Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 1

von Kusanowsky

Dies ist ein längerer, soziologischer, radiotheoretischer, etwas komplizierter und mehrteiliger Text über den Unterschied von Radiosendungen und Podcasts. Der Unterschied wird dadurch erklärt, dass Podcasts den Verzicht auf eine Professionalitäts-Magie leisten. Dieser Verzicht verweist auf einen Differenzierungsgewinn der Gesellschaft, in der es nicht mehr darauf ankommt,  die Standardisierungsleistungen und die damit verbundene Welterfahrung von konventionellen Massenmedien zu gewährleisten.


Am Ende des letzten Teils ist wird Audio-Datei verlinkt, in der der Text vorgelesen wird.

Es gibt im deutschsprachigen Raum ein nicht zu heilendes Leiden: immer, wenn es darauf ankommt, über etwas, das alle hinreichend kennen, anders als auf gewohnte Weise zu sprechen oder zu schreiben, scheint die Sache, um die es geht, mit einen Anglizismus bezeichnet werden zu müssen. Warum das geschieht und wie es dazu kommt weiß keiner,1 aber mindestens wird so eine Differenz eingeführt. Jedoch wird das Zudifferenzierende auf diese Weise merkwürdig indifferent behandelt. Es wird sprachlich ein Unterschied markiert, den einerseits jeder bemerkt, ohne dass andererseits zugleich eine Reflexion über den Unterschied unterscheidbar wird. Man ist damit der Notwendigkeit enthoben zu erklären, was das Andere oder Neue ist, über das auf neue oder andere Weise kommuniziert wird. Stattdessen werden die Anglizismen einfach weiter verwendet, womit anheim gestellt wird, dass alle anderen schon wüssten, was gemeint sei, ohne, dass dies explizit gesagt oder erklärt werden müsse: Radiosendungen heißen jetzt Podcasts. Warum? Egal, keiner weiß es; und man redet oder schreibt einfach weiter, weil das – soweit ist der Volksmund kommunikationstheoretisch auf der richtigen Seite – auch keiner wissen muss.

Allein, es geht um den Unterschied. Aber was macht den Unterschied aus? Eben dies kann dann nicht mehr so einfach kommunikabel werden, weil der Unterschied ohnehin schon irgendwie eingeschmuggelt worden ist, sofern die Kommunikation den Anglizismus nur weiter verwendet. Die Veränderung geht vor sich, aber was ist das Verändernde, das die Veränderung des Erlebens bewirkt?2 Warum hören die Leute Podcasts und nicht Radiosendungen, wenn doch das Erleben von Radiosendungen viel mehr Vertrautheit verspricht? Und wie erklärt man die Veränderung, die Bereitschaft, sich auf Veränderung einzulassen, zumal, wenn sie mit Zumutungen verbunden ist? Denn Gewohnheiten ändern heißt: Zumutungen bewältigen, und das kostet immer etwas. Warum also Kosten, Aufwand, Anstrengung, Konzentration übernehmen, wenn man noch nicht weiß, was die Veränderung bringen wird, wenn man die Folgen nicht kennt? Wenn man noch nicht weiß, wofür es sich lohnt?

Mit der Wahl des Anglizismus wird etwas Bekanntes und Vertrautes auf andere und neue Weise erlebbar, keine Frage – und es spricht tatsächlich nichts dagegen, Gewohnheiten zu ändern. Aber hat diese Inflation von Anglizismen nicht auch etwas Kreuzdämliches an sich? Ist das nicht eine Art von besinnungsloser Geschwätzigkeit? – Ich will das zwar glauben, aber nicht weiter kommentieren, um mich nicht mit paranoiden Liebhabern der deutschen Sprache verwechselbar zu machen. Denn es geht ja nicht um Sprachliebhaberei, sondern um die Kommunikation eines Unterschieds.

Was unterscheidet eine Radiosendung von einem Podcast?3 – Wenn wir zugeben, dass beides eigentlich dasselbe ist, das nunmehr auf andere und unvertraute Weise erlebbar wird.

Nun, es ist klar, dass der Unterschied nicht in der Wahl des sprachlichen Ausdrucks liegt, sondern in der Feststellung: das eine ist eine Radiosendung genauso wie der Podcast eine ist. Aber das andere, der Podcast wird auffällig durch den den Verzicht auf eine vertraute Professionalitäts-Magie, ein Verzicht, der einen komplexeren Folgenreichtum aufweist als eine Radiosendung, was daher kommt, dass die konventionelle Radiosendung angepasst ist auf Strukturen, die es vermeiden, die entscheidende Bedingung erfolgreicher Kommunikation beobachtbar zu machen.
Der Verlust oder der Verzicht auf eine solche Struktur macht nun einen Unterschied erkennbar. Dieser Unterschied wird bemerkt und scheint mir wirksam zu sein, aber er ist schwer zu beschreiben und in seiner Relevanz zu erklären, was vielleicht auch daher kommt, dass gerade der Anglizismus die Beschreibung des Unterschieds behindert und zugleich dafür sorgt, dass der Unterschied wenig relevant bleibt.

Also versuchen wir trotzdem eine Beschreibung des Unterschieds.

Fortsetzung

1 Die empirische Forschung kann zwar zählen und bewerten, aber wie der Prozess der Differenzbildung durch Übernahme von Anglizismen abläuft wird ihr immer ein Geheimnis bleiben. Siehe dazu: Schiemichen, Susanne: Das ‚fremde Bekannte‘. Über die Verwendung von Fremdsprachen in Werbeanzeigen deutschsprachiger Publikumszeitschriften. Norderstedt 2005.

2 Theologisch gesehen handelt es sich dabei um die Unterscheidung von potentia ordinata und potentia absoluta. Siehe dazu: Schröcker, Hubert: Das Verhältnis der Allmacht Gottes zum Kontradiktionsprinzip nach Wilhelm von Ockahm. Berlin 2003, S. 47 – 49.

3 Teuflischerweise leistet die Wahl eines Anglizismus der empirischen Forschung einen Bärendienst, indem durch die Differenz dafür gesorgt wird, dass man etwas Neues auf alte Weise behandeln kann. Siehe dazu: Lauber, Achim; Ulrike Wagner und Helga Theunert: Internetradio und Podcasts – neue Medien zwischen Radio und Internet. Eine explorative Studie zur Aneignung neuer Audioangebote im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). München 2007. http://www.jugendkunstschule.jff.de/dateien/Endbericht_Internetradio_Podcasts1.pdf