Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 3

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Das Massenmedium Radio macht, dass für den Sender die Masse der Zuhörer, der Empfänger, eine paranoische Fiktion ist, eine unerkennbare, undurchschaubare, unerreichbare Realität, über die man nichts weiß, sobald man für sie und nur für sie etwas produziert, das den nichts angeht, der es anbietet. Der Sender muss, damit er sich um sich selbst kümmern kann, sein Interesse am Interesse des Empfängers ausrichten. Entsprechend muss der Sender einen erheblichen Aufwand leisten, um über die Masse der Unbekannten etwas in Erfahrung zu bringen: Einschaltquoten, Marktforschung, Konsumentenanalyse, Rezeptionsgewohnheiten; er muss ein statistisches Durchschnittsprofil des Empfängers ermitteln; er muss heraus finden, wer der Hörer ist und was er hören will, eben weil der Sender durch Einschaltung seines Apparates plötzlich nichts darüber weiß, wer auf der anderen Seite zuhört und warum.
Aber: der Hörer, der Nutzer ist dann nur eine Fiktion, die durch Statistik standardisiert wird; eine Leistung, die sich nur aus den Auswertungen des entsprechenden Datenmaterials ergibt, das der Sender gemäß seiner eigenen Anforderungen erhebt und auswertet: Der Sender weiß über den Empfänger nur das, was er wissen will und wissen muss unter der Bedingung der Fortsetzbarkeit des Programms, das heißt: der Sender konstruiert sich sein Wissen um den Empfänger selbst; und der Empfänger kann nicht eingreifen, weil er erstens nur eine Fiktion und zweitens unerreichbar ist, solange er durch Einschaltung seines Apparates ausgeschaltet bleibt. So kommt der Sender in die Situation, den Empfänger beeindrucken zu müssen.

Das Resultat dieser Bemühungen um Beeindruckung schlägt sich nieder in der Zurschaustellung einer Professionalitäts-Magie: Der Sender spricht für den Empfänger über die objektive Realität; über die Wahrheit der Zusammenhänge und Hintergründe; über das, was tatsächlich dahinter steckt; über alles Wichtige, das in der Welt geschieht; über das Versagen der anderen, also über Skandale, und fragt anschließend die Empörung ab, die der Sender selber stimuliert hat – er berichtet also wieder nur über selbst erzeugte Differenzen.
Alles im Dienste eines Phantoms, einer paranoischen Fiktion, die durch Kapitalaufwand und Statistik, durch Arbeitsteilung in der Organisation der Sendeanstalt und durch Vertragshandeln mit Lieferanten standardisiert und schließlich von der Magie der Professionalität in Erwartungswerte über soziale Verhältnisse verwandelt wird.

Darin besteht die gesellschaftliche Realität der massenmedialen Fiktion, die auf das Geheimnis über den Empfänger reagiert, sobald das Dispositiv ein Nichtwissen um die Bedingung der Möglichkeit des Zustandekommens massenmedialer Kommunikation auswirft. Das Wort dafür ist “Kultur- oder Bewusstseinsindustrie”1 und meint eigentlich nur die eigenwillig angestrebte Notwendigkeit einer beschränkten Weltwahrnehmung, die auch auf jene Leute zutrifft, die mit diesem Wort wirken und beeindrucken wollen, denn sie können dies nur massenmedial, indem sie die Wirkungsweise der Massenmedien mit Geringschätzung versehen und auf diese Weise glauben wollen, auf der richtigen Seite der Vernunft zu stehen.
Damit wird jedoch ein Recht auf Nichtwissen gerechtfertigt,2 weil angeblich das Problem, das durch massenmediale Kommunikation entsteht, nicht als Rätsel, nicht als Geheimnis aufgefasst werden dürfe. Man solle sich nicht wundern, weil es für alles einen Grunde gäbe. Und wo keine Gründe erkennbar sind, werden einfach welche erfunden, weil dies erlaubt und darum erwartet wird.
Denn wer aufklären will braucht ein Sendungsbewusstsein, das sich nicht von Geheimnissen bremsen lassen kann, auch nicht durch die Produktion derselben: Der Empfänger als Ware, die angeblich bedient zu werden verlangt – ein undurchschaubares Zauberding wie jede andere Ware auch.

Fortsetzung

1 Behrens,Roger: Kulturindustrie. Bielefeld 2004.

2 Trotzdem handelt es sich nur um eine ignorantia facti wie man im Strafrecht sagen würde. Der Handelnde ist nur unvollständig über die Situation informiert, handelt aber so, als ob des Gegenteil der Fall wäre. Dieser Irrtum ergibt sich allein aus der Struktur, die so was glaubhaft machen kann.