmethoden herausfinden wollen, ob und wie sie sich in ihren Spekulationen geirrt haben.
Das Interessante an dieser empirischen Forschung ist, dass die zugrunde liegende Theorie, egal zu welchen Ergebnissen irgendeine Studie kommt, immer verifiziert wird. Die Theorie besagt, kurzgefasst: durch Motive von Menschen kommt es zu Handlungen, durch Handlungen zu Kommunikation, durch Kommunikation kommt es zu Mustern des Verhaltens, kommt es zu Nutzungs- und Rezeptionsgewohnheiten, kommt es zu Risiken der Nutzung, kommt es zu Verwicklungen und Problemen, kommt es zu Informationssituationen, kommt es zu Absichten, die dann wieder auf handelnde Subjekte zurückwirken und Handlungen irgendwelcher Art hervorrufen.

Die Theorie empirischer Forschung, die durch keine empirische Forschung widerlegt werden kann, lautet: erkenntnisfähige Subjekte reichern durch Massenmedien ihr Wissen über die Welt an, was sie zu Handlungen bringt, die dann kritisiert werden können, wodurch entsprechende gesellschaftliche Lernprozesse geschehen.1
Zugegeben ist das eine sehr verkürzte Zusammenfassung der Theorie empirischer Forschung, aber auch eine längere und ausführlichere Betrachtung inklusive aller damit verbundenen Differenzierungen würde zu keinem anderen Ergebnis kommen. Jede Art von empirischer Forschung hat die einfache Möglichkeit, sich gegen die theoretischen Grundlagen ihrer Forschung indifferent zu verhalten, weil nämlich die Wissenschaft als Richterin in eigener Sache von sich selbst behaupten darf, die entscheidende Bedingung der Möglichkeit empirischen Wissens bereits geklärt zu haben; und wo sich dies empirisch nicht bestätigen lässt, wird einfach nur auf eine mangelnde Aufgeklärtheit der anderen als zu beseitigendes Defizit hingewiesen.

Da nun diese Art des Zeitvertreibs in letzten 50 Jahren fleißig eingeübt wurde, kann man voraus sehen, zu welcher theoretischen Neuerung diese Forschung kommen würde, wenn sie sich nun mit Podcasting beschäftigen wollte. Die Ergebnisse werden keine anderen sein als diejenigen, die man aus der empirischen Erforschung von Massenmedien bereits kennt. Denn egal, ob Zeitungen und Romane, ob Comics, Computerspiele oder ob Filme erforscht werden, die Ergebnisse sind, da die ersten und letzten Wahrheiten immer nur bestätigt werden, in ihren Grundzügen bekannt. Die erste Wahrheit lautet: handelnde Subjekte verursachen Kommunikation. Die letzte Wahrheit lautet: über die objektiven Ergebnisse subjektiven Handelns kann man berechtigterweise verschiedener Meinung sein. Mehr als das gibt es nicht zu wissen, alles andere ist die Sorge um Stellen, um Formulare, um Forschungsgelder, um Verlängerung von Publikationslisten und das Betreiben von Positionskämpfen im Machtapparat der Universität.
Das ist polemisch, mag sein, aber es gibt keinen Grund, sich darüber zu empören. Denn wenn ich feststelle, dass die empirische Forschung, egal ob die von Kommunikationswissenschaftlern, von Medienwissenschaftlern, von Pädagogen oder Soziologen schon seit geraumer Zeit im Wachkoma2 liegt, so ich sage ich nur etwas, das schon lange keine Sensation mehr ist und darum auch nicht mehr diskutiert werden kann. Denn auch die Kritik an dieser Forschung hat das Stadium des Wachkomas längst erreicht.

Deshalb möchte ich diese Kritik gar nicht vertiefen, sondern auf einen Punkt aufmerksam machen, der in der empirischen Forschung wenig beachtet wird und dort eigentlich auch nicht verstehbar gemacht werden kann.
Es geht dabei um Wissensproduktion, von welcher – soweit sie wissenschaftlich geschieht – bereits bekannt ist, dass sie durch Selbstbeauftragung der Wissenschaft entsteht und darum für sie nicht weiter irritabel ist, weil nämlich die Wissenschaft darin ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und nicht selten ihren Stolz wiedererkennt: sie bestimmt eigenständig, welche Gegenstände der Forschung in Frage kommen und welche nicht.
Dass für den Gegenstand der Forschung etwas Ähnliches gelten mag, dass also auch der Gegenstand der Forschung in gesellschaftliche Zusammenhänge der Wissensproduktion eingebunden ist und ebenfalls selbstbeauftragend und damit selbstreferenziell operiert, kann die empirische Forschung aufgrund ihrer theoretischen Festlegung nicht erkennen. Für die Forschung ist das Individuum theoretisch auf Bedürfnisbefriedigung und auf mehr oder weniger ideosynkratische Aneignungsweisen festgelegt; das Individuum ist eine Nachfrageinstanz, deren Handlungskontingenz nur darin besteht, zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen. Das Individuum handelt in der Masse angeblich bedürfnisorientiert, was für einen empirischen Forscher nicht gilt: der Forscher handelt erkenntnisorientiert, behauptet er und kann es behaupten, weil auch für ihn der Konsument, der dagegen Einspruch erheben könnte, in der Wissenschaft ausgeschaltet ist.

Diese Ausschaltung ist eine wichtige Bedingung dafür, dass auch die Wissenschaft ihre eigene Professionalitäts-Magie ausbilden kann.

Fortsetzung

1 Mandl, Heinz: Wissen und Handeln: Eine theoretische Standortbestimmung. In, ders. u.a. (Hg.): Bericht über den 40. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in München. Göttingen 1997, ab S. 8.

2 Wachkoma bezeichnet hier eine reaktionslose Wachheit, die man in sozialen Verhältnissen überall dort findet, wo die Folgen von Handlungen immer vorhersehbar sind. Zwar ereignen sich Reaktionen, aber man weiß schon, welche Reaktionen darauf folgen. Die Folge ist die Folgenlosigkeit der Kommunikation.

 

 

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