Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 4

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Gelingen kann das deshalb, weil auch andersherum für den Empfänger ein Geheimnis entsteht, und zwar dasjenige um den Sender.1 Die paranoische Fiktion, die für den Empfänger entsteht, schlägt sich, sobald sie sich als standardisierbar erweist, in Prominenz nieder oder in Form von Medienstars. Tolle, schöne, schicke, reiche Leute, die kompetent und zuverlässig, integer, genial und moralisch, vorbildlich und einwandfrei in Erscheinung treten oder in Erscheinung treten sollten, inklusive aller daran hängenden Obszönitäten und folglich auch aller Enttäuschungen, auf die die Professionalitäts-Magie dringend angewiesen ist, damit sie für die unverzichtbare Konkurrenz die Beeindruckungsspirale in Schwung halten kann.
Die Professionalitäts-Magie gelingt umso zuverlässiger, je weniger die Versprechungen erfüllt werden können, durch die die Aufmerksamkeit für das Programm wach gehalten wird. Denn es sind gerade die durch die erfolgreiche Kommunikation anfallenden Informationsdefizite, die ein Engagement des Zuhörers befördern.
Das Rätsel, das der Sender für den Empfänger ist, besteht in seiner offenbaren Kompetenz, die berichten und kommentieren, die aber auch ablenken und unterhalten, die skandalisieren und natürlich auch langweilen kann. Die gängige Rede von der Lügen-Presse bestätigt diese Erwartungen, die das ausgeschaltete Publikum an den ausgeschalteten Sender richtet. Sie macht auf dem Wege der Negation Erwartungen an eben diese Professionalitäts-Magie sichtbar, weshalb die Sendeanstalten dieses Thema gerade wegen seiner Paradoxie mit besonderer Wichtigkeit versehen.

Die wichtigste Leistung der Professionalitäts-Magie besteht darin, die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die Risiken, die mit der Produktion verbunden sind, dem Zuhörer zu entziehen. Man soll nicht sehen und nicht hören, wie anstrengend, wie kompliziert und wie diszipliniert alles vonstatten geht, weshalb aus diesem Grunde Pleiten und Pannen, wenn sie sich dann doch ereignen, wiederum von besonderem Aufmerksamkeitswert sind: Versprecher, falsche Einspielungen, plötzlicher Abbruch von Sendeleitungen und alle anderen Arten von technischen Fehlleistungen. Wichtig sind vor allem, das mag besonders für Fernsehsendungen gelten, gerade in vollständig durchgeplanten Talkshows, die Entgleisungen von Gästen: ein schlechtes Benehmen und deviantes Verhalten aller Art, sei es, dass sie betrunken auftreten, sei es, dass sie das Publikum beschimpfen oder – was eher selten passiert – dass Prügeleien entstehen. Oder man denke als Beispiel an den grundlosen Lachanfall einer Tagesschau-Sprecherin, der es fast nicht mehr gelungen war, sich zusammenzureißen.
Immer dann, wenn die Routinen der Professionalitäts-Magie unterlaufen oder sabotiert werden, wenn sie scheitern, stellt der Zuhörer oder Zuschauer fest, dass sie funktioniert und was sie leisten kann. Und in dem Maße wie die Wirkungsweise dieser Professionalitäts-Magie von den Sendern beim Publikum abgefragt wird, darf der Sender ganz unverschämt und selbstsicher von seiner Kompetenz sprechen, weil er nicht wissen muss woher sie kommt; allein, es reicht ihm aus, die Routinen der Aneignung und Durchführung des Anscheins dieser Art von Professionalität weiter zu betreiben, weil der Sender durch nichts daran gehindert wird, solange sich diese Struktur massenmedialer Perfektibilität2 mit Ausschließlichkeit funktional entfaltet.

Im Verhältnis zu dieser zweifellos beeindruckenden Professionalitäts-Magie erscheinen diese Internet-Podcasts als reichlich primitiv und amateurhaft, dilettantisch und ob ihrer mehrheitlich auf Banalitäten ausgerichteten Inhalte eigentlich nicht besonders bemerkenswert. Es täuscht sich keiner, der meint, dass es sich dabei größtenteils um überflüssige Sabbelei handelt, ein Urteil, das auch dann gelten mag, wenn man zuweilen den einen oder anderen Podcast findet, der diesem Urteil nicht entspricht.
Es darf aber gefragt werden, wie sich die Faszination dafür erklären lässt, wenn man feststellt, dass zwar die gesamtmediale Relevanz der Podcasts nicht sehr groß ist, sie aber trotzdem eine, wenn auch in eine Nische gehörende, Faszination bewirken, die man nicht einfach als vorübergehendes Phänomen oder als Mode abqualifizieren kann. Wie und wodurch entsteht die Faszination für diese Podcasts, denen jede Professionalitäts-Magie abgeht?

Diese Frage möchte ich so beantworten: die Faszination dafür entsteht nicht länger durch die Einschaltung von Sende- und Empfangsgeräten, die Sender und Empfänger für einander ausschalten, sondern sie entsteht erstens durch die Einschaltung eines Ausschaltungsgerätes und zweitens in der Folge durch eine Arrangement von Geräten, gemeint ist Internet und die ganze Technologie seiner Nutzung, das diese Ausschaltungsgeräte schließlich ausschaltet – die Faszination entsteht durch die Ausschaltung der Ausschaltung.

Fortsetzung

1 Siehe dazu sehr interessant: Westerbarkey, Joachim: Das Geheimnis: Zur funktionalen Ambivalenz von Kommunikationsstrukturen. Opladen 1991. Darin: Kapitel 5: Bedingungen und Folgen von (Nicht-)Wissen, S. 109 – 168.

2 Angespielt sei hiermit auf die Analysen von Michel Foucault in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“. Darin erläutert Foucault seine Skepsis hinsichtlich der gängigen Vorstellungen vom ständigen Zuwachs der Rationalität. Die moderne Wissenschaft erliegt einer Fiktion der Perfektibilität der Vernunft, was besonders in der ihnen eigenen Überhöhung des Subjektgedankens zum Ausdruck gelangt. Für den Fall von Massenmedien gilt etwas ähnliches, erkennbar an der Sichtbarmachung professioneller Medienmacher, von denen keiner weiß wie sie das machen. Dass sie all dies nicht machen, ist schwer zu beweisen.

Advertisements